Bibliothek

Die berühmte Humanistenbibliothek von Sélestat eröffnet neu

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Do, 21. Juni 2018 um 20:20 Uhr

Sélestat

Sie gehört neben dem Straßburger Münster und dem Isenheimer Altar in Colmar zu den bedeutendsten Kulturschätzen des Elsass: Heute eröffnet die Humanistenbibliothek in Sélestat neu.

Der Beruf des Bibliothekars hat sein romantisches Image eingebüßt. Bücher und Bibliophile scheinen auf dem Weg zu sein, eine aussterbende Spezies zu werden. Laurent Naas ist eine Ausnahme. Er trägt einen Anzug, aber keine weißen Handschuhe. Die, bemerkt er süffisant, seien ein hinfälliges Klischee. Im Baumwollstoff blieben zu leicht Partikel hängen, die einem alten Druckwerk schaden könnten. "Das Sicherste ist es, sich die Hände zu waschen", sagt Naas. "Mit Handschuhen könnte ein Buch obendrein abrutschen."

Hier lagern die Schätze von Beatus Rhenanus

Naas, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bibliothèque Humaniste, der Humanistenbibliothek von Sélestat, steht mitten im "Trésor", einer Bibliothek in der Bibliothek. Er ist nicht zur einbruchssicheren Verwahrung gedacht, sondern ein Glaskubus, angenehm kühl auf 18 Grad temperiert. Idealbedingungen für die kostbaren Bände: das Allerheiligste der berühmten Büchersammlung. Vier Jahre Umbau und Umgestaltung sind abgeschlossen. Erstmals ab dem heutigen Samstag wieder öffentlich zugänglich, präsentiert sich die Bibliothek mit der Sammlung des Humanisten Beatus Rhenanus in neuem Glanz.

Zu verdanken hat sie dies einer gemessen an der Größe der 20 000-Einwohner-Stadt großzügigen Investition von 14 Millionen Euro. Rudy Ricciotti, der französische Architekt, der seit seinem Muceum, dem Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers in Marseille, auch jenseits der französischen Grenzen Renommee erworben hat, unterzog dafür die Kornhalle aus dem 19. Jahrhundert einer radikalen Verschönerung. Wie Ricciotti mit der Vielfalt architektonischer Formen an diesem (auch durch den Abriss einiger Häuser) neu geborenen Platz spielt, begreift man nur mit etwas Abstand zum Eingang. Die Kornhalle im neoromanischen Stil, wo die Bibliothek seit Ende des 19.Jahrhunderts untergebracht war, ist sorgfältig saniert worden, der Sandstein kommt mit seinen samtigen Tönen bestens zur Geltung. Rechts wird das Panorama vom Prälatenhof, einem Renaissancepalais mit Treppenturm flankiert. Im Hintergrund die gotische Kirche Saint Georges.

Ricciotti hat nicht nur die Heimat der Bibliothek wie ein Schatzkästlein komplett neu gestaltet. Das futuristisch anmutende Scharnier dieses städtebaulichen Panoramas ist sein an die Kornhalle angelehnter Neubau. Sandsteinsäulen gliedern seine Fassade, deren Oberfläche nicht einfach glatt sind. Ein Spiel zwischen den prismenartigen Oberflächen der Stützen und der Transparenz der Zwischenpartien aus dunkel eingefärbtem Glas lassen die Handschrift des Architekten erkennen.

Ein Freund von Erasmus von Rotterdam

Wer aber war dieser Beatus Rhenanus, was hat er geleistet, dass seine Hinterlassenschaft der Nachwelt so bedeutend erscheint, dass sie 2011 in das Weltdokumentenerbe der Unesco aufgenommen worden ist? Unter den vielen wichtigen Bauwerken und Denkmälern im Elsass bildet die Humanistenbibliothek mit dem Straßburger Münster und dem Isenheimer Altar ein unumgängliches Trio. Wer sie nicht gesehen hat, der kennt das Elsass nicht. In der Tat steht sie für einen geistesgeschichtlich wie historisch bedeutenden Abschnitt der oberrheinischen und europäischen Geschichte: die Renaissance, die sich als Entdeckung der Antike, ihrer Texte und Werte Bahn brach. Beatus Rhenanus, 1485 in Rheinau/Rhinau im Elsass als Sohn eines Metzgers geboren, ist so begabt, dass er die damals berühmte Lateinschule in Schlettstadt/Sélestat besucht. Nach dem Studium in Paris wird er in seine oberrheinische Heimatzurückkehren. In Basel gibt der Gelehrte viele bedeutende lateinische Autoren heraus, als erster die Werke des Erasmus von Rotterdam, dessen erster Biograf er nach dessen Tod wird.

Beatus Rhenaus gilt als bedeutender Vertreter des Humanismus nicht nur als Verleger, sondern auch als Freund des Erasmus. 1523 erhebt ihn Kaiser Karl V. in den Adelsstand. In seinem gelehrten Lebens trug dieser Mann eine Bibliothek zusammen, die bei seinem Tod 1547 von unschätzbarem Wert war. Dass diese Bibliothek nahezu geschlossen erhalten ist, kann man nur als Glücksfall bezeichnen. Weitere Schenkungen bereicherten den Bestand, darunter die Bibliothek der Lateinschule, zweiter großer Bestandteil der Sammlung. Ein liturgisches Lesebuch aus dem 7. Jahrhundert – es handelt sich um das älteste im Elsass aufbewahrte Buch, die ersten im Elsass von Johannes Mentelin hergestellten Buchdrucke und die in Saint-Dié edierte Kosmographie von Martin Waldseemüller komplettieren die Sammlung. Beatus Rhenus war dessen Freund und erwarb den Band, der als erste Nennung und Geburtsurkunde Amerikas gilt.

Die Tische sind Schreibpulten des Mittelalters nachempfunden

Dies sind nur wenige Beispiele eines Bestands von 460 Handschriften, 550 Inkunabeln aus der Zeit vor 1501 und nahezu 2500 Drucken aus dem 16. Jahrhundert. Jenseits des ästhetischen und architektonischen Spiels verfügt die Bibliothek über konservatorisch geeignete Magazine im Untergeschoss und einen neuen Ausstellungsraum im ersten Stock. Dieser ist hell, geräumig und glanzvoll gelungen. Die Museographie hat Eichenholztische für die Präsentation entworfen, die Schreibpulten des Mittelalters nachempfunden sind. Schaukästen, Bild- und Texttafeln in drei Sprachen sowie Touchscreens, auf denen sich die digitalisierten Bücher umblättern lassen, bereiten den Reichtum der Humanistenbibliothek mit modernen Mitteln in dieser Studierstube des 21. Jahrhunderts auf.

Doch was genau ist auf Beatus Rhenanus zurückzuführen? "Erst 1557 wurden die Pfarrbibliothek und die Bibliothek des Gelehrten zusammengelegt", sagt Laurent Naas. Der älteste Katalog stammt von 1738. Beatus Rhenanus habe seine 670 Bücher mit einem Ex Libris versehen. "Leider tat er dies nicht systematisch." Weshalb nicht immer zweifelsfrei zuzuordnen ist, welches Werk aus welcher Sammlung stammt.

Bibliothèque Humaniste, 1 place docteur Maurice Kubler, Sélestat. Eröffnungswochenende: Samstag und Sonntag 10 bis 12.30 und 13.30 bis 18 Uhr, Eintritt frei.
http://www.bibliotheque-humaniste.fr