Schicht im Schacht

Deutschlands letzte Steinkohle-Zechen schließen Ende dieses Jahres

Rolf Schraa

Von Rolf Schraa (dpa)

So, 07. Januar 2018 um 22:57 Uhr

Wirtschaft

Eine stolze und traditionsreiche Branche verschwindet – im Dezember 2018 werden die letzten Steinkohlezechen Deutschlands in Bottrop und in Ibbenbüren die Förderung einstellen.

Es ist ein Ausstieg mit langer Vorbereitung und ohne Entlassungen oder soziale Härten – und dennoch: "Der Abschied tut sehr weh, trotz des langen Vorlaufs", sagt Bernd Tönjes, der Chef des Zechenbetreibers RAG.

Die letzte Schicht ist für 21. Dezember in Bottrop vorgesehen. Von den knapp 5000 Bergleuten, die noch übrig sind, gehen die meisten in den Vorruhestand. Einige hundert werden in neue Jobs vermittelt. In ihren besten Zeiten in den 1950er Jahre hatte die Branche mehr als 600 000 Menschen Arbeit gegeben. Doch das ist Vergangenheit. Der Bergbau an der Saar war bereits Mitte 2012 gestoppt worden.

Das mühsame Fördern aus mehr als 1000 Metern Tiefe unter hohen Sicherheitsstandards in den deutschen Bergwerken lohnte sich schon seit vielen Jahren nicht mehr. In Australien kann die Konkurrenz 30 Meter dicke Flöze an manchen Orten einfach im Tagebau mit dem Schaufelradbagger gewinnen.

Gut eine Milliarde Euro Kohlesubventionen pro Jahr fielen in Deutschland zuletzt an, um die Preisdifferenz zum Weltmarkt auszugleichen. Auch im Ausstiegsjahr 2018 kann die Branche noch mehr als 900 Millionen öffentliches Geld in Anspruch nehmen. Hinzu kommen Milliardenzuschüsse für die Vorruhestandsregelungen der Bergleute, die nach 25 Jahren unter Tage mit 50 in Rente gehen dürfen. Im Jahr 2007 hatte der Bundestag einen Fahrplan für den Ausstieg aus der defizitären Steinkohle bis Ende dieses Jahres festgeschrieben. Die zunächst noch vorgesehene letzte Überprüfung des Beschlusses wurde 2011 gestrichen.

Bergbau-Kritiker warnen vor einer historischen Verklärung: "Die Steinkohleverstromung hat ganze Landstriche verrußt, das Klima massiv geschädigt und ist über viele Jahre teuer subventioniert worden", sagt etwa Wibke Brems, Grünen-Abgeordnete im nordrhein-westfälischen Landtag. In den Abbauregionen rumpelt die Erde noch kräftig: 22 000 Bergschadensmeldungen, wie Risse in Hausfassaden, bearbeitet und reguliert die RAG, die früher Ruhrkohle AG hieß, im Jahr.

Mit dem Aus für die letzten beiden Zechen wird die Arbeit unter Tage noch nicht vorbei sein: Tief unter dem Ruhrgebiet und in oberflächennahen Senken, die durch den Abbau entstanden sind, muss dauerhaft Wasser in riesigen Mengen abgepumpt werden, damit das Grundwasser geschützt wird und die Region nicht absäuft. Ohne regelmäßiges Pumpen läge zum Beispiel der Essener Hauptbahnhof zwölf Meter tief unter Wasser. Die Kosten für das Pumpen – nach derzeitiger Schätzung rund 220 Millionen Euro jährlich – trägt die RAG-Stiftung aus Kapital- und Dividendenerträgen. Für die Bergschäden wird RAG aus ihren Rückstellungen auch in Zukunft aufkommen.

Eine neue Nutzung für die riesigen Zechengelände zu finden, bleibt eine Aufgabe für Jahrzehnte: Aktuell entwickelt eine RAG-Tochter rund 10 000 Hektar freier Bergwerksflächen in 100 Einzelprojekten. Der Bedarf an Gewerbegebieten ist groß im Ruhrgebiet. Mancherorts gelang auch schon der Umbau zu Kulturzentren, Naherholungsgebieten oder stadtnahen Wohnvierteln. Für die betroffenen Mitarbeiter und die Bergbaustädte ist das Kohle-Aus ein gravierender Einschnitt. In Bottrop, einer Stadt mit zirka 30 000 sozialversicherungspflichtigen Stellen, hängen nach Aussage eines Stadtsprechers etwa 1500 Jobs direkt an der Kohle, viele weitere indirekt. Neue Groß-Arbeitgeber sind nicht in Sicht, "natürlich wird das eine Herausforderung", sagt der Sprecher.

Unter Tage geht es dann nur noch im Museum

Nach einer Übergangsphase bis 2021 will RAG noch etwa 650 Menschen für die Wasserhaltung, Verwaltung und Immobilienentwicklung dauerhaft weiterbeschäftigen. Deutschlands weltweit renommierte Bergbaumaschinen-Industrie hat sich längst neu orientiert: Sie erwirtschaftet bereits jetzt fast ihren kompletten Umsatz mit dem Export von Maschinen ins europäische Ausland und in energiehungrige Länder wie China.

Die traditionelle Kohlekultur an Ruhr und Saar mit Zechenvierteln, die fast ausschließlich von Bergleuten und deren Familien bewohnt werden, ist schon lange Vergangenheit. Die letzten Bergleute wohnen weit verstreut und beginnen ihren Arbeitstag meist mit längeren Autofahrten, weil in den vergangenen Jahren immer mehr Zechen geschlossen wurden und damit die Arbeitsmöglichkeiten vor der Haustür wegfielen. Bergmannskleidung, Lieferungen für den Kohlekeller, Lieder wie "Glück auf, der Steiger kommt" und das Drehen der Seilscheiben auf dem Fördergerüst hoch über der Stadt bei Tag und Nacht – all das ist schon jetzt weitgehend verschwunden.

Die RAG-Stiftung stellt Millionen Euro etwa für Bergmannschöre, Orchester und bergbaunahe Kultureinrichtungen bereit, um die Erinnerung wachzuhalten. Die Stiftung soll die Ewigkeitslasten der Branche dauerhaft ohne Belastung der öffentlichen Hand abdecken. Kernprojekt ist die Sanierung und Erweiterung des weltgrößten Bergbaumuseums in Bochum. Dort können Besucher unter Tage fahren – dank eines "Seilfahrt-Simulators" fast wie im echten Bergmann-Leben. Allerdings geht es nicht 1000, sondern nur 20 Meter tief in ein "Anschauungs-Bergwerk" unter dem Museum.