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14. Dezember 2009
Diagnosen im Interesse der Pharma-Industrie?
Seit mehr als 50 Jahren legt die APA fest, wer als psychisch gesund oder krank zu gelten hat. Nun kommt der Verdacht auf, die Experten seien nicht unbeeinflusst
Ist er nur schüchtern, oder ist er schon krank? 1980 traf die APA, die American Psychiatric Society, eine ihrer umstrittensten Entscheidungen: Sie nahm die Soziophobie in ihr Diagnosehandbuch auf. Seitdem kann auch die Angst, sich in die Gesellschaft anderer Menschen zu begeben, offiziell als Krankheit eingestuft werden – und damit auch mit Medikamenten wie Antidepressiva behandelt werden.
In vielen Fällen geschieht dies zu Recht, darüber ist sich die Fachwelt einig. Kritiker meinen allerdings, dass mit der APA-Definition zudem der ein oder andere schüchterne Mensch zum Empfänger teurer Pillen gestempelt wird.
Wenig Vertrauen in die Diagnosekriterien der APA schuf im Jahr 2006 eine Studie, in der mehr als der Hälfte der Autoren der Psychiatrie-Bibel wirtschaftliche und andere Interessenkonflikte mit der Pharmaindustrie nachgewiesen wurden.
Die meisten bestanden darin, dass die US-Experten als Redner auf Kongressen oder als Gutachter für die Firmen tätig waren – eine Handvoll Mediziner verdienten allein dadurch über eine Million Euro jährlich. Einige wurden auch für die Durchführung von Studien bezahlt. Viele APA-Definitionen von Krankheiten schienen aber wie geschaffen für den Einsatz bestimmter Medikamente zu sein. Damit bestand der Verdacht, bei der Abgrenzung zwischen krank und gesund würden sich im Diagnosehandbuch auch die Interessen der Industrie widerspiegeln. Für die nächste Auflage im Jahr 2012 versprach man Besserung. Die APA forderte alle 28 Autoren auf, die jeweiligen Interessenkonflikte darzulegen. Außerdem mussten diese sich verpflichten, während der Zeit ihrer Mitarbeit nicht mehr als 10 000 Dollar pro Jahr durch Tätigkeiten für die Industrie einzunehmen.
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Im Mai 2008 stellte die Organisation erstmals die Autoren für die kommende Psychiatrie-Bibel vor. Das Ergebnis: Auch dieses Mal hatten mehr als die Hälfte der Experten Interessenkonflikte mit Pharmaunternehmen. Ein bisschen trösten kann da nur die Tatsache, dass die US-Psychiater laut den neuen APA-Grundsätzen sich nun zumindest ihre Mahlzeiten auf der Jahrestagung ihres Dachverbandes nicht mehr von der Industrie bezahlen lassen dürfen.
Autor: Michael Brendler
