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24. Dezember 2015

Wenig Lohn für Sprachlehrer

Flüchtlinge sollen schnell Deutsch lernen, doch Lehrkräfte klagen über miese Arbeitsbedingungen.

  1. Ein Schüler schreibt im Deutschunterricht für Asylbewerber auf ein Arbeitsblatt. Foto: dpa

FREIBURG. Lisa Backhaus geht in wenigen Jahren in Rente. Sie ist Sprachlehrerin an der Volkshochschule in Freiburg und unterrichtet Flüchtlinge in sogenannten Integrationskursen. Seit Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland strömen, sind Sprachlehrer gefragt. Trotzdem würde sie niemandem empfehlen, ihren Beruf zu ergreifen. "Ich kann allen jüngeren Kollegen nur davon abraten", sagt Backhaus. Ihre Kollegin Barbara Disdorn nickt. "Die Politik betont ständig, wie wichtig Sprache für eine gelungene Integration ist. Dennoch scheint sich niemand dafür zu interessieren, unter welchen Bedingungen wir arbeiten müssen."

Die Unmut unter Sprachlehrern in Deutschland ist groß. Es ist vor allem die schlechte Bezahlung, die es vielen von ihnen so schwer macht, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. "Wer für Trägereinrichtungen wie beispielsweise die Volkshochschulen arbeitet, der lebt oftmals am Existenzminimum", sagt Monika Strauß-Rolke vom Bonner Offenen Kreis, einer bundesweiten Initiative, die sich für die Belange der Sprachdozenten einsetzt und Demonstrationen in deutschen Städten organisiert. Viele von ihnen seien dazu gezwungen, ihr Gehalt mit Arbeitslosengeld II aufzustocken. Für die prekäre Situation der Lehrkräfte macht der Offene Kreis vor allem das Bundesamt für Migration (Bamf) verantwortlich, das für die Koordinierung der Integrationskurse zuständig ist und auch die Bezahlung der Dozenten regelt.

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Der Offene Kreis kritisiert vor allem, dass der Kostenerstattungssatz, den Kursträger wie die Volkshochschulen pro Teilnehmer und Kurseinheit erhalten, zu niedrig ausfalle. "Für Sprachdozenten ergibt sich in etwa ein Stundenlohn von 20 Euro, von dem jedoch noch alle Sozialversicherungen bezahlt werden müssen, auch die Anteile der Arbeitgeberseite, die eigentlich der Auftrag gebende Staat übernehmen müsste."

Auch der Deutsche Volkshochschul-Verband warnte kürzlich, dass durch den Zuzug von Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive im kommenden Jahr bis zu 200 000 Plätze in Volkshochschulkursen benötigt würden – mehr als doppelt so viele wie 2015. "Die Lehrtätigkeit muss angemessen honoriert und die Festanstellungsquote deutlich erhöht werden", so Verbandspräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer in einer schriftlichen Pressemitteilung.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums (BMI) antwortet auf Anfrage der Badischen Zeitung, dass die Ausgestaltung des Beschäftigungsverhältnisses und insbesondere die Höhe der Vergütung von Lehrkräften intensiv diskutiert worden sei. Allerdings sei die Ausgestaltung der Arbeitsverträge eine Sache zwischen Kursträgern und Lehrkräften im Einzelnen – dies betreffe auch eine mögliche Festanstellung. "Mit Blick auf die Vertragsfreiheit können weder Bamf noch BMI hierauf direkten Einfluss nehmen", so der Sprecher weiter. Das Ministerium prüfe derzeit, ob eine Erhöhung des Kostenerstattungssatzes im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel in Betracht komme.

Monika Strauß-Rolke ist das zu wenig. Als "Scheinselbständigkeit" bezeichnet sie die Beschäftigungssituation der Sprachdozenten. Durch Honorarverträge entziehe sich die Bundesregierung ihrer sozialen Verantwortung. In anderen europäischen Ländern wie Dänemark und Schweden seien Festanstellungen der Sprachlehrer in diesem Bereich längst gängige Praxis.

Autor: Sebastian Kaiser