Kino unterm Christbaum

Die BZ-Redaktion gibt acht Geschenktipps für Filmliebhaber

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mi, 05. Dezember 2018 um 16:25 Uhr

Liebe & Familie

Romy Schneider, die Mutter aller Whistleblower-Enthüllungen, eine Liebe im Supermarkt: Acht Tipps für Kino unterm Weihnachtsbaum.

Zum Fest der Liebe

Ein Liebesfilm zum Fest der Liebe – das kommt ja immer gut an. Was aber, wenn die Liebe eine schwule ist wie in Luca Guadagninos Drama nach dem Roman von André Aciman? Ist das nicht ein bisschen, äh, unpassend? Ach nein: Wie jeder große Film mit einem gleichgeschlechtlichen Paar ist auch dieser ein Epos über die Liebe selbst. Der 17-jährige Elio (sensationell: Timothée Chalamet) verguckt sich beim Familienurlaub in der Lombardei in einen Studenten seines Vaters. Und umgekehrt. Ein betörender, ungeheuer sinnlicher Film über Verheißung und Sehnsucht, das Pochen der Herzen und das Rauschen in den Ohren, über ängstliche Geständnisse, kindliches Kichern, leuchtende Farben und das erfüllte Nichts der Erschöpfung. Der bittersüße Geschmack der Liebe: Wann wäre er köstlicher als an Weihnachten?
"Call Me by Your Name": DVD/Blu-ray, Sony. Ab 12.



Der stinkreiche Modezar als armes Würstchen

Aufgebrezelte Festgäste wecken in uns ja regelmäßig den Vorsatz, künftig auch ein wenig schicker, schöner, eleganter daherzukommen. Eine Mühe, die uns in Paul Thomas Andersons Film der smarte Daniel Day-Lewis abnimmt: Er gibt einen gefeierten Modeschöpfer im London der 50er Jahre, der sich in eine Bedienung (Vicky Krieps) verliebt – und sie zu Model und Muse macht. Wobei es am Ende natürlich sie ist, die die Fäden in der Hand hält. Ein meisterhaft gewebtes, sinnliches Drama, ein Kaleidoskop der Eitelkeiten, mal komisch, mal abgründig. Der weltmännische Designer und stinkreiche Modezar als lächerliches, armes Würstchen: Das kann einen ja fast mit der eigenen strumpfsockigen Existenz versöhnen.
"Der seidene Faden": DVD/Blu-ray, Universal. Ab 12.



Der Kulturbetrieb als Affenzirkus

Vor einem renommierten Stockholmer Museum ist ein Quadrat abgesteckt, als Spielfeld für die Mitmenschlichkeit, nicht nur in der Performance, sondern ganz real: Wer immer sich hineinstellt, dem soll geholfen werden. Das Ausstellungsprojekt "The Square" gibt es tatsächlich, in diesem Film aber ist es nur der Aufhänger für bitterböse Betrachtungen über Wahnwitz und Windbeutel im Kunstbetrieb, über Schreibtischhumanisten und eine eventgeile Kulturcommunity, die ihren Zynismus als Weltverantwortung tarnt. Ruben Östlunds Satire, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes 2017, ist das ideale Geschenk für Leute, die Kunst nicht als Gottesdienst begreifen. Ein lustvoll plakativer Film, der nicht nur für zweieinhalb Stunden bildmächtige, kluge, brüllkomische und beklemmende Stunden sorgt, sondern danach auch noch für angeregte Debatten.
"The Square": DVD/Blu-ray, Alive. Ab 12.



Zivilcourage ist weiblich

Die Mutter aller Whistleblower-Enthüllungen: Im Juni 1971 veröffentlichte die Washington Post die streng geheimen Pentagon-Papiere über die Indochina-Politik der USA. Steven Spielberg erzählt davon natürlich auch im Blick auf die Situation der Presse heute, dennoch ist sein Film nie trockenes Gesinnungsdrama, sondern ungeheuer spannend, ein Mix aus Psychodrama und Politthriller, brillant inszeniert und großartig gespielt: Tom Hanks und Meryl Streep sind ein herrlich unromantisches Paar als Chefredakteur und Verlegerin, die aus braver Zurückhaltung hineinwächst in ungeheuren Mut. Wer es noch nicht wusste: Zivilcourage ist weiblich.
"Die Verlegerin": DVD/Blu-ray, Universal. Ab 6.



Eine Frau sieht rot

Zwei Schauspiel-Oscars (in den Kategorien weibliche Hauptrolle und männliche Nebenrolle) für ein und denselben Film gibt’s nicht alle Tage. Hoch verdient sind beide. Zumal Frances McDormand macht das Drama ganz zu ihrem: Mildred, Mutter einer brutal ermordeten jungen Frau, kann Monate nach der Tat die ergebnislosen Ermittlungen nicht länger ertragen. In ihrer Verzweiflung mietet sie drei riesige Werbetafeln, Billboards, an der Landstraße vor den Toren des Städtchens Ebbing und plakatiert dort in schwarzen Lettern auf blutrotem Grund drei provozierende Sätze, Anklagen an die örtliche Polizei. Was dann passiert, wie sich die Cops (Woody Harrelson und Sam Rockwell, Oscar-Preisträger Nummer zwei) mit Mildred erbitterte Wortgefechte liefern, aber allmählich aus der Wut in die Verantwortung reifen, das ist ganz großes Kino. Martin McDonaghs Drama ist mit seinen mal grellen, mal tröstlich humanen Lichtern auf dunklem Tragödiengrund ein wunderschöner, weil zutiefst menschlicher Film.
"Three Billboards outside Ebbing, Missouri": DVD/Blu-ray, Fox. Ab 12.



So ungeschützt, so unglücklich

Weihnachten ist ja "Sissi"-Zeit. Wer aber in Romy Schneider nicht nur die ewige Kaisergattin sehen will, dem sei Emily Atefs Drama ans Herz und unter den Baum gelegt. Am Beispiel des legendären dreitägigen "Stern"-Interviews im bretonischen Quiberon zeigt der Film mit seiner fantastischen Hauptdarstellerin Marie Bäumer die große Romy als unglückliche Frau, die ihr Versagen vergessen und ihre Geldsorgen im Champagner ertränken wollte. Ihre Lust an Rausch und Entgrenzung, ihre Sehnsucht nach Nähe, Trost, Liebe, Leichtigkeit. Aber auch ihre fast schmerzlich ungeschützte Offenheit, ihren Charme, ihre Freiheit von jedem Dünkel. Romy Schneider, diese über die Maßen schöne Schauspielerin, verkörperte jede Figur, als wäre sie eine von uns. Dieses subtil inszenierte Drama lässt uns spüren, warum. Kein Wunder, dass es der große Abräumer beim Deutschen Filmpreis 2018 war.
"3 Tage in Quiberon": DVD/Blu-ray, Prokino. Ab 0.



könnte es passieren – der Geschichte einer 17-Jährigen (Saoirse Ronan), die der Mutter (Laurie Metcalf), der katholischen Schule und dem ganzen spießigen Sacramento entfliehen will. Lady Bird nennt sie sich: Das Vögelchen, das da flügge wird, will weit weg, am liebsten nach New York. Das alte Kinothema vom pubertären Hin- und Hergerissensein zwischen Mainstream und Avantgarde, Rebellion und Anpassung: Selten war es so jung wie in diesem großartigen, toll gespielten Film, der zugleich unspektakulär und bigger than life ist und hohes Identifikationspotenzial bietet. Für Teenietöchter von heute – und ihre Mütter, die ja auch mal welche waren.
"Lady Bird": DVD/Blu-ray, Universal. Ab 0.



Da geht ihm das Herz auf

Da sind ihnen die Augen aufgegangen, so heißt es in der Bibel, und sie haben erkannt. Christian jedoch, den der 1986 in Freiburg geborene Franz Rogowski so formidabel verkörpert, dass der Deutschen Filmpreis an ihm gar nicht vorbeigehen konnte: Christian gehen die Augen über und das Herz auf, als er bei seinem neuen Job im Supermarkt der hinreißenden Marion (Sandra Hüller) von den Süßwaren begegnet. Glückskinder sind sie beide nicht, aber ihre zarte, vorsichtige Annäherung ist so poetisch und von einem magischen Realismus so zauberhaft überhöht, wie man es vielleicht schönen Menschen im bunten La La Land zugestehen würde, aber doch nicht blassen Malochern irgendwo im ostdeutschen Nirgendwo. Aber gerade deshalb ist Thomas Stubers Drama der schönste Liebesfilm des Jahres. Bei dem auch dem Zuschauer das Herz aufgeht.
"In den Gängen": DVD/Blu-ray, EuroVideo Medien. Ab 12.