Klassik

Die Berliner Philharmoniker kommen nach Baden-Baden

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 12. Februar 2018 um 20:25 Uhr

Klassik

Vom 24. März bis 2. April veranstalten die Berliner Philharmoniker erneut die Osterfestspiele in Baden-Baden. Simon Rattle verabschiedet sich dabei als Chef mit Wagners "Parsifal".

Einfach war es ja noch nie mit dem Besonderen. Und die Berliner Philharmoniker waren stets etwas Besonderes in der Orchesterlandschaft. Im aktuellen Magazin des Orchesters 128 – der Titel steht für die Anzahl der Musiker – berichtet Ulrich Eckhardt, vor Zeiten kommissarischer Intendant des Klangkörpers, vom leider einzigen gemeinsamen Auftritt des Orchesters mit Leonard Bernstein 1979. Ein weiterer, nach dem Mauerfall 1989, kam nicht zustande – eine Mehrheit votierte in der Orchesterversammlung gegen das geplante Projekt mit Beethovens Neunter als "Ode an die Freiheit".

Das Beispiel zeigt vor allem: Ohne das Placet der Musiker läuft nichts. Eine Erfahrung, die auch der damalige Chefdirigent Herbert von Karajan Anfang der 1980er Jahre machen musste, als er versuchte, Sabine Meyer als Soloklarinettistin einzusetzen, am Orchestervotum vorbei. Die Berliner Philharmoniker sind seit ihrer Gründung 1882 ein Orchester in Selbstverwaltung, das auch – laut 1952 festgeschriebener Satzung – über seine Chefdirigenten selbst entscheiden darf. Vor dem Hintergrund solcher Orchesterdemokratie ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die "Berliner" vom 24. März bis 2. April ihre bereits sechsten Osterfestspiele in Baden-Baden – in Personalunion mit dem Festspielhaus – veranstalten. Also eine echte Liebesbeziehung?

2013 war es ein Risiko für beide Seiten

Es klingt ein wenig nach Wehmut, wenn der Cellist Knut Weber, seit 1998 Mitglied der Philharmoniker, seit 2015 im Orchestervorstand, im Pressegespräch sagt, die Osterfestspiele Baden-Baden könne man sich "im Moment ohne Simon als Orchesterdirigent schwer vorstellen". Simon – Sir Simon Rattle – war neben dem Baden-Badener Festspielhausintendanten Andreas Mölich-Zebhauser sicher einer der zentralen Motoren des Festivals. Der Wechsel von der Festspielstadt Salzburg nach Baden-Baden 2013 war zweifelsfrei ein Einschnitt – ein Risiko für beide Seiten.

Knut Weber spricht von einem "großen Schritt": "Der Standortwechsel war substanziell". Und auch wenn das die Beteiligten nicht an die große Glocke hängen – er war Coup und Risiko zugleich. In Salzburg hatte man nur zwei Opernabende, die lagen unglücklich weit auseinander. Eine Ausweitung war nicht möglich. Und in Salzburg hatte das Orchester weniger Präsentationsmöglichkeiten. In Baden-Baden dagegen wird die ganze Stadt zur Bühne für die unterschiedlichsten Projekte: von Meisterkonzerten bis zur Kinderoper. Was sich wohl auch in den Beziehungen zu den Menschen aus der Region niederschlage. Weber berichtet, dass es schon passiere, dass er auf der Straße angesprochen werde: "Sind Sie nicht Herr Weber?"

Chefdirigent Kirill Petrenko gilt als medienscheu

Die angesprochene Wehmut (Weber: "ein weinendes Auge") gilt dem, was sich 2018 in der obersten Etage des Referenzklangkörpers vollzieht: Sir Simon Rattle legt zum Ende dieser Spielzeit sein Amt als Chefdirigent nach 16 Jahren nieder. Und dirigiert damit zum letzten Mal bei den Osterfestspielen. Jedenfalls als Chef … Für seinen Abschied hat er sich ein zentrales Werk des Musiktheaters ausgesucht – "Parsifal". Andrea Zietzschmann weist auf die Parallele mit einem Schmunzeln hin: Auch Claudio Abbado hatte für seinen Abschied als Chefdirigent der Berliner bei den Osterfestspielen – damals noch in Salzburg – Richard Wagners Bühnenweihfestspiel auserkoren.

Die aus Schwenningen stammende, in St. Georgen aufgewachsene Musikmanagerin, die unter anderem auch in Freiburg studiert hat, ist seit Oktober Intendantin der Berliner Philharmoniker. Und damit eine Art Prima inter Pares, oder: eine Moderatorin und Kommunikationsmanagerin, die zwischen den verschiedenen Interessen auszugleichen und zu vermitteln haben wird. Ihre reichen Erfahrungen als Managerin beim Mahler Chamber Orchestra, beim Hessischen Rundfunk und, zuletzt, an der Spitze der NDR-Klangkörper dürften ihr dabei zugutekommen.

Ganz einfach wird es nicht werden. Denn der designierte neue Chefdirigent Kirill Petrenko gilt als medienscheu und gibt keine öffentlichen Interviews. Wie das dann wohl wird mit dem Marketing? Zietzschmann wischt die Frage mit einem charmanten Lächeln beiseite: Rund um das Orchester gebe es jede Menge Kommunikationsbereitschaft – und auch in Pressekonferenzen könne man ja sein Informationsbedürfnis stillen.

Der russische Dirigent mit der magischen Aura wird freilich erst mit Beginn der Spielzeit 2019/20 sein neues Amt antreten – den Berlinern steht also ein Interim bevor. Das weckt die Neugier auf die Osterfestspiele in den kommenden Jahren umso mehr. Wie geht es weiter? Zietzschmann verweist auf den "anderen Hintergrund" des amtierenden Bayerischen Generalmusikdirektors als Operndirigent und spricht von einem "Neuaufschlag". Wie der aussehen könnte, wird noch nicht verraten. Immerhin, so viel: Petrenko sei sehr angetan gewesen von der Akustik des Festspielhauses in Baden-Baden. Und für die Osterfestspiele 2019 fällt das Schlagwort "Otello". Wer Verdis Oper indes dirigieren wird, soll erst im März bekannt gegeben werden.

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist wichtig

Denn natürlich sind die anstehenden Osterfestspiele allen Beteiligten am nächsten. Und "Parsifal" ist ein Schlüsselwerk, nicht nur weil die Oper durch die sogenannte Karfreitagsaue eine besondere Nähe zu Ostern hat. Knut Weber sagt mit Bezug auf die Geschichte des Orchesters: "Wagner ist für uns immer etwas Besonderes." Es sei aber auch kein Geheimnis, "dass wir es nicht gewohnt sind, als Opernorchester zu spielen". Das macht freilich den Reiz des Abenteuers Orchestergraben aus. Die Wagner-erfahrenen Mitstreiter wie Regisseur Dieter Dorn und eine erlesene Sängerschar wie Stephen Gould, Evelyn Herlitzius, Franz-Josef Selig, Gerald Finley und Evgeny Nikitin dürften das Ihrige dazu beitragen.

Um das Kernstück "Parsifal" ranken sich fünf Orchesterkonzerte, zig Kammerkonzerte, das Musikfest und Projekte wie Mozarts "La finta giardiniera" mit Gesangssolisten baden-württembergischer Hochschulen sowie die neue Kinderoper "Ritter Parsifal". Der Geiger Stanley Dodds, Medienvorstand der Philharmoniker, wird das Projekt leiten und unterstreicht, dass Education bei den Berlinern Chefsache ist: Es musizieren ausschließlich Mitglieder des Orchesters. Dodds sagt, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sei zur DNA des Orchesters geworden seit dem berühmten von Simon Rattle initiierten Projekt "Rhythm Is It". Und außerdem: "Gute Inhalte für Kinder sind auch gute Inhalte für Erwachsene." Vielleicht ist dies auch eine Art Motto für die künftigen Osterfestspiele der Philharmoniker in Baden-Baden.

Infos, Termine und Tickets: http://mehr.bz/bz-osterfestspiele