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02. Oktober 2009
"Orientierung fällt uns schwer"
BZ-Gespräch mit dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über die besondere Beziehung der Deutschen zur Angst
Besonders furchtsam sollen die Deutschen sein, weshalb man im Englischen gerne von der "German Angst" spricht. Seit Urzeiten ist das Gefühl der Angst ein Begleiter des Menschen, doch die Deutschen pflegen ein besonderes Verhältnis zu ihm. Zum Tag der Deutschen Einheit sprachen Michael Gleich und Hajo Schuhmacher mit dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über das deutsche Optimismusdefizit und das Erbe der 68er-Generation.
BZ: Herr Schmidbauer, Sie haben immer wieder über das Thema Angst geschrieben. Haben Sie in diesem Moment, wo das Interview beginnt, Angst?Schmidbauer: Nein, ich bin ein bisschen aufgeregt, aber das empfinde ich eher als angenehm.
BZ: Jeder redet von Angst – was ist das eigentlich?
Schmidbauer: Angst ist ein sehr altes Gefühl, ähnlich wie der Schmerz. Wir brauchen es, um nicht in Gefahrensituationen zu geraten. Unser Nervensystem, das in der Steinzeit entstanden ist, entwickelte einen Mechanismus, um vor Feinden zu fliehen und sich bei Bedrohung maximal anzustrengen. Unter primitiven Umständen wissen wir, was wir fürchten. Wir müssen dem Säbelzahntiger entkommen. Die Zivilisation macht Ängste zum Dauerzustand – wir hängen von einem Chef ab, der uns ängstigt, und können nicht aus dem Büro fliehen. Heftige Angst gehört zu den unangenehmsten Gefühlszuständen. Angstkranke, die später einen Herzinfarkt durchgemacht haben, erinnerten die Panikattacken noch unangenehmer als den Infarktschmerz.
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BZ: Bei anderen Völkern gelten wir Deutschen als besonders furchtsam. Der Begriff "German Angst" ist im Englischen geläufig. Können Sie diesen Befund bestätigen?
Schmidbauer: Dieser Eindruck entstand, als in den siebziger, achtziger Jahren die Umweltbewegung aufkam. Die Deutschen waren sensibler als andere Nationen gegenüber ökologischen Gefahren, etwa radioaktive Verstrahlung oder Waldsterben.
BZ: Haben wir ein Optimismusdefizit?
Schmidbauer: Es fällt uns schwerer als anderen Völkern, Zuversicht zu entwickeln. Meine Suche nach einer Erklärung geht in die Zeit des Dritten Reiches zurück. Dass eine Mehrheit der Deutschen damals Hitler gewählt und ihm zugejubelt hat, zerstörte nach dem Zusammenbruch dieses Glaubens an Führer und völkische Überlegenheit das Vertrauen in die eigene Struktur. Und den Glauben an die eigene Nation.
BZ: Denken Sie allen Ernstes, dass unsere Panik-Attacken wegen Schweinegrippe ihre Wurzeln in der Nazizeit haben?
Schmidbauer: Ganz sicher. Angst kann von Generation zu Generation weitergegeben werden, wenn man sie nicht bearbeitet. Kinder spüren die Unsicherheit ihrer Eltern, nehmen sie auf und vererben sie ihrerseits weiter. Die Deutschen, die den Krieg miterlebt haben, gehören für mich zur "verletzten Generation". Nach der Kapitulation 1945 fühlten sie sich innerlich leer. Alles, was sie idealisiert hatten, wurde entwertet. Um emotional überleben zu können, verdrängten sie das Geschehen. Sie schwiegen und taten lange Zeit so, als wäre eigentlich nichts passiert. Sie waren, wie der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich richtig bemerkte, unfähig, um den Verlust von Grandiosität zu trauern.
BZ: Aber offensichtlich auch unfähig, sich richtig zu freuen.
Schmidbauer: Das habe ich bei vielen Patienten aus der Kriegsgeneration gesehen. Euphorische Freude haben sie sich verboten, denn das war etwas, was einem genommen werden kann. Meine Mutter sagte mir immer: "Die Vögel, die am Morgen am hellsten singen, frisst am Abend die Katze." Auch bei Patienten mit Flüchtlingseltern zeigt sich, wie das Vorsichtige und Ängstliche alles bestimmt – eine Reaktion darauf, dass die Generation davor alles verloren hatte. Das sind keine Einzelfälle, wir sprechen immerhin von einigen Millionen Flüchtlingen.
BZ: Deren Kinder, die sogenannten 68er, be- zeichnen Sie als die "überschätzte Generation" – warum?
Schmidbauer: Die 68er-Generation hat das Trauma ihrer Eltern überkompensiert. Die wollten alles anders, alles besser machen. Ihre Revolution sollte die Welt verändern, den Staat, die Paarbeziehungen. Traumatisierte Menschen neigen entweder zur ängstlichen Einschränkung oder zur Manie. Bei den 68ern schlug das Pendel in Richtung Größenwahn aus. Sie hatten es schwer, eine realistische Weltsicht zu entwickeln.
BZ: Wie war das bei Ihnen selbst?
Schmidbauer: Ich war vor 1968 mit dem Studium fertig, für mich war die Universität als Institution noch verbunden mit Angst. Nicht nur die Professoren wurden gesiezt, auch die Kommilitonen. Noch heute habe ich ein mulmiges Gefühl, wenn ich durch lange, dunkle Korridore eines alten Fakultätsgebäudes gehe. Für meine Frau, die zu den 68ern gehört, ist die Uni eher ein Ort, wo sich eine ganze Generation die Freiheit erkämpfen wollte. Und wo sie auch die Gefühlsbeziehungen zwischen Mann und Frau umkrempeln wollte.
BZ: Die sogenannte Beziehungskiste?
Schmidbauer: Genau. Die 68er hatten nicht nur Marx gelesen, sondern auch Freud und Wilhelm Reich. Die marxistische Revolution war aus ihrer Sicht unvollständig, weil Marx nichts von Gefühlen verstand. Sie folgten der Illusion, dass sie ihren Kindern nur genug sozialistisches Liedgut beibringen und das Triebleben freisetzen müssten, dann würde der neue, antiautoritäre, garantiert faschismusfreie Mensch geschaffen. Und wenn die lieben Kleinen nicht mitspielten, wurden sie als Opportunisten beschimpft. Solche Geschichten haben mir Patienten tatsächlich erzählt.
BZ: Wieso bezeichnen Sie die Kinder der 68er als die "phobische Generation"?
Schmidbauer: Wenn ein Kind von Eltern erzogen wird, die sich selbst überschätzen, kann es nur ängstlich werden. Manche Kinder der 68er haben das Gefühl, ihre Eltern hätten ihnen nichts zum Erobern übrig gelassen. Darüber hinaus führt die antiautoritäre Verwöhnung später zu Ängsten. Wenn jemand als Kind wenig Grenzen verarbeiten musste und später ständig auf Grenzen stößt, ist Angst eine natürliche Reaktion. Als ich zum Beispiel fertig studiert hatte, war klar: Die Gesellschaft wartet auf Studienabgänger. Also bin ich erstmal für fünf Jahre nach Italien gegangen. Meine Kinder würden sich das nicht mehr trauen. Sie haben Angst davor, nicht qualifiziert genug zu sein und keinen Platz in der Gesellschaft zu finden.
BZ: Wie schätzen Sie die Gefühlslage der nächsten Generation ein, der Enkel der 68er?
Schmidbauer: Das ist schwierig zu prognostizieren. Vermutlich genauso ängstlich wie ihre Eltern. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Angst das Lebensgefühl der Moderne wird. Innere Sicherheit im psychologischen Sinne fehlt. Wenn alles mit allem vernetzt ist, wächst im Alltag die Unübersichtlichkeit. Orientierung fällt uns zunehmend schwer. Die Finanzkrise, deren Beginn und Verlauf nicht einmal von Experten verstanden wird, ist ein gutes Beispiel für aktuelle Angstauslöser.
BZ: Aber gilt das heute noch? Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wird immer wieder als Zeichen gewertet, dass die Deutschen zu einem entspannten Nationalgefühl, zu mehr Zuversicht gefunden haben.
Schmidbauer: Vielleicht ist das auch nur in der Sportberichterstattung so. Ich empfinde diese zur Schau getragene Zuversicht als aufgesetzt und geradezu naiv. Etwa wenn beide Trainer vor dem Spiel verkünden, dass sie auf jeden Fall gewinnen werden. Und man weiß, dass es maximal einen Sieger geben kann. Dennoch ist die WM ein interessantes Phänomen. Wir haben Traditionen verloren, einen gesellschaftlichen Konsens, der über lange Zeit galt. Wenn in früheren Zeiten eine Stadt beschlossen hatte, einen Dom zu bauen, war das ein Projekt für viele Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte. Über diesen Zeitraum hinweg musste man an einem Strang ziehen.
BZ: Und das funktioniert heute nicht mehr?
Schmidbauer: Anstelle von Traditionen schaffen heute Events ein Gefühl des Zusammenhalts. Das funktioniert bei Ereignissen, die klare und starke Emotionen auslösen. Etwa ein Fußballgroßereignis, aber auch eine drohende Pandemie wie die Schweinegrippe. Die Wirkung hält allerdings nur kurz an. Dann brauchen wir ein neues Event, das uns die Illusion von Gemeinschaft gibt.
BZ: Ist es für den Zusammenhalt wirklich egal, ob ein Event Freude oder Bedrohungsgefühle auslöst?
Schmidbauer: Es gibt eine positive Seite der Angst: die Erleichterung, wenn sie vorbei ist und sich herausstellt, dass alles harmlos war. Wenn wir wieder Schnitzel essen können, ohne zu fürchten, Prionen zu verschlucken, wenn wir Zugvögel über uns hinwegziehen sehen, ohne zu befürchten, dass sie die Vogelgrippe streuen. Was folgt, ist ein großes, kurzes Aufatmen. Erst kollektive Erregung, dann wieder kollektive Entspannung – bis zum nächsten Event. Ich finde das sehr problematisch, weil unsere Umweltprobleme eben keine Eventstruktur haben. Die entfalten sich langfristig und bräuchten kontinuierliche Aufmerksamkeit.
BZ: Gibt es auch einen positiven Effekt der deutschen Angst? Wir marschieren nicht so leichtfertig in andere Länder ein, die Bundesrepublik möchte außenpolitisch als Friedensmacht auftreten.
Schmidbauer: Ich kann nicht erkennen, dass Deutschland selbstbewusst in der Welt auftritt und sagt, Leute, wir haben aus den traumatischen Erfahrungen mit Militarismus und Menschenrechtsverletzungen gelernt, wir machen das jetzt ganz anders. In Wirklichkeit lehnt sich das Land ängstlich an seine Bündnispartner an. Wenn die Amerikaner in Afghanistan Krieg führen, dann zieht Deutschland mit. Darin liegt viel Angepasstheit.
BZ: Wünschen Sie sich mehr friedfertiges Selbstbewusstsein in der Außenpolitik?
Schmidbauer: Das ist mehr ein Traum als ein Wunsch. Und dennoch sehe ich gewisse Chancen, dass unser Land zukünftig eine andere Haltung zu Krieg und Gewalt einnimmt. Nach 1945 war das Trauma der kollektiven Brutalität so groß, dass es verdrängt werden musste. Aber heute haben wir günstige Bedingungen, uns der eigenen Gewalt zu stellen. Nach der Wiedervereinigung gab es – ähnlich wie 1968 – einen starken Schub, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
BZ: Jetzt haben Sie so viel über deutsche Traumata, Neurosen und Ängste gesprochen – sagen Sie doch auch mal was Nettes über die Deutschen!
Schmidbauer: Ich bin doch nicht der Motivationstrainer der Bundesrepublik, sondern allenfalls ein kritischer Beobachter! Aber eines kann ich sagen: Positiv finde ich immer wieder den starken Willen, aus der Vergangenheit zu lernen.
Autor: bz
