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Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 09. September 2018

Colmar

Der Sonntag Der Isenheimer Altar in Colmar wird in den kommenden vier Jahren restauriert.

Gut möglich, dass Matthias Grünewalds berühmte Auferstehung Christi die Bewunderer des Isenheimer Altars in Colmar demnächst mit noch mehr Leuchtkraft beeindruckt. Schockmomente sind aber nicht auszuschließen.

Nach der Restaurierung ist vor der Restaurierung. Wenn der Isenheimer Altar, das zwischen 1512 und 1516 entstandene Hauptwerk Matthias Grünewalds, inklusive der geschnitzten Altarkästen von Nikolaus von Hagenau in den kommenden vier Jahren sozusagen generalüberholt wird, dann ist das für den berühmten spätgotischen Wandelaltar nicht das erste und es wird auch nicht das letzte Mal sein. Bis zur letzten Firnisabnahme 2011 sind, beginnend mit 1794, bereits acht Restaurierungen dokumentiert.

Das Werk, das die ganze Zeit über zugänglich bleibt, besteht aus elf auf Lindenholz gemalten Altartafeln, die dem heiligen Antonius und der Passion Christi sowie Verkündigung, Geburt und Auferstehung gewidmet sind. Hinzu kommt der Sockelteil, die sogenannte Predella mit der Beweinung des Leichnams. Drei unterschiedliche Bildfolgen wurden abhängig von Festtagen und Liturgie gezeigt. Bei vollständig geöffnetem Altar werden Nikolaus von Hagenaus Holzskulpturen sichtbar, in deren Mitte der heilige Antonius thront. Geschaffen wurde der Altar für das ehemalige Antoniterkloster in dem nahe bei Colmar gelegenen Isenheim, wo man ihm heilende Wirkung beim "Antoniusfeuer", einer Mutterkornvergiftung, zuschrieb.

Um es während der Französischen Revolution vor Zerstörung zu bewahren, wurde das Meisterwerk, das Grünewalds schon fast hyperrealistische Darstellung des Gekreuzigten, aber auch das gleißende Licht der Auferstehung berühmt gemacht haben, 1793 in die Colmarer Nationalbibliothek gebracht. 1853 wechselte es in die Kapelle des ehemaligen Dominikanerklosters und heutigen Musée Unterlinden. Heute ist der Altar in drei voneinander getrennten Teilen dauerhaft sichtbar und nimmt den gesamten Kapellenraum des bis 2015 von den Basler Architekten Herzog & de Meuron renovierten und erweiterten Museums ein.

Ruhe ist den Bildern und Skulpturen jedoch nicht vergönnt. Nachdem bereits 2003 Untersuchungen eine starke Verschmutzung, Trübung und Oxidation der Tafelbilder aufgrund einer inzwischen großen Zahl von Firnisschichten festgestellt hatten, wurde eine erneute Restaurierung beschlossen. Umgesetzt wird sie in mehreren Etappen. "Jetzt kommen wir in die entscheidende Phase", sagte Museumsdirektorin Pantxika de Paepe diese Woche anlässlich der Wiederuafnahme der Arbeiten. 2011 waren bereits Firnisschichten an zwei Tafeln ausgedünnt und Farbabhebungen fixiert worden. Damals hatte es jedoch Kritik gehagelt aufgrund von Befürchtungen, der Altar könne durch die damals in wenigen Tagen durchgeführte Firnisabnahme mittels Lösungsmitteln Schaden nehmen.

Zwar wiesen Museumsleitung, Restauratoren und die oberste staatliche Restaurierungsbehörde, das "Centre de Recherche et de Restauration des Musées de France" (C2RMF), die ebenso mit im Boot war, dies entschieden zurück. Gestoppt wurden die Arbeiten dennoch. Zwischen 2013 und 2014 folgten weitere genaue Untersuchungen und Analysen sowie der Entscheid, das gesamte Ensemble zu restaurieren, dies nicht zuletzt, um die Einheitlichkeit des Werks wiederherzustellen. Gereinigt und restauriert werden jetzt neben den Altarbildern auch die Skulpturen des Nikolaus von Hagenau, die dafür Stück für Stück herausgelöst werden. Mit diesem Teil beginnen die Arbeiten.

Budgetiert sind derzeit 1,2 Millionen Euro, deren Hauptteil der französische Staat beisteuert. Zwei Teams mit insgesamt mehr als 20 Beteiligten arbeiten zum Teil vor Ort im Unterlindenmuseum, zum Teil an einzeln ausgelösten Tafeln oder Figuren in externen Werkstätten. Besucher können die Restaurierungsarbeiten an dem Altar, der jährlich rund 200 000 Besucher ins Unterlindenmuseum lockt, weitgehend live verfolgen. Um die Konzentration der Restaurateure nicht über Gebühr zu stören, werden sie jedoch durch eine Glasscheibe getrennt vom Publikum arbeiten. Überwacht werden die Arbeiten von einem Beirat, dem Spezialisten unter anderem auch von der Kunsthalle Karlsruhe und dem Basler Kunstmuseum angehören.

Zu rechnen ist allerdings auch mit einem insgesamt veränderten Erscheinungsbild. Vermutlich wird der Schock nicht ganz so heftig, wie bei der Wiedereröffnung der Sixtinischen Kapelle in Rom. Nach der umfangreichen Reinigung von Michelangelos berühmten Deckenfresken, auf denen sich Staub und Ruß von Jahrhunderten abgelagert hatte, waren bei der Wiedereröffnung 1994 von entsetzten Kommentatoren "Bonbonfarben" konstatiert worden. In Colmar werde man aber bemüht sein, ein Gleichgewicht zu finden, beteuerte Restaurateurin Juliette Lévy zum Auftakt der Arbeiten am Dienstag. Auf mögliche Risiken angesprochen, ergänzte ihr Kollege Anthony Pontabry, der die Gemälderestaurierung leitet: "Es gibt keine Risiken und wenn, würden wir sie nicht eingehen." Wichtig sei aber: "Wenn wir nichts machten, wären die Risiken größer."
Musée Unterlinden, Place Unterlinden, Colmar, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 9 bis 18 Uhr, erster Donnerstag im Monat, 9 bis 20 Uhr, Dienstag geschlossen. Weitere Informationen unter http://www.musee-unterlinden.com