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30. März 2009 16:09 Uhr

Wieder mehr Steinkäuze am Oberrhein

Die Geschichte vom "Quäckerle"

Vor 15 Jahren wurden in Südbaden nur noch zehn Steinkauzpaare gesichtet. Heute sind es 80. Gezielte Biotoppflege ist nur einer der Gründe für diese positive Entwicklung.

  1. Der Biologe Christoph Stange hat das Schutzprojekt Streuobstwiesen mitaufgebaut. Davon profitieren auch Steinkäuze. Foto: silvia faller

  2. Christoph Stange zeigt auf eine Brutröhre auf einer Streuobstwiese in March-Hugstetten. Foto: Silvia Faller

  3. Brutröhre auf dem Aste eines alten Apfelbaumes Foto: Silvia Faller

MARCH / KAISERSTUHL / FREIBURG. Derzeit gelten in Deutschland 36 Prozent der Tierarten als gefährdet. Beim Vogelschutz allerdings verzeichnen die Naturschutzbehörden bundesweit Fortschritte. Einer, der dazu beiträgt, ist Christian Stange vom Naturschutzbund (Nabu) Freiburg. Der Biologe koordiniert im Auftrag des Regierungspräsidiums am Kaiserstuhl und im Breisgau ein Schutzprojekt für Obstbaumwiesen. Besonders Vögel profitieren davon, auch der Steinkauz.

Dieser Vogel hat es Christian Stange besonders angetan. Seine Begeisterung für den amselgroßen braun-weiß gefiederten Eulenvogel wird verständlich, wenn man weiß, dass er selbst ein Vorkommen entdeckt hat. Das war im Frühjahr 1992. Damals hatte Stange auf einer Obstbaumwiese in March-Holzhausen nach Rebhühnern Ausschau gehalten. An jenem Abend hörte er auch das lang gezogene "Guuhk, Guhhk", mit dem Steinkauzmännchen ihr Revier markieren. "Das war eine große Überraschung, denn wir dachten, der Steinkauz sei bei uns ausgestorben", erzählt er.

Im Jahr darauf startete das Regierungspräsidium Freiburg das Artenschutzprogramm für Obstbaumwiesen im Bereich zwischen Lörrach und Emmendingen und beauftragte Christian Stange damit, die vorkommenden Arten zu ermitteln, fortan ihre Entwicklung zu verfolgen und Naturschutzgruppen bei der Pflege der Grundstücke zu anzuleiten.

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Wer heute Bilanz zieht, sieht sich beeindruckt: 1993 wurden in Südbaden nur noch zehn Steinkauzpaare gesichtet, fünf auf der Gemarkung March, eins in Ihringen und vier in Weil am Rhein, heute sind es 80. Bei einer internationalen Fachtagung für Eulenfachleute in Freiburg des Nabu und der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz bedrohter Eulen, dessen stellvertretender Vorsitzender Christian Stange ist, wurde das Schutzprogramm vorgestellt.  

Nach den Artenschutzverordnungen des Bundes und des Landes ist der Steinkauz "besonders geschützt". Denn der einst in ganz Mitteleuropa verbreitete Vogel ist selten geworden. Das "Quäckerle", wie die Südbadener und Elsässer den Steinkauz bezeichnen, hat von den 1950er Jahren an Schritt für Schritt seine Lebensgrundlage verloren, in erster Linie durch die Intensivierung der Landwirtschaft und die Rodung vieler Obstbaumwiesen. Abgesehen vom Oberrheingebiet gibt es in Baden-Württemberg nur noch im Neckartal weitere Vorkommen.

Der Steinkauz zählt zu den Höhlenbrütern, von Natur aus nistet er vorzugsweise in hohlen Baumstämmen. Da der Vogel sich auf der Holzhauser Wiese halten konnte, ist anzunehmen, dass dieser Ort vor hundert und mehr Jahren schon genauso ausgesehen hat wie heute. Tatsächlich bietet sie dem Steinkauz ideale Lebensbedingungen: Mäuse, Käfer und Würmer zum Fressen sowie Hohlräume zum Nisten.

Die Naturschützer überlassen es heute allerdings nicht mehr dem Zufall, dass die Steinkäuze ausreichend große Astlöcher oder gar hohle Baumstämme finden, vielmehr bringen sie hölzerne Niströhren in den Baumkronen an. In diesen Tagen ist Christian Stange fast täglich unterwegs, um Tiere zu zählen. Das macht er auf den Gemarkungen von zwölf Gemeinden in den Kreisen Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald. In Holzhausen muss er nicht lange nach Belegen suchen. Am Fuß eines Baumstammes findet er ein Gewöll. Das ist ein Knäuel aus Mäusehaaren, Knochen und Käferpanzern, die die Steinkäuze, weil sie unverdaulich sind, auswürgen. Und am Ast eines jungen Baumes sind deutlich Lehmspuren zu sehen. Offenbar hat sich der hiesige Steinkauz nach der Jagd auf den Äckern hier ausgeruht. Auf einer zweiten Obstbaumwiese sitzt ein Kauz in seiner Röhre.

Von der March aus haben die Steinkäuze neue Reviere besiedelt

Mit dem Marcher Gebiet fühlt sich Christian Stange besonders verbunden, nicht nur, weil hier das Schutzprogramm seinen Ausgang nahm. Er mag die offene Landschaft mit ihren hohen Böschungen, Wegrainen und Baumreihen. Bereits Ende der 1990er Jahre haben Steinkäuze von hier aus Reviere am Nimberg besetzt, 2002 wurden die Tiere in Bahlingen und Bötzingen gesichtet. An den Fußringen ließ sich die Marcher Herkunft identifizieren.

2005 startete ein trinationales mit Interreg-Mitteln bezuschusstes Projekt, wonach südbadische, elsässische und Schweizer Naturschützer ihre Aktivitäten zum Wohl des Steinkauzes vernetzt haben. In Amoltern, Bahlingen, Endingen, Sasbach, Ihringen und Riegel wurden Obstbaumwiesen durch Hecken ökologisch aufgewertet oder sogar neu angelegt. Ein besonders erfreulicher Effekt ist, dass die Populationen auf beiden Seiten des Rheins nun miteinander in Beziehung stehen, was ihre Existenz stabilisiert. Isolierte Vorkommen hingegen sind sehr gefährdet, weil schon ein kleines Unglück ausreicht, sie auszulöschen. Vielen anderen Vogelarten nützt das Bemühen zur Sicherung des Lebensraumes Obstbaumwiese.

In Holzhausen sonnen sich an diesem Vormittag Kohlmeisen und Feldsperlinge in den Baumkronen, ist das "zi zi zrrrrr" der Blaumeisen und das "trü trü" fliegender Feldlerchen zu hören. Christian Stange erzählt von der Goldammer, vom Wiedehopf und vielen anderen Raritäten. Der Aufwand ist jedoch enorm. Die  Naturschützer schneiden Bäume, pflanzen wenn nötig, welche nach, mähen das Wiesengras, ernten die Äpfel, kontrollieren die Nisthilfen oder legen Obstbaumwiesen neu an, etwa dann, wenn die Naturschutzbehörden darin eine geeignete Maßnahme sehen, eine Baugebietsplanung oder ein Straßenbauvorhaben ökologisch auszugleichen.

Allen Engagierten sagt  Christian Stange Danke, auch den Grundstückseigentümern und Bewirtschaftern, die Zugang gewähren, ebenso den Kommunen, die in vielen Fällen die örtlichen Naturschutzgruppen unterstützen. Ein Dankeschön richtet er auch an Landwirte und Winzer, die Maschinen zur Verfügung stellen oder sogar selbst mitarbeiten.

Abgesehen von den Aktivitäten in den eigentlichen Biotopen nützt den Vögeln auch die Zunahme des ökologischen Anbaus. "Wenn in einer Region schon auf rund zehn Prozent der Fläche keine Insektizide mehr ausgebracht werden, schlägt sich das in den Bestandszahlen nieder", erklärt er. Im Kreis Breigau-Hochschwarzwald beträgt der Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen derzeit zwölf Prozent, im Kreis Emmendingen 6,5 Prozent. So gesehen ist die Steinkauzpopulation das Ergebnis eines großen Gemeinschaftswerks.

Autor: Silvia Faller