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06. Juli 2010 19:54 Uhr

Mannschaftsanalyse

Deutschland und Spanien – Gegner auf Augenhöhe

Deutschland gegen Spanien, dieses Duell gab es zuletzt im Endspiel der EM 2008. Damals war die deutsche Elf chancenlos. Vor der heutigen Neuauflage im WM-Halbfinale hat sich das geändert. Das deutsche Team spielt auf Augenhöhe mit dem Europameister.

Das letzte Aufeinandertreffen liegt etwas mehr als zwei Jahre zurück. Wien, 29. Juni 2008, Ernst-Happel-Stadion: Im Finale der Europameisterschaft gewinnt Spanien gegen Deutschland mit 1:0. Ein auf den ersten Blick knapper Erfolg – und doch einer, wie er eindeutiger kaum sein kann. Die deutsche Elf ist gegen die Iberer chancenlos. "Wir müssen ihre Qualität anerkennen", räumt Bundestrainer Joachim Löw seinerzeit offen ein. Den Plan, wie er den gewaltigen Qualitäts-Rückstand seines Teams zu dem spielstarken Konkurrenten aufholen will, hat er längst im Kopf. Löw verjüngt seinen Kader, integriert vermehrt technisch versierte Akteure, kann dadurch das Kombinationsspiel forcieren.

Vor dem heutigen WM-Halbfinale schneidet Deutschland im direkten Vergleich denn auch deutlich besser ab als damals. Schon der Altersdurchschnitt beider deutschen Mannschaften weist eine signifikante Veränderung auf: Die Final-Elf von 2008 war im Schnitt 28,2 Jahre alt, jenes Team, das am Samstag Argentinien mit 4:0 aus dem WM-Wettbewerb fegte, kommt auf lediglich 25,3 Jahre. Spieler wie Jens Lehmann (heute 40 Jahre alt), Torsten Frings (33), Michael Ballack (33), Arne Friedrich (31) und Miroslav Klose (31) – die Liste der Stammspieler in fortgeschrittenem Fußball-Alter war vor zwei Jahren lang.

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Rechnet man den heute ebenfalls 29-jährigen Christoph Metzelder dazu, der damals mit ständigen Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte, war sie zu lang. Das machte sich vor allem im Spieltempo bemerkbar. Die deutsche Nationalmannschaft 2008 war eine Art Fußball-Verwaltungsapparat. Sie konnte dank einer gewissen Routine ordentlich auf den jeweiligen Gegner reagieren, mit Kampfkraft dagegenhalten und Ergebnis orientiert handeln – offensiven Esprit oder gar Schnelligkeit hatte sie aber nicht zu bieten.

Auch, weil dazu die geeigneten Spielertypen fehlten. Arne Friedrich war schon immer eine guter Abwehrspieler – allerdings nur in der Innenverteidigung und nicht   rechts außen, wo er 2008 mangels Alternativen ran musste. Vor ihm spielte seinerzeit ein gewisser Bastian Schweinsteiger. Doch dessen Klasse kam auf der Außenbahn nicht umfassend zum Tragen. Als Flügelspieler muss man antrittsschnell sein, ein Sprinter-Typ. Das ist Schweinsteiger nicht. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten im Ausdauerbereich, in der Strategie, im Pass-Spiel kommen erst richtig zur Geltung, seit ihm der Job als zentraler Gestalter vor der Abwehr anvertraut wurde.

Quer- oder Rückpässe sind die Ausnahme

Gemeinsam mit Sami Khedira sorgt Schweinsteiger nicht nur für eine hochwertige Spieleröffnung, im Wechsel setzen beide auch offensive Akzente. Anders als noch zu Zeiten der Abräumer alter Schule, wie Torsten Frings einer war, nimmt das Angriffsspiel inzwischen schon tief in der eigenen Hälfte Fahrt auf. Und weil Löw im offensiven Mittelfeld Kreativkräfte wie Mesut Özil und den nun allerdings gesperrten Thomas Müller integriert hat, setzt sich die spielerische Rasanz mittlerweile bis vors gegnerische Tor fort – Quer- oder gar Rückpässe sind zur Ausnahme geworden. Der spanische Trainer Vicente del Bosque findet sogar: "Deutschland ist momentan die beste Mannschaft der Welt."

Die Veränderungen im spanischen Team sind vergleichsweise gering. Nimmt man die finale Startelf 2008, so ist lediglich Marcos Senna aus dem Kader gestrichen worden, für ihn rückt Sergio Busquets nach. David Silva und Carlos Marchena werden vermutlich einmal mehr ersetzt durch Xabi Alonso und Gerard Piqué. David Villa, der vor zwei Jahren im Endspiel lediglich wegen einer Verletzung hatte passen müssen, spielte zuletzt an Stelle von Cesc Fabregas.

Die hohe Kunst der finalen Vorbereitung

Das belegt: Die Spanier sind ein seit Jahren eingespieltes Team. Der Fußball, den sie praktizieren, hat sich seit 2008 nicht verändert: viel Ballbesitz durch sicheres Kurzpass-Spiel, wenig Fehler dank technischer Klasse in nahezu allen Mannschaftsteilen, überraschende und effektive Zuspiele in die Spitze, sobald sich eine Lücke in der gegnerischen Defensive auftut. Die Barcelona-Spieler Xavi und Andres Iniesta stehen für dieses hochwertige und bisweilen exzessive Pass-Spiel rund um den Strafraum der jeweiligen Konkurrenten, aber auch für die hohe Kunst der finalen Vorbereitung.

Allerdings ist den beiden einer ihrer Hauptabnehmer abhanden gekommen. Fernando Torres stand zwar im bisherigen Turnierverlauf immer in der spanischen Startformation, einen Treffer hat der Stürmer vom FC Liverpool bislang aber nicht erzielt. Nach einer Knieoperation im April ist der Siegtorschütze des EM-Endspiels von 2008 weit von seiner damaligen Klasse entfernt. "Körperlich bin ich nicht in Bestform", räumt Torres selbst ein. Das hat zur Folge, dass die Spanier in David Villa (bislang fünf WM-Treffer) nur einen überragenden Stürmer zur Verfügung haben. Und weil dieser bevorzugt über die linke Seite ins Geschehen eingreift, ist das Offensivspiel der gesamten spanischen Mannschaft linkslastig geworden, für den Gegner berechenbar und speziell für das deutsche Team dankbar, hat dessen rechte Abwehrseite doch Weltklasse-Niveau – dank Philipp Lahm.

Fazit:

Die deutsche Mannschaft ist im Gegensatz zum EM-Finale 2008 diesmal ein ebenbürtiger Gegner für die Spanier. Letztlich dürften Nuancen den Ausschlag über Sieg und Niederlage geben. Auf deutscher Seite könnte entscheidend sein, wie der Ausfall des gesperrten Thomas Müller kompensiert wird. Der spanische Trainer Vicente del Bosque muss sein Offensivproblem rund um Fernando Torres lösen.

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Autor: René Kübler