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19. März 2014

Reportage

Selbstversorgung liegt im Trend, aber klappt es auch?

Kartoffeln im Garten, Hühner im Stall, Waschen mit eigenem Strom – Selbstversorgung liegt im Trend, aber klappt es auch? Von zweien, die es versuchen.

  1. Ralf Roesberger lebt den Traum eines Aussteigers Foto: Bernhard Honnigfort

  2. Kurzholztransporter mit Nullemission: Christian Kuhtz auf seinem Lastendrahtesel Foto: Silke Goes

Es kommt nicht oft vor, dass Ralf Roesberger schlecht gelaunt ist. Vor Kurzem war er es doch, und wie es seine Art ist, teilte er es der Welt per Internet mit. Der kleine Film, eine Minute lang, ist ein Wutausbruch. Ein Kasten mit Bienenvolk war ihm aus seinem Garten gestohlen worden. "Junge, Junge, was gibt es doch für kranke Menschen in diesem Land", schimpft Herr Roesberger.

Normalerweise sind die Filme des Herrn Roesberger humorvoll und kurzweilig. Mehr als 200 hat er schon ins Netz gestellt. Sie spielen alle in seinem Garten in Rommerskirchen, handeln vom Kartoffelanbau, von der Hühnerzucht, vom Kaninchenschlachten, von einem verletzten Hahn, von der Vogelmiere, dem Versuch, einen Bienenschwarm einzufangen oder Holunderblütensirup herzustellen. Roesberger macht fast alles, er probiert es aus, manches gelingt, manches nicht.

Er ist kein Freak und kein Ideologe. Er will niemanden belehren oder umerziehen. Einfach nur machen und zeigen. Er redet dazu rheinischen Dialekt, sitzt gerne im Gras, und das Ganze klingt dann ein bisschen wie "Sendung mit der Maus" plus ein Spritzer Alltagsweisheit. Roesberger ist längst eine kleine Berühmtheit im Netz, seine Seite ist für die Werbung interessant geworden. Jeden Tag klicken 5000 Menschen "Neulichimgarten.de" und seinen "Selbstversorgerkanal" an, im Frühling und Sommer, wenn alles sprießt und blüht, sind es 25 000.

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Herr Roesberger aus Rommerskirchen gehört zu einer wachsenden Gemeinde in Deutschland: Leuten, die sich aus unterschiedlichen Gründen ausklinken wollen aus dem großen Strom, die ihre Lebensmittel größtenteils selber fabrizieren möchten, Tomaten, Kartoffeln, Möhren und Bohnen, die eigene Wärme, eigene Elektrizität selber machen wollen: Selbstversorger. Was vor Jahrzehnten als Hippie- und Aussteigertraum begann, stößt bei immer mehr Menschen auf Interesse.

"Wir wären nach drei

Monaten verhungert."
Ralf Roesberger, Selbstversorger
Die einen wollen eine gesunde Ernährung oder suchen ihr Heil beim Buddeln im Beet, andere misstrauen der Lebensmittelindustrie oder machen in ihrem Gärtchen spirituelle Erfahrungen oder sind auf dem Weg "back to eden", wieder andere fürchten den globalen Finanzcrash und Inflation, erinnern sich an die Erzählungen der Großeltern und denken plötzlich an Grund und Boden und Vorratshaltung. So wie Susanne Schmidt, die als Bankerin lange in London arbeitete und beim Börsencrash im Herbst 2008 plötzlich heilfroh war, einen großen Garten auf dem Land zu haben und notfalls "zur Selbstversorgung" alles Nötige anbauen und Hühner und zwei Schweine halten zu können. "Ich hatte Angst", schreibt die Tochter des Altkanzlers in ihrem Buch "Markt ohne Moral".

In den Gartenabteilungen der Buchhandlungen gibt es seit einiger Zeit die nötige Selbstversorgerliteratur in den Regalen. Bücher, die den Garten- und Balkonbesitzer zur Selbstversorgung ermuntern und Großes versprechen: "Selbstversorgung – auf kleinstem Raum" oder "Handbuch für das Überleben in Krisenzeiten". Klassiker wie John Seymours "Das große Buch vom Leben auf dem Lande" verkaufen sich wieder. Oder das Buch des Briten Brett L. Markham, der waghalsig behauptet, mit einem Tausend Quadratmeter großen Garten sei es möglich, 85 Prozent des Bedarfs einer vierköpfigen Familie zu decken – obendrein seien auch noch jährlich 7000 Euro durch Gemüseverkauf auf dem Markt zu verdienen.

Eine alte Idee wird wiederbelebt. "Ziel ist es, eines fernen Tages unsere vierköpfige Familie voll und ganz mit dem zu ernähren, was wir selbst anbauen oder produzieren", beginnt Ralf Roesbergers Internetseite. Gar nicht so einfach. Bis dorthin, Roesberger hat es selbst erfahren, hat er noch einen langen Weg vor sich.

Es ist ein windiger Vormittag, und der Mann mit der Mütze steht neben dem Himbeerbeet in seinem 2000 Quadratmeter großen Garten. Vor vier Jahren zog er mit seiner Frau und den beiden Jungen in das Reihenhaus nach Rommerskirchen. Gerade ist er zum Hühnerstall gestiefelt. Selbstversorgung? Er erzählt, dass er alles einmal genau ausgerechnet habe. Alles, was er im Garten angebaut habe, umgerechnet in Kalorien. Obst und Gemüse, die vielen Kartoffeln, 440 Kilo allein vergangenes Jahr, alles. "Läppische 600 Kalorien pro Person und Tag", sagt er, sind herausgekommen. "Wir wären nach drei Monaten verhungert." Er und seine Frau – das würde vielleicht gerade so gehen, rein hypothetisch. Aber, sagt er, so ohne Getreide, ohne Öl, Butter und Milch? "Wie soll man das hinkriegen?" Solch ein Leben will Herr Roesberger auch gar nicht führen.

Tatsächlich ist echte Selbstversorgung nur den allerwenigsten möglich, auch wenn die Gartenbuchregale gerade anderes versprechen. In der Stadt utopischer Quatsch, auf dem Lande nur etwas für Großgrundbesitzer. Die Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft Baden-Württemberg hat vor Jahren mal durchgerechnet, wie viel Fläche ein Deutscher pro Jahr bräuchte, um sich davon zu ernähren. Rein theoretisch wären es 2500 Quadratmeter Boden. Aber nur bei fast vegetarischer Ernährung. Tierhaltung und ein Fleischverbrauch von derzeit fast 60 Kilo pro Kopf und Jahr scheiden wegen des nötigen viel zu großen Flächenverbrauchs aus. Rein praktisch geht Selbstversorgung schon deshalb nicht, weil Deutschland schlicht zu klein dafür wäre. Aber muss ja auch nicht sein. Man sollte die Sache mit der Selbstversorgung nicht wortwörtlich nehmen.

Herr Roesberger hat seine Hühner gefüttert, das Gatter geschlossen. Gegen Mittag muss er sich um die beiden Jungs kümmern, die aus Schule und Kindergarten kommen. "Ich bin kein Aussteiger", sagt er, "kein Extremist. Auch wir essen Pizza oder mal einen Burger." Es gehe um den "Einstieg in ein anderes Leben", sagt er. "Ein bisschen weg vom reinen Konsum." Weg vom neuesten Handy, dem größten Flachbildschirm und solchen Dingen. Eigentlich geht es ihm darum, durch etwas weniger etwas mehr vom Leben zu haben. Und darum, den Leuten im Internet zu erzählen, dass so etwas auch geht. Und manchmal auch nicht.

Selbstversorgungsversuche müssen nicht auf den Garten oder die Lebensmittelherstellung beschränkt sein. Wenn man einmal erleben möchte, wie weit man es mitten in Deutschland treiben kann, sollte man Christian Kuhtz besuchen, der am Rand von Kiel mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen lebt.

Kuhtz ist ein Tüftler, ein freundlicher Mann mit dichtem Bart, der 1995 ein baufälliges Haus bezog und sich an die Arbeit machte. Das Wort Abfall scheint es für ihn gar nicht zu geben, fast alles lässt sich verwenden, fast nichts ist ohne einen Wert. "Ich habe einfach viel Spaß am Selbermachen", sagt er. Er erzeugt seinen Strom selbst, die Wärme in seinem Haus, sogar die Schuhe an seinen Füßen hat er selbst geschustert. Vor acht Jahren. Man kann ihn nicht anrufen oder ihm eine Mail schicken. Wer Kontakt aufnehmen will, muss einen Brief schreiben.

Als Kind bastelte er an alten Weckern, als Jugendlicher baute er aus alten Teilen Fahrräder und reparierte Nähmaschinen, einmal fand er auf einer Müllkippe Kanister mit Hektolitern Öl, weggeworfen von der Bundeswehr. Damals war Ölkrise in der alten Bundesrepublik und Kuhtz dachte sich: "Die Leute sind doch verrückt. Das lässt sich doch besser machen." Damals bekam er eine Ahnung vom Ausmaß der Verschwendung und von den Möglichkeiten der Sparsamkeit.

Damals fing es auch an mit der intensiven Bastelei. Heute wohnt er in Kiel, an seinem Haus hängt ein Schildchen: ZDF-Energiesparmeister, eine von mehreren Auszeichnungen. Auf seinem Haus dreht sich ein kleiner Propeller, ebenso einer auf einem Gestell über dem Weidenbusch hinten am Gartenende. Damit erzeugt er den Strom fürs Haus, zwölf Volt, gespeichert in ein paar alten Autobatterien. Über dem Küchentisch eine schöne alte Lampe, die Birne darin gibt warmes Licht. Sie stammt aus einem Autoblinker. Die Stromkabel, die Steckdosen – alles stammt aus Abbruchhäusern und aus der Vorplastikzeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Seine Waschmaschine ist uralt, aber, weil er per Sonnenlicht vorgewärmtes Wasser zur Wäsche verwendet, mehr öko als jedes brandneue Modell. Die Stromgeneratoren an den Windrädern waren alte Lichtmaschinen. Alles ist Eigenbau, durchdacht und verbessert, Gefundenes, Schrott, schön gewachsene Äste, aus denen bei ihm tatsächlich bequeme und hübsche Küchenstühle wurden. Die Wärme im Haus spendet ein aus alten Steinen selbst gemauerter Ofen, der auch Wasser in einer alten Gasflasche erwärmt, das per Schwerkraftumlauf die Heizkörper im Haus durchströmt und für wohlige Wärme sorgt. An kühlen Tagen reicht ein Arm voll Holz, an frostigen tun es zwei. Außerdem, erzählt Kuhtz, sei seine Heizung absolut "berufstätigenfreundlich": Man feuert zwei Stunden und hat 22 Stunden Wärme. Der örtliche Schornsteinfeger hat dem Kunstwerk seinen Segen erteilt, bei dem Wirkungsgrad von 90 Prozent können "echte" Heizungsbauer nur blass vor Neid werden.

Der Clou ist die schwarz gestrichene und mit alten Fenstern verglaste Südwand: Im Winter reicht das schwache Sonnenlicht, um die Wand auf- und die Räume dahinter durchzuwärmen. Im Frühjahr und Sommer spenden die Blätter des Baumes vor der Wand Schatten und verhindern ein Überhitzen des Hauses.

Alles ist raffiniert, gründlich durchdacht und höchst zweckmäßig. Bei Kuhtz kann man sehen, wie echtes Recycling funktioniert, was ein schonender und sparsamer Umgang mit Ressourcen ist. Vor allem, wie viel dabei möglich ist. Das Haus von Christian Kuhtz ist eigentlich ein Zukunftslabor, das zeigt, was mit einfachsten Mitteln und Grips im Kopf trotzdem gemacht werden kann, wenn irgendwann das vorhergesagte Ende des Öls und die Knappheit an Ressourcen kommt.

Christian Kuhtz verkauft seine Ideen. Jeder soll es nachmachen können: seine Fahrräder, Lastentransporter oder Tiefräder, zusammengeschraubt aus alten Schrotträdern, nichts geschweißt, weil das zu viel Aufwand wäre. Seine Öfen und Windräder, auch das Kompostklo. Alles ist machbar, auch wenn manches nicht ganz einfach ist: "Man muss sich ziemlich kundig machen", sagt er. Christian Kuhtz geht es auch um Unabhängigkeit, um die Freiheit, selbst seinen Lebensraum zu gestalten, um das Vergnügen, in alten Dingen neue Möglichkeiten zu entdecken.

Vor dreißig Jahren, erzählt er, hätten alle gelacht und es für spleenig gehalten, wenn jemand über Energiesparen nachgedacht hatte. "Heute fertigt die Industrie Sonnenkollektoren und Windräder", sagt er. Dabei, er hat es ausgerechnet, werde viel zu viel Geschrei und Panik gemacht um Strom: "Strom ist Spielkram. Wir verbrauchen neun Zehntel Energie an Wärme, nur ein Zehntel ist Strom."

"Erst baden, wenn

wieder die Sonne scheint."
Christian Kuhtz, Stromerzeuger
Wenn er mehr Zeit hätte und nicht all die Kurse und Vorträge anböte übers Ofenbauen, Windradbauen oder Körbeflechten, womöglich würde Christian Kuhtz mit einem etwas größeren Garten es tatsächlich hinbekommen, fast ein Selbstversorger zu sein. Aber für den Garten interessiert er sich nicht so sehr wie fürs Basteln, Tüfteln und Reparieren. Und gibt es Nachteile? Einschränkungen in seinem Leben? "Es geht nicht mit Knopfdruckmentalität", sagt er. Wenn es ein paar Tage trüb und windstill ist, können nicht alle ein Bad nehmen, sagt er. "Dann eben nicht traditionell am Samstag, sondern Dienstag, wenn wieder die Sonne scheint." Und die Wäsche waschen, das gehe natürlich auch nicht immer. "Man muss nach den naturgegebenen Verhältnissen leben", sagt er.

Es wird dunkel, Christian Kuhtz geht nach draußen, um Gartengeräte einzusammeln. Selbstversorgung sei durchaus möglich, erzählt er und sucht in einem Ordner nach einer Adresse eines Mannes aus Brandenburg. Der sei ziemlich fortgeschritten, man müsste ihn mal besuchen, meint Herr Kuhtz. Man müsste ihm aber vorher einen Brief schreiben und sich ankündigen.

Autor: Bernhard Honnigfort


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