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22. Juni 2012
Die Erwartungshaltung wäre zu überprüfen
In ihrem klugen Fußballbuch fragen sich Simon Kuper und Stefan Szymnaski, "Warum England immer verliert".
Es gibt wichtige Fragen im Leben. Etwa, ob die Griechen drin oder draußen bleiben. Ob die Spanier einen Schirm brauchen oder nicht. Wer die Ägypter künftig regiert. Und warum England immer verliert. Obwohl die Engländer nahezu alle Sportarten erfunden haben, außer Eisstockschießen vielleicht und Beachvolleyball – dabei klingt das voll Englisch. Aber den Fußball haben sie erfunden, den Profifußball auch. Und erst kürzlich – 1966 – waren sie Weltmeister. Und seitdem fragt man sich bei jeder großen Meisterschaft wieder, warum sie es nicht wieder werden. Es ist also eine Frage, die manchen, wie den Schreiber dieser Zeilen, ein Leben lang begleitet hat.
Eine Antwort verspricht das gleichnamige Buch des britischen Sportjournalisten Simon Kuper und des amerikanischen Sportökonomen Stefan Szymanski. Der Titel ist allerdings doch eher ein Bauernfänger, denn der Frage ist explizit nur ein Kapitel gewidmet. Keineswegs geht es aber – wie der Untertitel ankündigt – um "kuriose Fußballphänomene", sofern man darunter kickende Elefanten, betrunkene Schiedsrichter oder andere Pleiten, Pech und Pannen versteht. Das Buch hat ein ernstes Anliegen: Es stellt Überlegungen an, wie das Spiel intelligenter beziehungsweise wie das Management von Fußballvereinen auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt werden kann. Kuper und Szymanskis Anregungen sind weniger kurios (wenn auch einige Übersetzungen so zu nennen wären) als anregend. Man lernt viel über die Psychologie von Fehlentscheidungen auf dem Transfermarkt und den inkompetenten Umgang mit jungen Spielern. Man erfährt, warum Fußball kein Geschäft ist wie jedes andere, ja, vielleicht überhaupt kein Geschäft ist, weil gewinnen und Gewinne verschiedenen, wenn nicht entgegengesetzten Logiken folgen. Und man bekommt erklärt, warum Johan Cruyff in den letzten vier Dekaden der größte Revolutionär des Fußballs war.
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Und warum verliert England immer? Zunächst einmal finden die Autoren, dass sich die Three Lions ganz ordentlich schlagen und die Erwartungshaltung zu überprüfen wäre. Ihre Kriterien von relativem Erfolg sind dabei Bevölkerungsgröße, Wohlstand und Anzahl von Länderspielen, also Einwohner, Einkommen und Erfahrung (demnach sind übrigens Honduras und Georgien die besten Fußballländer). Dass England aber nicht mehr Weltmeister wird, liegt daran, dass es nicht auf dem europäischen Kontinent liegt. Kuper und Szymanski sind Anhänger des schnellen, körperbetonten, kollektivistischen Fußballs. Sie glauben an die Wirksamkeit von Netzwerken, die das Fußball Know-how verbreiten und wie sie nirgendwo so ausgeprägt wie im alten Europa zu finden sind. Insofern steht diese Frage doch pars pro toto für ihre politische Ökonomie des Fußballs und dem Loblied auf Europa. Was aber bedeutet es eigentlich, dass die drei letzten Europameister Spanien, Griechenland und Frankreich hießen? Doch das ist eine andere Frage – für eine spätere Generation.
– Simon Kuper & Stefan Szymnaski: Warum England immer verliert. Und andere kuriose Fußballphänomene. Edition Tiamat, Berlin 2012. 319 Seiten, 18 Euro.
Autor: Jörg Später



