Die Ausnahmestimme aus Katalonien

Emilio Rappold

Von Emilio Rappold (dpa)

Mo, 08. Oktober 2018

Klassik

Die Sopranistin Montserrat Caballé ist mit 85 Jahren gestorben.

Sie wolle auf der Bühne sterben, hatte Montserrat Caballé gesagt. Die Spanierin tat ihren letzten Atemzug aber in einem Krankenbett in ihrer Geburtsstadt Barcelona, am Samstag im Alter von 85 Jahren. Die Sopranistin wurde über die Grenzen ihres Faches Oper hinaus weltberühmt. Sie war, wie die spanische Zeitung El Periódico zum Abschied ohne jede Übertreibung schreibt, ein Mythos.

Das Leben der María de Montserrat Bibiana Concepción Caballé i Folch erinnert an ein Märchen: Die Eltern des am 12. April 1933 in Barcelona geborenen Mädchens verloren im spanischen Bürgerkrieg ihr Hab und Gut. "Wir haben Hunger gelitten", erzählte Caballé. Irgendwann musste sie die Schule verlassen, um als Näherin zum Familienunterhalt beizutragen. Da ihr Talent schon damals zu erkennen war, konnte sie mit Hilfe von Mäzenen das Konservatorium besuchen und erste Auftritte absolvieren. Hunger und Nöte blieben aber vorerst. Mitte der 50er Jahre zog die Familie in die Schweiz. In Basel feierte die Sängerin 1956 ihr offizielles Debüt. Von 1959 bis 1962 war sie in Bremen engagiert. Nach Aufnahme mehrerer Platten wuchs ihre Fangemeinde vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz rapide. Den internationalen Durchbruch schaffte Caballé 1965 in der Titelrolle von Donizettis "Lucrezia Borgia" in der Carnegie Hall in New York – als Ersatzbesetzung. Sie wurde so begeistert gefeiert, dass die Metropolitan Opera sie engagierte.

Einen weiteren Meilenstein setzte die mehrfach ausgezeichnete Sängerin 1992: Mit dem für die Olympischen Spiele in der katalanischen Hauptstadt geschriebenen Song "Barcelona" wurde sie einem breiten Publikum auch jenseits der Opernwelt bekannt: Sie hatte das Stück mit Rockstar Freddie Mercury aufgenommen, der kurz drauf an Aids starb. Den Kontakt zu anderen Genres der Musik und des Entertainments scheute Caballé nie. Sie trat schon als junge Frau an der Seite von Frank Sinatra auf. Und sie saß bei "Wetten, dass ..?" auf dem Sofa. Neben der Karriere unterstützte sie soziale Vorhaben, förderte den Nachwuchs und galt als Entdeckerin ihres katalanischen Landsmannes José Carreras.

Caballé wurde bewundert für ihre Vokaltechnik und ihre Interpretationen des Belcanto-Repertoires (Opern von Bellini, Donizetti und Rossini), auf das sie sich schon Anfang der 60er Jahre spezialisiert hatte. Zur Kritik, in der Oper herrsche immer mehr ein Schlankheitswahn, und dem Aussehen der Darsteller werde viel mehr Bedeutung beigemessen als der Stimme, sagte Caballé jüngst: "Ich hatte das Glück, in einer Zeit zu singen, als man nicht zur Oper ging, um sich deine Figur anzuschauen."

Im Laufe ihrer jahrzehntelangen Karriere kam sie auf über 4000 Auftritte und etwa 90 verschiedene Rollen – sie dürfte damit eine der aktivsten Sängerin der Operngeschichte sein. Sie arbeitete mit Stardirigenten wie Herbert von Karajan, Leonard Bernstein, Zubin Mehta und Claudio Abbado zusammen und trat besonders gern mit ihrem Landsmann Plácido Domingo und dem Italiener Luciano Pavarotti auf. "Pavarotti war wie ein Vater für mich", sagte sie. Die für ihr lautes Lachen bekannte Künstlerin wurde beim Blick zurück auch wehmütig. Im vorigen Jahr klagte sie: "Die Magie der Oper geht immer mehr verloren." Inzwischen werde fast alles "dem schnellen Erfolg und dem Applaus" geopfert.

Mit gesundheitlichen Problemen hatte "La Montse", wie sie von Fans genannt wurde, vor allem seit Oktober 2012 zu kämpfen, als sie während einer Konzertreise in Russland einen Schlaganfall erlitt, ohnmächtig wurde und sich einen Oberarmknochen brach. Ihren letzten Auftritt hatte sie im April in der ukrainischen Hauptstadt Kiew mit ihrer Tochter Monserrat Martí. Obwohl ihre Stimme nicht mehr die alte war, begeisterte sie die Menge – sitzend.