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05. November 2009 17:28 Uhr
"Nachgefragt"
Müntefering plaudert am Gymnasium – und vertilgt Heuschrecken
Ohne Zögern hat Noch-SPD-Chef Franz Müntefering am Freiburger Rotteck-Gynasium symbolträchtige Insektensnacks vertilgt. Und nebenher den Moderatorinnen der Reihe "Nachgefragt" Rede und Antwort gestanden.
FREIBURG. "Was ist jetzt die Antwort?", fragt die Interviewerin. "Was ist jetzt die Antwort?", wiederholt Franz Müntefering und guckt eine Weile ins Leere. Er weiß es nicht. Der Große Vorsitzende hat keine Antwort auf die Frage, wie es mit der SPD weiter geht. Muss er auch nicht, denn auf dem Bundesparteitag der SPD am 13. November steht er nicht mehr zur Wahl – Münte wird jetzt Hinterbänkler.
Vielleicht ist das der Grund, warum der 69-Jährige am Mittwochabend so gelöst auf die Bühne des Freiburger Rotteck-Gymnasiums tritt, verschmitzt lächelt und erstmal eine Heuschrecke isst. Genau. Die haben ihm die beiden Schülerinnen, die mit Müntefering sprechen, als Snack hingestellt.
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Dass er mehrfach mit der Begründung "Die Heuschrecken müssen weg" zulangt und dafür kräftig beklatscht wird, zeigt: Müntefering weiß noch immer, wie man beim Volk ankommt – auch wenn es in den letzten Monaten nicht danach aussah. Schon im Wahlkampf hieß es, Müntefering, der 1998 Gerhard Schröders fulminante "Kampa" führte, habe seine Zauberkraft verloren. Das desaströse Ergebnis der SPD bestätigte diesen Eindruck. Auch wenn sein sinkender Stern bestenfalls einen kleinen Teil des Debakels erklärt – es kostete ihn den Parteivorsitz.
Glück für Müntefering, dass die beiden Schülerinnen kein Salz in die Wunde streuen. Als er erzählt, wie "einer von denen" – Sigmar Gabriel vielleicht oder Andrea Nahles – anrief und ihm mitteilte, wie sie sich die neue SPD-Führung vorstellen, nämlich ohne Müntefering, da hakt keine der beiden nach. Den Moment des Königsmords zu schildern, bleibt Müntefering erspart.
BEI DER FRAGE NACH GABRIELS BRANDBRIEF WEICHT ER AUS
Seit jenem Anruf sind seine Tage als politisches Alphatier gezählt. Allein, die bescheidenen Kleider des Politrentners sitzen noch nicht so richtig. Ein Stichwort, und der Haudegen ist wieder da. Lafontaine? Feiger Verräter. Agenda 2010? Gar nicht so schlecht wie ihr Ruf – Steuern gesenkt, Arbeitsplätze geschaffen. Erhöhung des Hartz-IV-Schonvermögens? "Haben wir vorgeschlagen, das wird auch kommen." Moment mal: Hat da einer noch gar nicht gemerkt, dass er nicht mehr ganz oben mitmischt?
Darauf angesprochen, wie er Sigmar Gabriels Brandbrief zur Lage der SPD fand, weicht er ironisch aus: "Ich habe ihn nicht gefunden." Schließlich ringt er sich zu der Einschätzung durch, sicher seien viele in der Partei bereit, Gabriels Reformkurs mitzumachen. Viele, nicht alle. In der Sprache der Politik, wo selten mit offenem Visier gekämpft wird, kommt das einem Misstrauensvotum gleich.
Zum Schluss soll Müntefering noch ein bisschen über Privates plaudern. Urlaub macht er zum Beispiel nicht so gern und wenn, dann nur auf Norderney: "Wenn ich mich einmal an etwas gewöhnt habe, mach’ ich das immer wieder." Den SPD-Vorsitz dürfte er damit nicht mehr gemeint haben.
- Kommentar zum Führungswechsel in der SPD: Wo Gabriel Recht hat
- Stuttgart: Notlandung mit Müntefering an Bord
Autor: Sebastian Kretz
