Die ach so saubere Atomkraft

Charlotte Janz

Von Charlotte Janz

Do, 20. September 2018

Kino

HEIMATFILM: "Wackersdorf" von Oliver Haffner erzählt von der Entstehung der Bürgerproteste.

In der Oberpfalz der 1980er Jahre sieht es düster aus. Es fehlt an Arbeit und Hoffnung. Dem Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) ist die Perspektivlosigkeit der Leute alles andere als egal. Als der bayerische Umweltminister (Sigi Zimmerschied) ihn plötzlich mit Plänen überrumpelt, eine atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf bauen zu wollen, sieht Schuierer zunächst nur die 3000 Arbeitsplätze, die das bringen soll.

"Eine blitzsaubere Sache" sei das, verspricht der schwarze Staatsminister. Während er die eigens aus München mitgebrachte Weißwurst zutzelt, erklärt er seinem Gegenüber gönnerhaft: "Dem Herrn Ministerpräsidenten liegen gerade die strukturschwachen Regionen sehr am Herzen." Dann tut er ihm noch einen Klecks Münchner Senf auf den Teller ("Kulinarisch gibt’s do scho Unterschiede, verstehens?") und zergeht vor Selbstzufriedenheit.

Als nächstes überrascht der sauber gescheitelte Karlheinz Billinger (Fabian Hinrichs) von der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen den Landrat in seinem Büro. Visionär in den oberpfälzischen Nebel starrend, philosophiert er über die "Bedenkenträger, Rückwärtsdenker, Angsthasen", die es bei der Einführung aller fortschrittlichen Technologien nun mal gebe. "Obwohl da vielleicht gar nichts lauert. Obwohl das Neue vielleicht einfach nur (Kunstpause) großartig ist." In München halten sie den Schuierer Hans für ein einfaches Landei, das sie munter manipulieren können.

Und zunächst klappt das auch. Im Janker reist der Landrat unverdrossen von Dorf zu Dorf. Die Musikkapellen machen begeistert Ufftata und die Bierkrüge Kling, wenn vom wirtschaftlichen Aufschwung die Rede ist, den die Atomanlage der Region bescheren wird.

Zwischen Blasmusik und Tschernobyl

Doch Landrat Schuierer ist gewissenhaft. Bevor er unterschreibt, will er sich gut informieren über diese Atomkraft. So beginnt der gelernte Maurer zu lesen. Damit hat man in München nicht gerechnet.

Derweil formiert sich in der Oberpfalz der Bürgerwiderstand. Die Provinz wird politisch. Als Hans Schuierer seine Unterschrift verweigert, gibt es eine Gesetzesänderung, die ihn de facto entmachtet. Der Landrat schließt sich dem Widerstand an. Den "Müttern gegen Atomkraft", allen voran Monika Gegenfurtner (Irene Maria Sturm, die eine an ihre eigene Mutter angelehnte Figur spielt), muss er versprechen, das patriarchale Gehabe abzulegen. Historische Aufnahmen zeigen die Wucht der Polizeieinsätze am Bauzaun – und Franz Josef Strauß, wie er den Protestlern herrisch empfiehlt: "Wenn Sie einen Funken demokratischer Disziplin hätten, würden Sie jetzt Ihr Maul halten."

Regisseur Oliver Haffner erzählt die wahre Entstehungsgeschichte der Bürgerproteste in Wackersdorf als modernen Heimatfilm – mit der zugehörigen Musik, den Trachten und einem schönen Twist: Hier sind die Konservativen die Zerstörer der Heimat. Bewahren tun sie die braven Bürger der Oberpfalz, die eben nicht alle linke Socken sind, wie der stets etwas steife Landrat beweist.

Der Film endet mit historischen Tagesschau-Aufnahmen vom Reaktorunglück in Tschernobyl, unterlegt mit beschwingter Blasmusik. Das Gesicht des Landrats sehen wir nicht mehr. Den Triumph darüber, dass die Sorgen der Oberpfälzer durchaus berechtigt waren, versteckt Haffner im Abspann. Es ist das zurückhaltende Ende eines bewusst unaufgeregten Films, der gerade durch seine Nüchternheit besticht.

"Wackersdorf" (Regie: Oliver Haffner) läuft in Freiburg und Lörrach. Am 25. September um 20.30 Uhr ist der Regisseur zu Gast im Freiburger Kandelhof-Kino. (Ab 6)