Die Erlösung in C-Dur

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Do, 13. September 2018

Klassik

Der Pariser Organist Eric Lebrun spielte im Freiburger Münster.

Auf eine Zugabe wurde verzichtet. Kluge Entscheidung! Denn: Nach diesem Stück kann eigentlich nichts mehr kommen. Zuletzt hatte Eric Lebrun im Freiburger Münster "Litanies" gespielt, den menschliche Grenzerfahrungen berührenden litaneiartigen Klassiker von Jehan Alain. Das ekstatische Opus des im Zweiten Weltkrieg 29-jährig gefallenen, eminenten Talents schließt quasi mit einem gellend dissonanten Schrei, für den sich Edvard Munchs gleichnamiges Bildmotiv als visuelles Pendant anführen ließe. Mehrfach hat man die "Litanies" in Freiburg gehört – stets mustergültig interpretiert von Marie-Claire Alain, der jüngeren Schwester des Komponisten. Auch gegen Lebruns Deutung ist nichts einzuwenden. Signifikantester Unterschied allerdings: Der 1967 geborene Pariser Gast band in seine aktuelle Wiedergabe die – derzeit nur dreiteilige – Orgelanlage des Münsters ein.

Die er auch bei anderen Darbietungen vom Hauptspieltisch aus eifrig nutzte. Sehr schön etwa bei Alexandre Guilmants "Marche funèbre et chant séraphique". Jenem zum Gedenken an die Mutter entstandenen originellen Werk in seiner Mischung aus irdischem Trauermarsch und süßen Himmelsklängen. Die Michaelsorgel auf der Westempore durfte da ihre Romantik-Tugenden zeigen. Plastisch und expressiv klang diese Musik, der das Pathos nicht ganz fremd ist. Zungenkraft brach sich Bahn. Röhrenglocken plus 32-Fuß-Pedaltiefe kündeten den Szenenwechsel an, den Melos und (gleichsam) Harfensound dann letztlich konkretisierten. Am glücklichen Ende steht die Erlösung in C-Dur.

Auch der Komponist Lebrun war an diesem Abend zu vernehmen. Sein Werk "La Folie Tristan" präsentierte er als eine Musik der Leidenschaft. Die Sinfonisches, Mystisches und – geliefert von der Marienorgel – Skurriles in sich vereinigt. Tonkunst mit beträchtlichem Eigengut und – so viel Tradition muss sein – kleinen Messiaen-Inseln. Am Schluss eine Fortissimo-Dissonanz, bei der man an Jehan Alains "Litanies" denken konnte. Ans Debussy-Jahr erinnerte Lebrun mit einer eigenen Bearbeitung von "Bruyères" aus Heft II der "Préludes": Auch auf der Orgel wirkt diese lyrische Klaviermusik, die Melodie und eine pastorale Aura kombiniert.

Was er im barocken Fach zu sagen hat, bewies der unter anderem von Michel Chapuis ausgebildete Interpret beim persönlichen Besuch oben an den mechanischen Tasten der großen Marienorgel, die ja allein im Münster das für die Musik von Nicolas de Grigny obligatorische Krummhorn in ihrem Fundus hat. Zur immer spürbaren Strenge des Reimser Barockmeisters gesellten sich in Lebruns Auslegung der Sätze zum marianischen "Ave maris stella" Lebendigkeit und Frische – besonders beim Duo. Zudem war Klarheit ein hohes Gut. Staunen konnte man nicht nur beim finalen "Dialogue" darüber, wie französisch die Marienorgel zu klingen vermag – jenes viermanualige Rieger-Instrument, das durch seine gelungene Renovierung enorm gewonnen hat.

Da sprach der Chef

In puncto Frische doch etwas zu viel des Guten wagte Lebrun bei Bachs c-Moll-Fuge BWV 537. Bei silbrigem Plenum und Pedalzunge ging das gewählte Tempo ein wenig zu Lasten des thematischen Geschehens und der polyphonen Transparenz. Der Grund für diese plötzliche Hurtigkeit erschloss sich nicht – zumal der Organist der mit der Fuge eng verwandten und mit dem Halbschluss G-Dur endenden c-Moll-Fantasie ein völlig konträres und dabei sehr angemessenes Profil gegeben hatte: Getragenheit in Bachs Erbarme-dich-Gestus. Eine so konzise wie ungemein ernste Klangrede. Auf Prinzipal-Basis – was bedeutete: In Sachen Bach sprach da der Chef und Vater der Orgelregister.

Gemäß seiner Faktur als eher leichte Kost genoss man das – im Kopfsatz sequenzenselige – Bach’sche G-Dur-Concerto BWV 592, das ursprünglich sein junger aristokratischer Dienstherr zu Papier gebracht hatte. Eric Lebruns Münsterrezital überzeugte nachhaltig.