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21. Juni 2012 00:01 Uhr

Zwischenbilanz

DFB-Elf: Der Fluch der erfolgreichen Tat

Trotz des souveränen Viertelfinaleinzugs bei der EM müssen sich der deutsche Bundestrainer Joachim Löw und seine Akteure für die Spielweise der Nationalelf rechtfertigen.

Es klang ein bisschen unwirklich, was Bastian Schweinsteiger da neulich von sich gegeben hat: "Wichtig ist, dass wir wie eine Mauer stehen." Joachim Löw, Schweinsteigers Vorgesetzter, formuliert es zwar etwas freundlicher. "Zu null spielen ohne zu mauern", lautet die Anweisung des Bundestrainers an seine Mannschaft. Aber auch er verwendet den Begriff, der vor kurzem für Angestellte der deutschen Fußballnationalmannschaft noch auf dem Index zu stehen schien: Mauern. Eine verpönte Taktikvariante, die längst in die Schmuddelecke des Weltfußballs verbannt schien.

"Ich bin ein ästhetischer Trainer", hat Löw mal über Löw gesagt. Entsprechend gestaltete er den Stil seines Teams – weg von physischer Dominanz hin zu spielerischer Eleganz. Keine Fußballnation hat in den vergangenen zwei Jahren nach der Weltmeisterschaft 2010 eine derart gelungene Imagekampagne hingelegt wie Deutschland. Löws Nationalelf gewann nicht nur (inzwischen 13 mal in 13 Pflichtspielen), sie verzauberte meist auch mit attraktivem Angriffsfußball. Siegen und schön spielen – diese charmante Kombination machte den deutschen Fußball enorm sympathisch. Die deutschen Fußballer wurden nicht mehr nur gefürchtet, sondern plötzlich auch geachtet.

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Es ist in der Tat ein bisschen grotesk, dass Löw und seine Spieler nun, bei der Fußball-Europameisterschaft, unter dem Fluch ihrer guten Tat zu leiden haben. "Es wird nach Fehlern gesucht, obwohl wir in der Vorrunde neun Punkte geholt haben und perfekt ins Turnier gestartet sind", klagt Thomas Müller nach den Erfolgen gegen Portugal (1:0), die Niederlande (2:1) und Dänemark (2:1). "Es kommt mir so vor, als wenn wir uns am Ende noch dafür schämen müssen, wenn wir den EM-Titel holen sollten."

So ist es natürlich nicht. Das weiß auch der pfiffige Müller, der die Dinge gerne ein wenig überspitzt darstellt. Vor dem Viertelfinale gegen Griechenland sind Anhänger und Beobachter der deutschen Mannschaft aber irritiert. Nicht nur das Vokabular von Trainern und Spielern ist bei dieser Europameisterschaft defensiv orientiert, die Spielweise ließ zuletzt einen gewollten Stilbruch vermuten. "Denken sie etwa, wir hätten eine bewusste Abkehr von unserem Kombinationsfußball vollzogen?", fragt Joachim Löw leicht irritiert. "Das sehe ich nicht so." Der Coach klingt durchaus ein wenig empört.

Dann erklärt Löw, wie der Eindruck seiner Meinung nach entstehen konnte. "Wir mussten ja irgendwie wegkommen von diesen fünf Gegentoren im Testspiel gegen die Schweiz." Es sei wichtig gewesen, jene Ausgewogenheit zu finden, die bei einem Turnier unerlässlich sei. Und schließlich seien da noch die Gegner. Löw beschuldigt sie, Spielverderber zu sein. Er nennt sie gerne aufsässig. Und Aufsässigkeit nervt – auch ihn, den ansonsten so Gelassenen. "Selbst die Niederländer spielen gegen uns auf einmal in der eigenen Hälfte, da muss man ja zwangsläufig in die Breite spielen", nörgelt Löw.

Thomas Müller, der offensive Außenbahner, sieht sich mit der Situation konfrontiert, weitaus weniger Spielräume zu haben, in denen er sich austoben kann, als dies noch bei der WM 2010 in Südafrika der Fall war. Aus dem Überraschungsteam Deutschland ist ein stattlicher EM-Favorit geworden. "Und wenn man in einer guten Mannschaft spielt, stellen sich die Gegner eben hinten rein." Müller kennt das Problem. Er spielt beim FC Bayern München.

Dass das deutsche Spiel nicht so aussieht wie bei der WM 2010, dessen ist sich Müller bewusst. Es ist ihm egal. Selbstverständlich habe auch er mehr Spaß an einem 5:0-Sieg mit Traumkombinationen in Serie. Doch das sei bei einer EM nicht zu realisieren. "Das Niveau", so Müller, "ist sehr engmaschig." Kein Vergleich zu einer Weltmeisterschaft, bei der man sich in der Vorrunde mit gutmütigen Sparringspartnern wie Australien vergnügen darf. "Und selbst bei der WM 2010 haben wir in der Vorrunde kein Feuerwerk abgebrannt", erinnert er sich. Gegen Serbien hatte Deutschland sogar 0:1 verloren. "Wir wissen, was wir zu tun haben", sagt Müller dann noch. Er klingt dabei so seriös wie einst Dr. Brinkmann in der TV-Serie Schwarzwaldklinik. Und dem konnte man wirklich vertrauen.

Nun haben die Müllers und Özils in Joachim Löws Team nicht annähernd so viel Lebenserfahrung wie der Halbgott in Weiß aus vergangenen Fernsehzeiten. Der Bundestrainer kann aber von einem Reifeprozess berichten, den er bei seinen Akteuren ausgemacht hat. "Hurra-Stil ist nun mal nicht immer möglich", stellt Löw klar. Und er bekräftigt noch einmal: "Unsere Philosophie ist unverändert – die Offensive bleibt der Schwerpunkt unseres Spiels." Das klingt dann doch beruhigend.

Autor: René Kübler