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18. März 2017

Die hohe Kunst des Bass-Spiels

Das Landesjazzfestival hat mit Auftritten der Jazz Messengers und des Garcia-Fons Trios begonnen.

  1. Renaud Garcia-Fons im Freiburger Jazzhaus Foto: Wolfgang Grabherr

  2. Renaud Garcia-Fons im Freiburger Jazzhaus Foto: Wolfgang Grabherr

Das Landesjazzfestival wurde 1987 ins Leben gerufen. Der Konzertreigen, getragen von Kultusministerium und Jazz-Verband, ist örtlich ungebunden und wandert so durch Baden-Württemberg. Kaum zu glauben, dass es 30 Jahre gedauert hat, bis das Festival zum ersten Mal in der Jazzstadt Freiburg stattfindet. Die zweimalige Vergabe des Spielstättenpreises an den Jazzkongress und dessen zehnter Gründungstag 2016, der nun nachgefeiert wird, haben es möglich gemacht.

Die Konzerte finden aber nicht nur im Hauptquartier des Jazzkongresses, dem Schützen statt, sondern in diversen Freiburger Sälen. Am Donnerstag gab es im Jazzhaus beim Auftritt des neuen Trios von Renaud Garcia-Fons Stimmungsbilder in Hülle und Fülle. War der französische Bassist vor wenigen Wochen noch mit Flamenco unterwegs, so erkundete er jetzt das Flair von Paris mit Musette, Nostalgie und Poesie.

Das alles gestaltete sich mit dem Akkordeonisten David Venitucci und dem Schlagzeuger Stephan Caracci nicht immer spannungsvoll, manchmal recht zäh. Die vielen Wiederholungen der eingängigen Songs und Chansons standen natürlich ganz im gewaltigen Schatten von Garcia-Fons’ hoher Kunst. Der Kontrabassist besticht nach wie vor durch einen singenden Ton, den er wahlweise wie die orientalische Oud-Laute, eine Flamenco-Gitarre oder wie eine arabische Violine klingen lässt. Und: das im Jazz so oft vernachlässigte Bogenspiel bringt er zu kaum zu überbietenden virtuosen Höhepunkten. mit den unterschiedlichsten Streich- und Ansatztechniken phrasiert der 54-Jährige Dinge auf seinem Fünf-Saiter, die man zuvor für schier unspielbar hielt. Seine Soli, von denen er einschließlich der Zugabe einige spielte, sind ein wahrhaftes Fest mediterraner Musik, bei der sich Flamenco, Sufi-Musik, osmanische Kunstmusik und mittelalterliche Lautenklänge, sephardische Melodien, Fado oder Tarantella treffen. Ob man hier noch von Jazz spricht oder nicht, war dem begeisterten Publikum im gut gefüllten Jazhaus egal.

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Für einen Festivalauftakt nach Maß sorgten am Dienstag Les Voice Messengers. Die französische Gesangsgruppe mit drei Sängerinnen, drei Sängern, die von Klavier, Bass und Schlagzeug unterstützt wurden, ließen es an nichts fehlen. Der langjährige Leiter und Gründer der Band, Thierry Lalo, war leider verhindert, so dass ihn am Klavier Jacques Laville, unauffällig, aber effektiv ersetzte. Nichtsdestotrotz bot die Formation einen gelungenen Querschnitt des A-cappella-Gesangs von heute. Swingend hieß es einleitend "That’s the way that I can", wo kräftig gescattet und unterschiedliche Vokalistiken vorgestellt wurden. Das reichhaltige Repertoire des langen pausenlosen Abends bestand – ganz französisch – aus Chansons und Vertonungen französischer Literatur, aber auch Bebop-Anleihen und Jazz-Standards fanden Gehör.

Zu letzteren zählten die Rodgers/Hart-Klassiker "Have you met Miss Jones" und "It never entered my mind", wo Gefühle zwischen Hoffnung und Depression ausgedrückt wurden sowie "They can´t take that away from me". Der Song der Gershwin-Brüder über die Erinnerung an einen geliebten Menschen, den einem niemand mehr wegnehmen kann, wird frisch und mimisch interpretiert, wie überhaupt die sechs Vokalisten nicht nur stimmlich zu überzeugen wussten. Als dann noch das Publikum zu gemeinsamem Bebop-Gesang animiert werden konnte, war die Stimmung im ausverkauften Schützen auf dem Siedepunkt.

Die nächsten Konzerte: So, 19. März, Aki Takase Tama Trio, SWR-Studio, 20 Uhr; Di, 21. März, Hammond Jazz Night Special,  Jos-Fritz-Café, 20.30 Uhr; Do, 23. März, Jazz Ensemble Baden-Württemberg, Waldsee, 20 Uhr; Fr, 24. März, Der rote Halbmond,  E-Werk, 20 Uhr; Sa, 25. März, Andersen, Mössinger, Schriefl, E-Werk, 20 Uhr.
Das komplette Programm unter landesjazzfestival2017.de

Autor: Reiner Kobe