Die Intervallfarben strahlen in Kreisen

Stefan Pöhler

Von Stefan Pöhler

Di, 25. Juni 2013

Ettenheim

Das Quartett Stimmwerk weiht den Ettenheimer Musiksommer mit vollkommener Vokalkultur ein.

ETTENHEIM. Kein Ansatz, Verklingen, dazwischen nur Klang. Unheimlich schön war, was die vier Sänger des Regensburger Ensembles "Stimmwerck" auf den gemeinsamen Atem gebunden haben. Geschöpft aus sehr individuellen Stimmen. Am Freitag nahm der siebte Ettenheimer Musiksommer unter dem Motto "Atemklänge-Saitenspiele" in der Altdorfer Pfarrkirche einen Anfang, der gesangstechnisch wie auch in lupenreiner Intonation einen ungetrübten Blick in die deutsche Renaissance und zeitgenössische Werke ermöglichte.

In der gut besuchten Kirche präsentierte Stimmwerck ein kirchliches Programm mit Marien-Oden, Hoheliedmotetten, einem Credo oder einer Evangelienerzählung des Zeitgenossen Arvo Pärt. Erlesenes haben Gerhard Hölzle und Klaus Wenk (Tenor) und der Bassist Marcus Schmidl für das Repertoire ausgewählt. Aufgestöbert in Bibliotheken oder, wie ein Ave Maria von 1500 aus dem Codex Guatemala, aus den Verwüstungen eines Vulkanausbruches geborgen. Die Sänger sind Suchende nach dem Besonderen, dem Seltenen. Und das passt zu ihrer hohen Kunst. Der besondere hohe Klang gewinnt noch eine reine klare Spitze durch den Countertenor Franz Vitzthum, der in einem Credo aus dem Codex St. Emmeran auch in einer tiefen Tenorlage zu hören war. Äußerlich sah man in Altdorf Sänger, mit sehr individueller Haltung. Die Fingerspitzen des Bassisten berühren sich, sie umschließen scheinbar mehr den eigenen Klang als einen Konsens der Ensemblemitglieder. Aber während sein Orgelpunkt sich längst von seinem Körper gelöst zu haben scheint und irgendwo aus dem Chorraum zu kommen scheint, geht er mit der Musik ein magische Verbindung ein.

Die Phrasen der Motetten gewinnen bei Stimmwerck eine reine, fast geometrische Struktur. Intervallfarben strahlen in Kreisen wie von einem Steinwurf in einen klaren See, über den der Countertenor Franz Vitzthum das Schifflein des Textes treibt. Wie Klänge, Harmonien ansatzlos kommen und gehen, lässt gerade die kirchlichen Texte eine sehr bedeutsame Verbindung mit der Musik eingehen.

Bei Arvo Pärt (geboren 1935) wird so – die Kunst des Ensembles macht die Bezüge zur Renaissance offensichtlich – eine biblische Erzählung auch zum Spiegel des Hörens, der strahlt, der aber auch seine Abbildung in Emotionen bricht. Und das voller Spannung. Horaz erschien beim Münchner Hofkapellmeister Ludwig Senfl (1489 bis 1543) in einer schwingenden Textbezogenheit, die einen tiefen Sog durch die Jahrhunderte erzeugt. Aus dem Mittelalter Frankreichs (Johnnes Vaillant 1360 bis 1390) erhob sich der Countertenor über zwei unisonen Tenören zu einem sehr charakteristischen Höhenflug. Hoher Tenor, hohe Kunst.

Und dennoch war der Abend von großer Tiefe und meditativer Unterordnung unter eine zutiefst anspruchsvolle Programmauswahl bestimmt, deren Wirkung sich niemand entziehen konnte. Der italienische Avantgardist und Multikünstler Sylvano Bussotti (geboren 1931) schickte Stimmwerck in seinen "Lachrimae" noch auf eine experimentelle und vielsprachige Reise entlang einer rein graphischen Notation. Der Engländer Ivan Moody ist Autor der Zugabe, eine letzte Hoheliedmotette für ein begeistertes Altdorfer Publikum. Er hat schon für die King Singers und das Hilliard Ensemble komponiert. Eine Komposition für Stimmwerck zu schreiben, dürfte sich auch für ihn immer lohnen.

Ein Blick vom Altdorfer Kirchberg hinüber zum Türckheimschen Schloss erinnert daran, das das kommende Saitenklang-Konzert mit dem Gitarristen Krishnasol Jiménez bereits ausverkauft ist. Mit Dorothee Oberlinger und dem Abegg Trio zum Schluss hält das "Atemklänge-Saitenspiele"-Programm der Musikfreunde Ettenheim noch saitenweise Vergnügungen bereit. Freunde außerordentlichen Musikgenusses können durchatmen, hier gibt es noch Karten.