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02. Februar 2016 08:04 Uhr

Flüchtlinge

Viele junge Nordafrikaner leben schon lange illegal in Europa

Ob Köln oder Freiburg: Frauen werden belästigt, es wird gestohlen, in Flüchtlingsheimen werden Alkohol und andere Drogen konsumiert. Auffällig oft sind junge Männer aus Nordafrika beteiligt. Bald sollen sie leichter abgeschoben werden können.

  1. Junge Männer aus den Maghreb-Staaten fallen durch aggressives Verhalten auf. Foto: dpa

  2. Viel Elend, wenig Hoffnung in den Slums der marokkanischen Großstadt Casablanca Foto: dpa/AFP

Am Hafen von Tanger warten Trauben von jungen Männern auf die eintreffenden Schiffe. Sobald die ersten Rucksacktouristen hier in Marokko an Land gehen, werden sie bedrängt, gefragt, ob sie Haschisch kaufen wollen. Auch beim Besuch in den Altstädten von Fes, Marrakesch, Rabat oder Casablanca kommen immer wieder kleine Jungen oder Jugendliche auf Touristen zu. Sie wollen ihnen Geschäfte zeigen oder Kleinkram verkaufen. Auch wenn man abweisend reagiert, lassen sie sich nicht abschütteln, will man sie verscheuchen, werden sie aggressiv und beschimpfen die Touristen.

Die Ereignisse am Silvesterabend in Köln wirken wie eine Steigerung solcher Verhaltensweisen. Nach Erkenntnissen der Polizei waren die meisten der jungen Männer, die die Frauen belästigten und beklauten, Nordafrikaner. In Freiburg fielen junge Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) zumeist aus den Maghreb-Staaten ebenfalls durch aggressives Verhalten auf, etliche von ihnen begingen Diebstähle, schlugen auf ihre Opfer ein, um an die Wertgegenstände zu kommen.

Stress auch in Freiburg

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Auch syrische Flüchtlinge in den Freiburger Unterkünften berichten, dass insbesondere junge Marokkaner, Tunesier oder Algerier negativ auffallen, weil sie exzessiv Drogen oder Alkohol konsumierten. In einer Anschlussunterbringung in Freiburg versammeln sich laut Erzählungen allabendlich junge Männer, darunter viele Algerier, die mit Drogen oder gestohlenen Waren handeln. Sie selbst leben offenbar gar nicht in der Unterbringung. Es herrsche Partystimmung. Syrische, afghanische oder irakische Flüchtlingsfamilien fühlen sich durch die jungen Männer gestört, Mädchen und Frauen haben Angst vor ihnen.

Viel wissen die Behörden nicht über die Maghrebiner, die so negativ auffallen. Erst seit wenigen Jahren tauchen sie vermehrt in deutschen Städten auf. In Düsseldorf rief man das Projekt Casablanca ins Leben, um systematischer zu erfassen, wer hinter den Taschendiebstählen steht. Auch da stellte sich heraus, dass ein besonders hoher Prozentsatz der jungen Männer aus Nordafrika stammt. Wer allerdings mehr über sie wissen will, stößt auf Schwierigkeiten. "Wir können nicht mit letzter Bestimmtheit sagen, mit wem wir es zu tun haben", sagt Marcel Fiebig, Pressesprecher der Polizei in Düsseldorf.

Illegal in Europa unterwegs

Von maghrebinischen Dolmetschern, die vor Gericht oder bei der Polizei für die jungen Straftäter übersetzen, ist zu hören, dass etliche von ihnen vermutlich bereits seit Jahren illegal durch Europa reisen, in Italien oder Spanien in einfachen Unterkünften oder auf der Straße lebten und sich mit Diebstahl durchschlugen. Im Zuge der Flüchtlingswelle aus Syrien und dem Irak haben sie sich auf den Weg nach Deutschland gemacht, um dort auf dem Ticket der Asylbewerber ihr Glück zu versuchen. Von einer "globalen Unterschicht" spricht man in Fachkreisen.

Die Düsseldorfer Polizei berichtet, dass die Diebe gut untereinander vernetzt sind. Sie treffen sich im Bahnhofsviertel, wo es viele Geschäfte und Cafés gibt. Diese werden von nordafrikanischen Einwanderern betrieben, die schon lange in Deutschland leben und gut integriert sind. Dort verabreden sie sich zum Diebstahl. "Diese Ladeninhaber geben uns oft Hinweise auf die kriminellen Machenschaften der jungen Männer", sagt Fiebig.

Maghrebiner geben sich als Syrer aus

"Viele der jungen Maghrebiner, mit denen ich zu tun hatte, haben unterwegs die Pässe verschwinden lassen und geben sich als Syrer aus", berichtet der gebürtige Algerier Abdel-Hakim Ourghi, der an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg Islamwissenschaften lehrt und ebenfalls als Übersetzer tätig war. Er hört zwar an ihrem arabischen Akzent sofort, woher die jungen Männer stammen, so sehr unterscheidet sich der syrische vom tunesischen, algerischen oder marokkanischen Dialekt. Ihre Identität wird aber erst festgestellt, wenn die Flüchtlinge einen Asylantrag stellen. Manche ziehen aber auch einfach so weiter (Fakten zur Integration).

Doch selbst wenn es eindeutige Indizien gibt, dass die zumeist jungen Männer keine Syrer sind, gibt es Schwierigkeiten, sie abzuschieben. Da sie keine Ausweise dabei haben, weigern sich die Herkunftsländer oft, sie zurückzunehmen. "In Marokko oder Algerien sind die Regierungen froh, wenn sie diese Unruhestifter los sind", sagt Ourghi. Also bleiben sie als Geduldete hier – ohne eine Perspektive auf Arbeit.

Große soziale Probleme in der Heimat

Tatsächlich gibt es in den maghrebinischen Ländern von Marokko bis Tunesien große soziale Probleme. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt dort bei 28 Prozent (Hintergrund zur Lage). 30.000 Straßenkinder leben laut Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Marokko, 20.000 in Algerien. "Viele dieser Straßenkinder sind uneheliche Kinder, um die sich niemand kümmert", sagt Werenfels. Die ganz Armen dürften es aber wohl kaum schaffen, sich auf den Weg nach Europa zu machen.

"Es sind vermutlich viele dabei, die schon in Marokko im kriminellen Milieu ihr Geld verdient haben", meint Werenfels. Inzwischen fliegen sie oft aus ihren Heimatländern in die Türkei – ein beliebtes Reiseziel der maghrebinischen Mittel- und Oberschicht. Nur Algerier brauchen ein Visum. Die Wirtschaftsflüchtlinge machen sich dann von dort auf der Balkanroute auf nach Deutschland.

"Viele junge Algerier wollen der Kontrolle durch die Eltern entfliehen" Abdel-Hakim Ourghi
"Viele junge Algerier wollen der Kontrolle durch die Eltern entfliehen", nennt Ourghi ein weiteres Motiv für die Flucht nach Europa. Allerdings verstünden manche nicht, mit dieser Freiheit umzugehen und verfielen Drogen und Alkohol. "Die illegalen Einwanderer haben keine Perspektive, ihr Geld ehrlich zu verdienen, weil sie nicht arbeiten dürfen. Manche von ihnen werden dann kriminell", sagt Ourghi.

In ihren Heimatländern gelten die jungen Männer allerdings oft als Helden. "Wenn sie 100 bis 200 Euro im Monat in ihre Heimat schicken, kann eine arme Familie einen ganzen Monat leben", sagt Ourghi.

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Autor: Annemarie Rösch