Die Frau am Männerinstrument

Udo Andris

Von Udo Andris

Fr, 17. November 2017

Rock & Pop

Die polnische Bassistin Kinga Glyk eroberte auch das Publikum im Freiburger Jazzhaus.

Beneidenswert, mit welcher Souveränität diese gerade mal zwanzigjährige Musikerin von Bühne und Publikum Besitz ergreift, wie relaxed und biegsam sie ihren Auftritt gestaltet, ja inszeniert. Erfolg macht eben auch selbstbewusst: Die E-Bassistin Kinga Glyk wird derzeit als die jüngste und bekannteste Bandleaderin der polnischen Musikszene gehandelt.

Und der Erfolg kam schneller als erträumt: Nicht nur, weil sie mit elf Jahren sich für den Bass entschied – ein Instrument, das man eher in Männerhänden erwartet – sondern auch, weil Kinga Glyk von Papa Irek konsequent gefördert wurde. Schon bald spielte sie in der Familien-Combo "Glyk P.I.K. Trio" (Vater am Vibraphon, der Bruder an den Drums). Medien und Publikum wurden aufmerksam. Kleine Clubs und Gigs reichten bald nicht mehr aus, und das junge Talent fand sich auf internationalen Festivals wie dem Stuttgarter "Jazz Open" oder dem "Festival da Jazz" in St. Moritz. Drei eigene Alben sind seit dem 18. Lebensjahr der Bassistin bereits erschienen, und Videos wie ihre Soloversion von Eric Claptons "Tears In Heaven" wurden auf YouTube hunderttausende Male geklickt.

Zum 30-jährigen Jubiläum des Jazzhauses eroberte Kinga Glyk nun auch das Freiburger Publikum im Handumdrehen. Familienanbindung auch hier: Mama sitzt unter den Besuchern, der Bruder steht hinterm Mischpult, Daddy bedient das Schlagzeug, Kollege Rafal Stepien den Flügel und die Keyboards. Gewandt und charmant beherrscht Kinga Glyk nicht nur ihre beiden Bassgitarren, sondern auch einen geschmeidigen Pop-Jazz, der handwerkliches Können, achtsame Teamarbeit, Melodienfülle und Sentiment reibungslos vereint.

Beachtlich, mit welcher Fingerfertigkeit die Leaderin kurvenreiche Themen und Improvisationen am E-Bass meistert: sonor und kraftvoll in der begleitenden Funktion, halsbrecherisch-virtuos, oftmals "gitarristisch" anmutend in ihren Soli – das große Vorbild Jaco Pastorius ist da nicht selten zum Greifen nahe. Kompakt und vital (manchmal ein wenig zu deftig-hemdsärmelig) behandelt Irek Glyk sein Drum-Set, während Rafal Stepien in bewährter osteuropäischer Tradition mit hoher Tastenkunst beeindruckt. Am Flügel pflegt er feinziselierte Romantizismen, an den Keyboards entwickelt Stepien auch anregende, drivende Fun- kyness im Geist der 70er Jahre (mit Herbie Hancock & Co. als Paten). Im Repertoire dieses effektbewusst musizierenden Trios finden sich innehaltende Balladen ebenso wie tanzbare Grooves.

Kinga Glyk gewann an diesem gefeierten Abend sicher zahlreiche neue Fans. Wobei sie im Lauf ihrer Karriere noch entdecken wird, dass weniger Noten manchmal mehr Inhalt transportieren oder die Bühnenpräsenz sich dem musikalischen Gedanken, einem eigenen Sound unterzuordnen vermag.