Theater

Die Freiburger Immoralisten spielen Fontanes "Unterm Birnbaum"

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Fr, 13. Juli 2018 um 20:12 Uhr

Theater

Im Jahr 1885 hat Theodor Fontane seine Kriminovelle "Unterm Birnbaum" geschrieben. Manuel Kreitmeier bringt eine eigene Fassung auf die Freiluftbühne der Immoralisten: witzig, grotesk, tiefsinnig.

Ach, es könnte doch alles so schön sein! Abel Hradschek hat einen Laden und eine gut gehende Gastwirtschaft, er hat eine Frau, die sich gleich nach der Heirat zum Protestantismus bekannt hat, er hat Bedienstete, die ihm die schwere Arbeit abnehmen und er hat ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn im Dorf Tschechin. Doch ach, in Wahrheit ist nichts schön! Denn Hradschek ist nur scheinbar ein anständiger Mann. Er ist ein Trinker und ein Spieler, er ist ein wenig empathischer Ehemann, ein allzu strenger Arbeitgeber, ein heuchlerischer Nachbar. "Wenn der Mensch erst an sein Geld denkt, dann ist er verloren", sagt der polnische Schuldeneintreiber Szulski in Theodor Fontanes Novelle "Unterm Birnbaum" , die jetzt in einer Bearbeitung von Manuel Kreitmeier von den Freiburger Immoralisten als Freiluftstück Premiere feierte. Und weil Hradschek immer nur an sein Geld denkt, wird er zum Mörder.

Aber ist Abel Hradschek damit das einzige schwarze Schaf bei Fontane – umgeben von lauter guten und ehrlichen, mitfühlenden und wohlgesonnenen Mitmenschen? Weit gefehlt: Miefig und bigott geht’s zu im Jahr 1831, im tiefsten Biedermeier; Fontane hat mit "Unterm Birnbaum" 1885 eine Kriminovelle geschrieben, die als Psychogramm eines Täters, aber genauso als Soziogramm seiner Umgebung zu lesen ist.

Die Nachbarin trägt den Nachttopf zur Grundstücksgrenze

Und genau das weiß Regisseur Kreitmeier zu nutzen: Er stellt Fontanes Figuren, die sich bereits durch ihre gekürzten aber weitgehend im Original belassenen Dialoge entlarven, exemplarisch und mit der Zeit anverwandelten Kostümen auf die Bühne. Hradschek (Jochen Kruß) hat sich einen so fetten Bauch angefressen, dass er sich schier nicht bis zum Boden bücken kann; seine Frau Ursel (Chris Meiser) sitzt so aufrecht und beherrscht auf dem teuren Sitzmöbel, als habe sie einen Stock verschluckt. Die Nachbarin Jeschke (Verena Huber) trägt im Witwe- Bolte-Look stets ihren eigenen Gartenzaun und ihren Nachttopf an die Grundstücksgrenze und die Bauersfrauen Quaas und Mietzel (Christina Beer, Michaela Schüürmann) treten immer nur als tratschendes und einander bestätigendes Duo auf den Plan.

Grelle Socken für den Pastor

Das ist, dank sensibler Schauspielführung, dank feiner Darstellerleistungen bis in die kleinen Nebenrollen und dank des Hangs der Immoralisten zu schwarzem Humor und zur Zuspitzung, oft sehr komisch. Kreitmeier erweist sich ein weiteres Mal als Meister der Inszenierung von Details: die grellen Socken, die Ursel dem
angebeteten Pastor Eccelius gestrickt hat – und die Florian Wetter dann tatsächlich trägt und ihr später ins offene Grab hinterherwirft; die Briefe, die zwischen Justizrat und Pastor hin- und hergehen – und die in der Tür stecken; das Vorantreiben der Geschichte dadurch, dass Mutter Jeschke in ihrem Bett einfach ein Stück aus der Novelle vorliest. Eine sehr lustige Idee ist es auch, den britischen Schauspieler James Foggin, mit seiner Lebendigkeit ohnehin ein Gewinn für das Ensemble, den Baumeister Buggenhagen als Engländer spielen zu lassen.

Nachvollziehbar ist auch die Bühne gelungen, die Markus Wassmer nach Kreitmeiers Vorstellungen gebaut hat: eine pastellbeige doppelte Wand, hinter der die zehn (!) Schauspielerinnen und Schauspielern und auch die Requisiten über die Dauer des Stücks Platz finden, eine Tür und ein Vorplatz mit dem titelgebenden Birnbaum vorne rechts. Geweitet wird der Spielraum der Darsteller in den Zuschauerraum hinein, an dessen erhöhtem Ende die Kellerluke zu finden ist, in der sich der Ermordete und der Mörder ganz am Ende wieder treffen.

Gegen Abschottung und Fremdenfeindlichkeit

Freilich muss häufig umgebaut werden, weil die Novelle ja an vielen Schauplätzen und über einen Zeitraum von vielen Monaten spielt. Das bremst das Tempo der insgesamt einen Tick zu langen Aufführung ein wenig, wird jedoch durch die live eingespielten Klavierintermezzi von Kreitmeier unterhaltsam begleitet und unterstreicht das Szenenhafte der Aufführung.

Die Immoralisten wären nicht die Immoralisten, würden sie es sich im Biedermeier gemütlich machen. Und so weist Kreitmeiers Inszenierung auch darüber hinaus, stellt die Haltung der Bauersfrauen kritisch aus, die die zugezogene, zumal ehedem katholische Ursel, die mutmaßlich auch noch eine Vergangenheit als Seiltänzerin hat, für das Böse verantwortlich macht. Abschottung, Fremdenfeindlichkeit, Oberflächlichkeit waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts falsche Rezepte – und sind es heute. Oder, wie Florian Wetters Pastor Eccelius am Ende proklamiert: "Es ist nichts so fein gesponnnen, s’ kommt doch alles an die Sonnen." Viel Applaus!

Weitere Termine bis 8. September
http://www.immoralisten.de