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29. Dezember 2012

Unter Platzhirschen

Fünf junge Bundestagsabgeordnete erzählen, wie sie ihren Einstieg in die große Politik erlebt haben.

  1. Steffen Bilger Foto: Arne Bensiek                         

  2. Sven-Christian Kindler Foto: Arne Bensiek                        

  3. Florian Bernschneider Foto: Arne Bensiek                        

  4. Niema Movassat Foto: Arne Bensiek                   

  5. Daniela Kolbe Foto: Arn Bensiek                       

Da ist er nun Bundestagsabgeordneter, drei Jahre schon, und er wähnt sich bei einem Routineakt. Vor dem Eingang des Plenarsaals zwängt sich Niema Movassat an einer Schülergruppe vorbei zu den Anwesenheitslisten. Er greift sich einen Stift, setzt zur Unterschrift an, da donnert es von der Seite: "Ich habe doch gesagt, ihr sollt da nicht unterschreiben." Movassat reißt den Stift hoch, weiß nicht, was geschieht. Dann sieht er die aufgebrachte Lehrerin neben sich. Er muss lachen – und aufklären. Freundlich weist Movassat die Lehrerin darauf hin, dass er hier Abgeordneter der Fraktion Die Linke ist. Er gehöre nicht zu ihrer Schulklasse. Fünfmal entschuldigt sich die Frau, die Schüler grinsen.

Einer wie Niema Movassat, der mit 25 Jahren in den Bundestag gewählt wird, fällt aus dem üblichen Raster für Abgeordnete. "Vielleicht lag es daran, dass ich an dem Tag Jeans anhatte", spekuliert der mittlerweile 28-jährige Jurist. Hinzu kommt wohl, dass der Sohn iranischer Einwanderer, geboren in Wuppertal und aufgewachsen in Oberhausen, eher kleingewachsen ist. Sein schwarzes Haar trägt er unbändig, nicht gescheitelt. Movassat kann über das Missverständnis lachen, sein Selbstbewusstsein hält das aus.

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Etwas schmerzhafter hat Florian Bernschneider seinen Start in Erinnerung. Dank Platz sieben der FDP-Landesliste in Niedersachsen landete der Braunschweiger im Bundestag, als jüngster Abgeordneter überhaupt, mit 22 Jahren. Sogleich meldete sich ein Journalist einer überregionalen Zeitung. Das Telefonat für die Porträtgeschichte dauerte 20 Minuten. Die Überschrift des Artikels am nächsten Tag hieß "Liberales Currywürstchen", der Tenor lautete, der Jüngling habe nur ein Hobby: die Politik. Die Freudenstimmung über den Einzug in den Bundestag war umgeschlagen in Ernüchterung. Seine Mutter, gerade noch voller Stolz, sei wahnsinnig wütend gewesen, erzählt Bernschneider. Er habe sich den Namen des Journalisten nicht gemerkt, sagt er. Man lernt jeden Tag dazu, ist sein Fazit. Jungen Politikern bleibe nichts anderes übrig, sagt Steffen Bilger von der CDU: "Das Parlament sollte alle Gruppen der Gesellschaft vertreten, da darf man sich nicht beschweren, wenn junge Abgeordnete keine 20 Jahre Berufserfahrung mitbringen." Auf dreieinhalb Jahre als Jurist kann Bilger zurückblicken.

Seinen Platz in der Unionsfraktion zu finden, sei ihm leicht gemacht worden, berichtet der 33-Jährige. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bei der ersten Fraktionssitzung hatte sich der Ludwigsburger ohne große Scheu einen freien Platz gesucht – womöglich im Selbstverständnis eines Landesvorsitzenden der Jungen Union. Von ein paar Eingesessenen bekam er zu hören, die Neulinge hätten gefälligst in der letzten Reihe Platz zu nehmen. "In der Unionsfraktion läuft vieles nach dem Senioritätsprinzip", weiß Bilger seitdem.

Im Wahlkampf habe er ständig den Dreiklang „Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal zu hören bekommen. "Zum Glück kann ich sagen, dass mein Alter für mich außer bei der Sitzordnung keine Nachteile hat." Sein Ziel – ein Sitz im Verkehrsausschuss – hat Bilger zumindest erreicht. Vielleicht entschädigt ihn auch ein bisschen, dass er neulich von einer Besuchergruppe aus dem Wahlkreis auf die vielen neuen grauen Haare angesprochen wurde. So wächst er auch äußerlich ins Amt.

Zwölf Bundestagsabgeordnete waren 2009 zu Beginn der Legislaturperiode 28 Jahre oder jünger. Dreimal so viele waren dagegen jenseits der 67. Der Altersdurchschnitt aller Parlamentarier lag bei 49,3 Jahren. Das ist zwar deutlich jünger als 1961 unter Kanzler Konrad Adenauer (52,3 Jahre), aber eben auch deutlich älter als 1972 unter Willy Brandt (46,6 Jahre). Das deutsche Parlament ist immer mal wieder jünger oder älter geworden. Alter erscheint für Politiker nicht als Nachteil, weil es ihnen als Erfahrung ausgelegt wird. Wofür stehen aber dann junge Politiker? Und wie sieht ihr Blick aus auf die von Krisengipfeln und Rettungsschirmen bestimmte Politik?

"Seit 2010 gleicht meine Arbeit als Haushaltspolitiker einer permanenten Krisensitzung", sagt Sven-Christian Kindler. Der 27-jährige Grünen-Politiker aus Hannover hat einen Bachelor in Betriebswirtschaft und zwei Jahre Erfahrung als Controller bei Bosch. Im Haushaltsausschuss plötzlich über Griechenland-Hilfen und Stabilitätsmechanismen in dreistelliger Milliardenhöhe zu beraten, sei ein Verantwortungsgefühl, das sich nicht beschreiben lasse. "Ich habe mir vorgenommen, auf dem Boden zu bleiben", sagt Kindler. Spielend könnte er sich von seinen Abgeordnetendiäten zwei schicke Mietwohnungen leisten. Kindler hat sich für Wohngemeinschaften entschieden, eine in Hannover, eine in Berlin. Auch so hofft er, ein Stück Normalität zu konservieren. "Ich habe meine Freunde gebeten, mir auch weiterhin die Wahrheit zu sagen." Doch für den geliebten Freizeitkick mit den Kumpels bleibt jetzt kaum noch Zeit. Die zentrale politische Frage dieses Jahres sei für ihn, wie Europa in Zukunft aussehen kann. Mehr als 50 Vorträge hat Kindler 2012 zu dem Thema gehalten, alle unentgeltlich. Die Arbeitslosigkeit in Griechenland und Spanien sowie das Kaputtsparen dieser Länder durch den Fiskalpakt beunruhigten ihn sehr. Aufregen kann er sich auch über den Atomausstieg: "Meiner Meinung nach wird die Energiewende gerade von der Regierung bewusst teuer gemacht, um sie so gegen die Wand zu fahren."

Und das Ärgernis des Jahres? Vielleicht der Ehrensold für Ex-Bundespräsident Christian Wulff? Daniela Kolbe kann sich vielmehr über die Extremismusklausel von Familienministerin Kristina Schröder (CDU) ärgern. Kolbe ist mit 32 Jahren die jüngste SPD-Abgeordnete im Bundestag und gilt zugleich als Überfliegerin unter den jungen Parlamentariern. Sie ist Sprecherin der "Youngsters" in der SPD und damit auch bei allen Sitzungen des Fraktionsvorstandes dabei. "Ich habe auch einen Platz im Innenausschuss bekommen, wo sonst nur alte Hasen drin sitzen", sagt sie. Das verstehe sie als Wertschätzung. Außerdem ist Kolbe Vorsitzende der Enquête-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität".

Wenn sich die Oppositionspolitikerin aus dem Wahlkreis Leipzig ein Ziel gesetzt hat, dann den Kampf gegen Rechtsextremismus. Die Klausel der Familienministerin erschwere diesen Kampf, weil sie viele Projekte gegen Rechtsextremismus als linksextremistisch kriminalisiere, erklärt Kolbe. Sie hat die Haltung der SPD dazu ausgearbeitet, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier stützte sich in der Debatte und der Ablehnung der Klausel darauf. "Ein schönes Gefühl." Dass die Aufklärung um die Zwickauer Terrorzelle NSU in den Wirren der Eurokrise wieder untergegangen ist, bedauert Kolbe.

Das Verantwortungsgefühl

lässt sich nicht beschreiben

Für viel Wirbel sorgte auch die Bundesregierung in Form handfester Koalitionskrisen. "Wenn man das gute Ergebnis des bürgerlichen Lagers betrachtet, war der Start in die Legislaturperiode miserabel", sagt Steffen Bilger. Statt Reformen habe es am Anfang nur Streit gegeben. "Unsere 14,6 Prozent waren Unionspolitikern ein Dorn im Auge", ist Florian Bernschneider überzeugt.

Die schlechten Umfragewerte der FDP seien die Quittung dafür, dass man lange nicht zusammen, sondern gegeneinander gearbeitet hat.

Niema Movassat misst dem wenig Bedeutung bei. Auf die Frage nach den drängenden politischen Themen antwortet er: "Mich bewegt, dass 870 Millionen auf der Welt permanent hungern und dass deswegen alle fünf Sekunden ein Kind stirbt." Dagegen sei die Wiederwahl von Barack Obama trotz aller medialen Präsenz der berühmte Sack Reis, der umfällt.

Autor: Arne Bensiek