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28. Januar 2009
Die Angst geht um
Fallende Börsenkurse, Massenentlassungen, die Wirtschaft am Boden: Die Angst hat Hochkonjunktur. Für manche wird das Gefühl der Bedrohung zum Dauerzustand
Manchmal kommt die Angst schleichend und quälend daher. Manchmal schlägt sie ein wie der Blitz. Angelika B. begegnete ihr auf der Autobahn. Sie war mit dem Wagen von Basel nach Karlsruhe unterwegs, als plötzlich ihr Herz anfing zu rasen. Im Hals hämmerte der Puls, Hände und Beine zitterten, auf ihrer Stirn stand kalter Schweiß, sie sah alles doppelt. Mit letzter Kraft erreichte sie den Parkplatz der Raststätte. Ein Herzinfarkt? Sie glaubte, sterben zu müssen. Nach einigen Minuten war die Attacke vorbei.
Eine Freundin holte Angelika B. ab und brachte sie zum Arzt, der nichts fand. Ein Herzkatheder wurde gelegt – doch in der Klinik hieß es, es gebe nichts, was nicht stimmen würde. Aber das Herzrasen kam wieder. Immer wieder. War alles nur Einbildung? War sie dabei, langsam durchzudrehen? Sie bekam Angst vor der Angst. Und neue Attacken. Ein Teufelskreis.
Angst hat viele Namen und noch mehr Gesichter. Mehr als 500 Angstformen und Phobien listet der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in seinem "Buch der Ängste" auf – das Spektrum reicht von der weit verbreiteten Höhenangst bis zur ungewöhnlichen Furcht, Luft zu verschlucken.
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leidet unter
krankhafter Angst.
Und doch ist nichts normaler als Angst: Ohne Angst wären die Menschen nicht vorm Säbelzahntiger geflüchtet und hätten keine Vorräte für Hungerzeiten angelegt. Ohne Angst würden wir auf Fensterbrettern herumturnen oder mit dem Fahrrad auf der Autobahn fahren. Doch wenn die Angst zum Selbstläufer wird, kann sie das Leben zur Hölle machen.
Melden die Sinne eine Gefahr, löst das Gehirn reflexhaft Alarm aus, mobilisiert alle Kräfte, um auf Flucht oder Angriff vorbereitet zu sein. Bei jedem Menschen ist diese Alarmanlage unterschiedlich scharf eingestellt, haben Angstforscher herausgefunden. Den einen bringt selbst eine ernsthafte Bedrohung nicht aus der Ruhe. Andere sehen sich immer und überall in Gefahr. Sie kommen überhaupt nicht mehr zur Ruhe, ihr Körper befindet sich in ständiger Alarmbereitschaft.
Mit wirklichen Gefahren haben die Angststörungen wenig zu tun. Die Angst vor Flugzeugabstürzen ist weit größer als die vor Verkehrsunfällen, die Statistiken sprechen eine ganz andere Sprache. Was Angst auslöst, ist im Detail immer noch unklar: Eine Beteiligung genetischer Faktoren gilt als sicher. Angst wird von früh an angelegt, gelernt und übernommen. Wenn die Eltern an jeder Ecke Gefahr wittern, übernehmen oft auch die Kinder das übervorsichtige Verhalten. Lernen sie nie mit ihrer Angst umzugehen, kann dies den Boden für Störungen bereiten. Das erklärt aber nicht, warum Angst- und Panikstörungen nach der Depression mittlerweile die zweithäufigsten seelischen Erkrankungen sind.
Jeder zehnte Deutsche leidet nach einer Berechnung des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie unter behandlungsbedürftiger Angst – Tendenz steigend. Frauen trifft es etwas häufiger als Männer, doch vor Angstattacken ist niemand gefeit. Und das in einem Land, das so reich ist wie nie, in dem die Menschen so sicher leben wie nie, in dem es exzellente Ärzte und Versicherungen für alle Fälle des Lebens gibt.
"Akute Panikattacke", diese Erklärung ist Angelika B. nicht in den Sinn gekommen; nicht auf der Autobahn und nicht in der qualvollen Zeit danach. Die heute 50-Jährige konnte kaum mehr schlafen, sie fühlte sie wie erstarrt. Sie ging zu neuen Ärzten, versuchte es mit neuen Untersuchungen, neuen Kathedern, neuen Medikamenten. Es war der Anfang einer jahrelangen Odyssee durch Behandlungszimmer. Gefunden wurde nichts. Jedenfalls nichts Organisches.
Ein Antidepressivum wollte Angelika B. nicht nehmen. "Ich wollte nicht abhängig werden." Die Angst verließ sie nur, wenn sie trank. "Ich habe das Glück herbeigesoffen." Sie zog sich immer mehr zurück, kümmerte sich nicht mehr um ihren Freundeskreis, stand tagelang nicht auf. Ihre Fehlzeiten wurden häufiger, die Einsamkeit größer, die Räusche häufiger. Bis sie vor der Entscheidung stand: Will ich überhaupt noch leben? Bis das Monster einen Namen bekam: Angst.
Früher vergingen oft sechs bis sieben Jahre, bis das Störungsbild Angst erkannt wurde, sagt Jörg Angenendt, Leiter der Angstambulanz im Freiburger Universitätsklinikum, die im Jahr von durchschnittlich 120 Hilfesuchenden aufgesucht wird. "Dank Fortbildungen ist die Diagnostik deutlich besser geworden." Aber noch längst nicht gut genug.
Nur die Hälfte aller Menschen mit Angststörungen wurde schon einmal behandelt. 80 Prozent davon wurden lediglich beraten – worunter alles Mögliche zu verstehen ist. Nur 20 Prozent werden dort behandelt, wo sie am ehesten Hilfe finden: in der Psychotherapie.
Wer Angst vor Schlangen oder Spinnen hat, braucht im Regelfall keine Therapie. Er geht den Viechern einfach aus dem Weg. Wer Angst vor dem Fliegen hat, geschäftlich aber viel unterwegs sein muss, hat ein Problem. Angst wird zur Krankheit, sobald sie eskaliert, entgleist, sich verselbstständigt. Erst kippt die "normale", noch beherrschbare Angst in unangemessene Angst und entsprechendes Vermeidungsverhalten. Wer Angst vor Menschenmassen hat, meidet überfüllte Plätze und Kaufhäuser. Wer in engen Aufzügen in Panik gerät, benutzt die Treppe. Wer Angst vor sozialen Kontakten hat, tummelt sich nur noch im Internet.
Damit lässt sich zumindest am Anfang die Angst vielleicht noch in den Griff bekommen. Dann kommt es zu Verzerrungen, Erfahrungen werden falsch bewertet, werden zu Sorgen über nicht vorhandene Probleme. Das Vermeidungsverhalten gewinnt die Oberhand, damit sinkt die Lebensqualität. Und die Spirale dreht sich weiter abwärts: Der Alltag lässt sich nicht mehr bewältigen, die Menschen fühlen sich als Versager, flüchten sich in die Sucht.
Wolfgang Schmidbauer hat in seiner Studie zum "Lebensgefühl Angst" eine neue deutsche "Generation Angst" ausgemacht. Diese Generation wird von einer stillen, latent rumorenden Angst heimgesucht, weil, so Schmidbauer, "noch nie so viele Menschen so viel zu verlieren hatten wie heute. Sicherheit, Wohlstand, ein hohes Niveau von Konsum und universeller Kommunikation prägen diese Generation. Jeder ist jederzeit potenziell via Handy zu erreichen – wer also muss noch Trennungsangst ertragen? Wir sind gegen Einbruch, Diebstahl, Krankheit, Unfall, Prozesse, Hagelschlag, Glasbruch, gegen die Explosion unseres Heizkessels und den Verlust unserer Zahnprothese versichert. Aber merkwürdigerweise laufen wir missmutiger durch die Straßen als die Armen in Jemen oder in Brasilien." Die Deutschen geben heute dreimal so viel für Versicherungen aus wie vor 20 Jahren.
Die Angst hat in den vergangenen 50 Jahren in den Industriestaaten stark zugenommen – um mindestens 1,2 Standardabweichungen. Am dramatischsten ist der Anstieg bei Kindern, sagt Jürgen Margraf, Ordinarius für Klinische Psychologie und Psychotherapie in Basel und einer der führenden Angstforscher. "Kinder, die heute als gesund gelten, leiden stärker unter Angst als Kinder, die vor 50 Jahren in der Psychiatrie behandelt wurden."
Die Gene können es nicht sein, sie verändern sich nicht so schnell. Dauerstress, das Volksleiden der Neuzeit, könnte eine der Ursachen sein. Stress macht dann krank, wenn das Gefühl vorherrscht, das Leben sei – ob dies nun stimmt oder nicht – außer Kontrolle geraten. Wenn die Globalisierung dazu führt, dass der Arbeitsplatz bedroht ist, kommt sich der Einzelne klitzeklein und hilflos vor, er verliert die Übersicht – und hat Angst. Ob Rinderwahn, Vogelgrippe oder Terroranschläge – wenn Schreckensnachrichten aus den entferntesten Winkeln der Welt ins eigene Wohnzimmer geliefert werden, schwindet die Sicherheit und wächst die Gefahr. Jedenfalls wird dies so wahrgenommen.
Aber hat die Angst wirklich zugenommen? Oder wird heute einfach genauer hingesehen und gedeutet? Erträgt der Einzelne vielleicht weniger als vor 100, vor 50, vor 25 Jahren? Die Deutschen, ein Volk von Jammerlappen?
Angst, ein deutsches Phänomen? Jörg Angenendt in der Angstambulanz winkt ab. "In allen Kulturen gibt es denselben Anteil an Angsterkrankungen." Glaubt man den Statistiken, ist die Angst in Deutschland, den USA, Südamerika und Asien ähnlich verbreitet. In Kriegszeiten geht die Zahl der Angststörungen und Depressionen sogar zurück – vielleicht verlieren die persönlichen Leiden angesichts der großen Katastrophe an Bedeutung.
Einer der größten Angstauslöser ist die Vereinzelung der Menschen, sagt Jürgen Margraf, der vor allem den gesellschaftlichen Ursachen und Folgen von Angststörungen auf der Spur ist. Die allgemeine Situation und die wirtschaftliche Lage haben dagegen deutlich weniger Einfluss auf Angsterkrankungen.
sind der beste
Schutz gegen Angst.
Die meisten Menschen bekommen ihre Ängste dank eines guten Selbstbewusstseins und sozialer Unterstützung von Familie und Freunden in den Griff. Margraf: "Der wichtigste Schutzfaktor gegen Angst sind stabile soziale Verhältnisse." Aber die gibt es immer weniger. Das Leben ist individualisierter, aber auch einsamer geworden. Noch nie war in Deutschland die Zahl der Single-Haushalte größer als heute, nie fielen die Scheidungsraten höher, die Geburtenraten niedriger aus.
Hilfe ist möglich. Angstpatienten können ihre Angst verlernen. Dazu muss man wissen, dass man sie hat, wodurch sie ausgelöst wird und welche Strategien man ersinnen kann, um ihr zu entgehen. Die kognitive Verhaltenstherapie bringt sehr gute Ergebnisse. Im Unterschied zur Psychoanalyse ist diese Methode mehr auf Aktionen, auf aktive Beteiligung des Patienten ausgerichtet und zielt vor allem darauf, aus dem Vermeidungsverhalten rauszukommen.
Wer Angst vor Rolltreppen hat, muss auf die Rolltreppe. Wer Angst vor Menschenmassen hat, muss in die Stadt. Immer und immer wieder, bis er merkt, dass er nicht daran stirbt. So wie es der Panikpatient Goethe einst tat, als er intuitiv auf das Straßburger Münster stieg und so lange im Eck kauerte, bis ihn die Angst vor der Höhe freiwillig verließ.
Die Angst hat Angelika B. bis heute nicht verlassen. Aber sie kann mit ihr leben. Wenn das Monster auftaucht, setzt sie sich mit ihm auseinander: Was kann mir eigentlich passieren? Und nie ist es so schlimm, wie sie sich in ihren rabenschwarzen Stunden ausmalte. Aber so weit kam sie nicht allein, sondern gemeinsam mit ihrem Psychotherapeuten.
Autor: Petra Kistler
