Die Geräusche eines Dienstags

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Sa, 15. November 2008

Literatur

Der Freiburger Ralf Welteroth hat mit "Unter Eselsbrücken" einen Band absurder Kurzgeschichten vorgelegt / Lesung am Sonntag

"Ich habe noch nie einen Anruf aus Erfurt bekommen . . . Ich sammle Telefonanrufe. . . Letzte Woche wurde ich erstmals aus der Stadt Paderborn angerufen. Der Anrufer hatte sich zwar offensichtlich verwählt, aber angerufen ist angerufen. . . Ich dokumentiere die Anrufe in zwei eigens angelegten roten Ordnern mit den Beschriftungen ,Anrufe Deutschland A-N‘ und ,Anrufe Deutschland O-Z‘."

Ach, man möchte am liebsten sofort nach Pirmasens oder Quedlinburg eilen, um den Autor zu beglücken und zum Vollenden des Werks beitragen. Der Autor, das ist der Freiburger Ralf Welteroth, Jahrgang 1965. Stuttgart hat er schon in seiner beeindruckenden Sammlung. Dort sitzt der Maringo-Verlag, der soeben seine Kurzgeschichten unter dem Titel "Unter Eselsbrücken" veröffentlicht hat.

Poesie aus Absurdistan, akrobatische Wort-Jonglagen, krude Alltagsbetrachtungen und viel Skurriles sind auf 96 Seiten versammelt. Welteroth beschäftigt sich mit Namenstagen ("Ich kenne niemanden, der Sybille heißt"), mit Fußball ("Not vs. Elend") oder mit Wochentagen ("Geräusche, von Dienstagen verursacht"). Vergleiche mit Max Goldt drängen sich auf, gehen aber am Kern des Pudels vorbei. "Inspirationen? Die kommen eher aus dem Zürich und Berlin der 20er Jahre oder von Autoren wie Boris Vian", sagt Welteroth. Ein bisschen Gaga, ein bisschen Dada.

Dabei wollte er mal Lyriker werden. "Mit 15 schrieb ich Pennäler-Liebeslyrik. Doch in der Punk- und Indie-Szene, in der ich sozialisiert wurde, kam das natürlich nicht an. Da gab es Berührungsängste." Welteroth schrieb weniger Gedichte und dafür mehr Songtexte und kurze Geschichten. Mit seinem Kompagnon Markus Heinzel trat er einige Jahre lang als Levy Shoemaker auf, das Magazin Intro meinte einmal, dass dieses feinsinnige deutsche "Liedermaching" mit Songs wie "Stullen fürs Jenseits" oder "Karussellbremser" Hitpotenzial hätte. Er schrieb Kolumnen für die Satirezeitschrift Titanic, war oft bei der"Swamp Poetry" des Kabarettisten Jess Jochimsen und auch beim Kölner Comedy-Festival zu Gast und tritt heute noch bundesweit als gnadenloser Ermittler der "Geschmackspolizei" in Erscheinung – akkurat uniformiert und immer auf der Suche nach musikalischen Verbrechen. "Aus einer Schnapsidee wurde eine anarchistische Performance, die in der Subkultur Kultstatus genießt", sagt Welteroth.

Und nun die Kurzgeschichten, die er, ständiges Mitglied der Stuttgarter Lesebühne und zweifacher Familienvater, in all den Jahren zusammengetragen und teilweise für dieses Buch neu verfasst hat. Kommt demnächst dann doch die Liebeslyrik? "Das Leben ist wie eine Minigolfbahn", antwortet Welteroth vielsagend. Sein Handy klingelt. Es könnte jemand aus Kronach sein. Oder Walsrode. Bei W ist er noch ziemlich schwach auf der Brust.
Ralf Welteroth: Unter Eselsbrücken. Maringo, Stuttgart 2008. 96 Seiten, 6,90 Euro. Lesung: Freiburg, Swamp, morgen, 20.30 Uhr.