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03. Juli 2010 15:59 Uhr
Fussball-WM
Die Fußballwelt feiert Klose und Kollegen
Diego Maradona spricht von der "härtesten Niederlage" seines Lebens, Spaniens Star-Stürmer David Villar nennt Deutschland "das stärkste Team."
Der vierte Stern "ist so nah", schwärmt Angela Merkel. Die Kanzlerin riss es bei jedem der vier deutschen Böllerschüsse in die gebrochenen Herzen von Diego Maradona und Lionel Messi jubelnd aus ihrem Logen-Sitz, Michael Ballack sah fassungslos staunend seinen jungen Erben zu. Und Fußball-Mastermind Joachim Löw war nach dem 4:0-Urknall gegen die Argentinier hingerissen wie noch nie in sechs Jahren beim DFB. "Was die Mannschaft an Siegeswillen abgerufen hat, das war nicht nur internationales Niveau, das war Champions-Niveau", schwärmte der Bundestrainer nach 90 nahezu perfekten Minuten im Green Point Stadion von Kapstadt.
Vier Jahre nach dem emotionalen WM-Sommermärchen zelebriert eine junge deutsche "Boy Group" in Südafrika ein kaum zu fassendes Fußball-Wintermärchen. "Es war einfach überwältigend. Das ist ein Traum", jauchzte die Bundeskanzlerin, die eine euphorische Ansprache in der Kabine hielt. "Wir haben den Gegner zerlegt", tönte Arne Friedrich, "das ist ein Märchen, auch die Art und Weise, wie wir Fußball spielen." Ein am Boden zerstörter und vom Fußballlehrer Löw taktisch entzauberter Trainer-Novize Maradona fühlte sich nach "der härtesten Niederlage" seines Lebens so, als ob ihn Box-Legende Muhammad Ali mit einem Fausthieb krachend niedergestreckt hätte.
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Und Lahm, Schweinsteiger, Klose oder der unglaubliche Müller? Sie schweben – berauscht von sich selbst – auf einer Glückswolke dem "vierten Stern für Deutschland" entgegen. "Jetzt fehlen nur noch zwei Spiele – und dann haben wir das Ding", rief Lukas Podolski entschlossen aus. "Wenn man im Halbfinale steht, will man mehr – klar", sagte Kapitän Philipp Lahm. "Jeder weiß, dass der Weg noch weiter geht. Wir wollen natürlich auch bis zum Ende durchmarschieren", verkündete Manager Oliver Bierhoff.
Insgesmat 8:1 gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) – die Welt wird in Südafrika Zeuge deutscher Fußball-Sternstunden. Und auf dem Königsweg zum großen Traum türmt sich nun am Mittwoch im Halbfinale (20.30 Uhr) bei der EM-Revanche in Durban die nächste weltmeisterliche Prüfung gegen Löws großes Vorbild Spanien auf. "Es ist wichtig, dass wir jetzt emotional nicht überdrehen", warnte der deutsche Missions-Chef: "Aber ich habe gespürt, dass die Spieler sofort weiterdenken." Löw will nun nicht lockerlassen: "Da ist es wichtig, dass wir uns in den nächsten Tagen besinnen und konzentrieren auf unsere Aufgaben."
Löws Master-Plan gegen Argentinien war bis auf eine kurze Phase, als Lionel Messi & Co. dem 1:1 nahe kamen, perfekt aufgegangen. Teamwork, unglaubliche Laufarbeit, prächtige Kombinationen und ein "Zweikampf-Verhalten auf höchstem Niveau" (Löw) waren die Schlüssel. "Wir haben es geschafft, Messi, Higuain und Tevez fast zu eliminieren", lobte der Bundestrainer stolz. Er wusste, dass die Argentinier keine Einheit, sondern "eine zweigeteilte Mannschaft sind", eine Offensiv- und eine Defensiv-Abteilung. "So entstehen Lücken, wenn man mit Tempo kommt. Ich habe zu unseren Spielern gesagt: Ihr seid jünger, ihr seid schneller, ihr seid ausdauernder."
Und sie sind hungrig. Die Revanche gegen Spanien zwei Jahre nach dem 0:1 im EM-Finale flößt Respekt, aber keine Angst ein. "Ich spiele immer am liebsten gegen die Stärksten der Welt", verkündete Schweinsteiger, dem Löw das Spiel seines Lebens bescheinigte: "Er war herausragend in jeder Beziehung." Schweinsteiger war auch am 1:0 des unglaublichen Thomas Müller (3.) sowie dem ersten Länderspieltor von Friedrich (74.) direkt beteiligt. Miroslav Klose gelang in seinem 100. Länderspiel sein zehnter Doppelpack (68./89.).
Die Tore sind Kunstwerke, die Zahlen werden historisch. Nur ein K.o.-Spiel bei einer WM hat Deutschland höher gewonnen, 1954 auf dem Weg zum "Wunder von Bern" mit 6:1 im Halbfinale gegen Österreich. Klose zog mit 14 WM-Treffern mit "Bomber" Gerd Müller gleich, nur der Brasilianer Ronaldo (15) rangiert noch vor dem 32-Jährigen. "Es freut mich unglaublich für Miro. Er hat unglaubliche Qualitäten, das geht in die Geschichte ein", kommentierte Löw. Nur ein Wermutstropfen schwamm im deutschen Freudenbecher: Die Gelb-Sperre von Shooting-Star Müller gegen Spanien "wiegt schwer", wie Löw zugab. Aber Jammern gibts bei ihm nicht: "Wir haben Spieler, die Thomas Müller auch ersetzen können – das werden wir auch schaffen."
Löw hat bislang immer einen Plan gefunden, auch aus Ballacks Aus machte er eine Tugend: "Wir haben nach seiner Verletzung gesagt, okay, wir werden es schaffen, die Verantwortung aufzuteilen und ihn zu ersetzen." Schon 2008 nach der finalen Niederlage in Wien gegen Spanien hatte Löw sein WM-Drehbuch im Kopf: "Wir wollten den Umbruch bewusst machen nach der EM." Lehmann weg, Frings raus, Metzelder ausgemustert – und dafür immer neue Junge rein. Löw ging Risiko. "Wichtig war, dass wir den Jungen die Chance gegeben haben, auch wenn wir nicht immer alle Spiele gewonnen haben." Schon jetzt wird der DFB Löw den roten Teppich zur Unterschrift eines von ihm diktierten neuen Vertrages auslegen müssen – ob als Weltmeister oder nicht.
SPANIEN:
"El País": "Deutschland hat den Glauben Maradonas zermalmt. Die Leistung des Löw-Teams in diesem Turnier ist ein kollektiver Triumph, angeführt von Schweinsteiger, ausgeschmückt von Müller sowie Özil und vollendet von den schlagkräftigen Podolski und Klose."
"El Mundo": "Deutschland ist eine Bestie. Wie Obelix sammelt Deutschland die Helme der Römer und zerlegt alles, was es berührt. Zugleich weiht es eine neue Generation: Die eines wundervollen Fußballers namens Müller."
"As": "Das großartige Deutschland hat Argentinien platt gemacht. Löw hat eine kunstvolle Fußballwalze erfunden. Deutschland macht Angst."
"Marca": "Die deutsche Nationalmannschaft ist eine perfekte Maschine. Gegen Argentinien hat sie eine herausragende Partie gespielt, mit Schweinsteiger als großem Crack. Es war eine Vorführung aus Kombinationsspiel, Ballbesitz, Schnelligkeit und Einfallsreichtum. Das Löw-Team ist bislang die beste Mannschaft der WM."
SÜDAFRIKA:
"Sunday Independent": "Der Sport hat gestern ein deutsches Team geehrt, das voll und ganz den Sieg verdient hat. Die Argentinier wurden geschlagen – nein: erniedrigt und gedemütigt. Von einer Seite, die weit besser war als sie selbst."
"Sunday Times": "Die Deutschen rollen weiter. Argentinien zerstört – weil Löws mächtige Männer ein Tor nach dem anderen reinhauen."
ÖSTERREICH:
"Die Presse": "Mit einem Duell auf Biegen und Brechen hatte man vor dem Viertelfinal-Schlager Deutschland gegen Argentinien gerechnet. Doch dann schien alles wie auf einer schiefen Ebene zu laufen."
"Kurier": "Deutschland im WM-Rausch. Der deutsche Spaßfußball geht weiter. Auch wenn es manche in diesem Land vielleicht nicht gerne hören oder lesen wollen: Diese deutsche Mannschaft hat das Zeug, Weltmeister zu werden."
"Kronen Zeitung": "Vergesst Siegfried, den Drachentöter, und Odin, den Himmels-Bewohner – die neuen deutschen Helden sind Argentinien- Killer: Miroslav Klose, Thomas Müller und Arne Friedrich haben Diego Maradona auf den Boden der Realität geworfen. Das Sommermärchen ließ sogar die Kanzlerin wie ein Fabelwesen wirken: Angela Merkel schien nach dem dritten Tor der Trostlosigkeit ihres Regierungsalltags zu entfliehen."
"Der Standard": ""Schland" im siebten Himmel. Die Deutschen werfen argentinische Träume über den Haufen. Mit 4:0 wurden Maradonas Gauchos in die Heimat geschickt."
ENGLAND:
"The Independent on Sunday": "Klose to glory. Deutschlands perfekter Plan zerstört Diegos Traum. Mit der Betroffenheit auf dem Gesicht von Maradona fehlte nur das Make-up zu einem traurigen Clown. Das neue deutsche Team zeigte, dass ihm nicht nur die Zukunft gehört, sondern auch die Gegenwart."
"The Sunday Telegraph": "So viel dazu, dass Deutschland ein Team im Übergang ist. Acht Tore in zwei K.o.-Spielen gegen England und Argentinien deuten daraufhin, dass sie alles andere als das sind. Weltmeister auf Abruf?"
"The Sun": "Not even Klose. Deutschland zerstört Diego Maradonas starbesetztes Argentinien und marschiert ins WM-Halbfinale."
"BBC": "Deutschland zerlegt Argentinien."
"The Sunday Telegraph": "Deutsche sehen wie Weltmeister aus."
- BZ-Interview mit Joachim Löw: "Ich bin ein ästhetischer Trainer"
Autor: dpa
