Die Empfindung von etwas für immer Verlorenem

Andreas Kohm

Von Andreas Kohm

Fr, 27. April 2018

Literatur & Vorträge

Filigrane Bewusstseinsstudien: Gertrud Leuteneggers Prosatexte "Das Klavier auf dem Schillerstein".

Wie schnell doch können die vermeintlich sicheren Koordinaten der Wirklichkeit ins Wanken geraten. Ein Besuch beim Augenarzt auf der Mittelmeerinsel Elba, in dessen stillem, "verschatteten Wartezimmer" die Erzählerin eine Bildgalerie von Blindgeborenen entdeckt, nimmt einen fast bizarren Verlauf. Nicht nur plötzlich das Gefühl, in einem der Porträts die Marquise von O... zu erkennen, sondern kurz darauf auch ein unerwartet grob agierender Arzt, veranlassen sie beinahe fluchtartig und "bis ins Innerste verstört" zum Gehen. Zugleich wird ein Gedankenkreislauf ausgelöst, der sich um Kleists "verlorene Sprache" und die existenzielle Bedeutung einzelner Sätze für das eigene Leben dreht, die Frage nach der Gnade, angesichts "der gebrechlichen Einrichtung der Welt", sich einem "rückhaltlose(n) Versinken ins Unbewußte" überantworten zu können.

In elf kleinen Prosastücken, allesamt über die Jahre bereits an anderen Orten publiziert, zeigt Gertrud Leutenegger die große Kunst der Konzentration, die ihre Sprache oft unerwartet und mit zarter Kraft hin zu einer Ausweitung führt, um ans beinah Intimste zu rühren. Im scheinbar noch so Nebensächlichen öffnen sich Horizonte und Abgründe. Jahrzehntealte Erinnerungen werden wach: an einstmals bewohnte Häuser, "im Treppenhaus von Cabbio", am Freskenhimmel "ein winziges flirrendes Wesen (...) ein Zitronenfalter", an Reisen, an Lektüreerlebnisse – und dringen herein ins Bewusstsein der Gegenwart, scheinen dort eine Entsprechung zu finden.

Leutenegger erkundet die vagen Zonen, in denen Verortung alles andere als sicher, gar selbstgefährdend ist. Sie liefert Stichworte für eine filigrane Topografie des Melancholischen, die trotz erfahrener Verluste in ihren Dunkelheiten Glanz verströmt. Wem wäre sie darin näher als dem Romantiker Novalis und seinen poetischen Schriften: "somnambul bei hellstem Verstand"? Die Beschreibung einer Tessiner Nacht mit Stromausfall im Gefolge eines Sommergewitters ("Ich stand immer noch am offenen Fenster und sah auf die schwarze Nacht hinaus, die sich allmählich wie von innen her erhellte") geht ineinander mit den Lektüren des Tages. Was die 1948 geborene Schriftstellerin bei ihren ebenso zufällig anmutenden wie konsequent durchgeführten Tiefenforschungen ans Licht ihrer Prosaminiaturen bringt, sind fein gearbeitete Webmuster, die wie bei einem Moiré-Effekt Untergründiges, Unheimliches, sichtbar werden lassen.

Bei dieser Chronistin der eigenen Zeitlichkeit berühren sich das Private und das Politische. Gertrud Leutenegger ist eine wachsame Zeugin der ruinösen, "selbstmörderischen" Gegenwart. Wie unwiderbringlich verloren jene Alpen, die Albrecht von Haller besang und deren Überschreitung Arthur Rimbaud fast das Leben kostete. In den Zonen des "ewigen Eises" nur noch brutal zerstörte Natur, verschandelte Gletscher, "zugedeckt mit gigantischen schmutzigweißen Planen, teilweise zerschlissen und von Wind und Schneeschmelze in wilde Faltenwürfe gelegt". Die Impulse der Leutenegger’schen Wahrnehmung bezeugen einen hohen Grad lyrischer Sensibilität. Ihre Aufgabe: noch und gerade im Verlust ein Gedächtnis zu bewahren vom Glück. Vorübergehend festgehalten in den Bewusstseins-protokollen bis hin zur schockierenden Vision beim Besuch einer romanischen Kirche: "Schon am Morgen kündigten die scharfen Schatten und eine noch unhörbare Bewegung der Luft den Nordwind an, der Himmel ist von einem beinahe beunruhigenden Blau. Dann blicke ich durch die vergitterte Luke frontal in das Kircheninnere, und ein noch viel tieferes, stratosphärisches Blau erschreckt mich. Die ganze Apsis ist in ein unfaßbares Blau getaucht, (…) nur dieses intensive Blau, ein dunkel strahlender Sog, der sich zugleich entzieht, ebenso Beseligung wie Vernichtung und die Empfindung von etwas wie für immer Verlorenem steigert sich zu unerträglichem Schmerz."

Wie nebenbei offenbaren diese Texte eine ihnen eingeschriebene Poetologie, öffnen weite Innenräume und führen dorthin, wo das Wirken der Erinnerung uns wach in der Welt hält. Und vielleicht, mit größter Vorsicht, zeugen sie sogar von jenem Traum der Avantgarden, die Kunst ins Leben überführen zu wollen. Näher kommt man kaum.

Gertrud Leutenegger: Das Klavier auf dem Schillerstein. Nimbus Verlag, Wädenswil 2017. 77 Seiten, 19,80 Euro.