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10. Juli 2012

Die Lust, von einer Kante zur anderen zu pendeln

Reiner Möhringer stellt sein neues Programm im KKW vor.

  1. Reiner Möhringer am Saxophon und Uli Kofler am Akkordeon bei der Vorstellung im KKW. Foto: Erika Sieberts

ETTENHEIM. Reiner Möhringer ist am Samstag zum zehnten Mal Gast im Kulturkeller (KKW) gewesen. Und es war wohl nicht wegen seines Heimvorteils – der Musiker und Kabarettist stammt aus Altdorf –, dass der Keller trotz der lauen Sommernacht voll besetzt war. Möhringer hatte doch ein neues Programm angekündigt und ist mit seinem Kompagnon Uli Kofler als Herrenkapelle und Cordula Möhringer als Fräulein Susi Knöpfle angereist.

"Mit Fleisch und Seele" heißt die neue Schau, in der die beiden Musiker jüdische und russische Volksweisen hingebungsvoll inszenieren und Fleischereifachverkäuferin Knöpfle so richtig ausholen kann. Die beiden Herren und das Fräulein treten im Wechsel auf, der Beifall der einen Vorstellung schwappt auf die nächste über, wovon Fräulein Knöpfle nicht schlecht profitiert. Sie sonnt sich im Beifall der Zuschauer und fühlt sich offensichtlich so richtig zum Erzählen aufgefordert. Es geht ums Eingemachte, um die Fleischeslust: Sie möchte unbedingt einen Mann, wobei der zufällig aus dem Publikum gegriffene Uli aus Freiburg fürs Erste gar nicht so schlecht wäre, wie sie nach eingehender Untersuchung der Äußerlichkeiten feststellt.

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Fräulein Knöpfle spricht über ihre Männerwünsche so unverhohlen wie über ihren Achselschweiß und legt detailliert offen, wie sie sich morgens vor der Ladenöffnung in der Wursttheke aalt. Dabei schafft sie es, diese verbindlich-derbe Sprachebene auf exakt dem gleichen Niveau über die gesamte Spielzeit durchzuhalten, ohne dabei auch nur ein Mal unter die Gürtellinie abzugleiten. Ihre banalen Geschichten unterstützt Fräulein Knöpfle mit pointierten Gesten, indem sie etwa schüchtern an ihrem Kleidersaum nestelt. Die Mimik spricht Bände, noch bevor die ersten Worte fallen. Trotz des geringen Informationsgehalts haben die Geschichten eine für den Zuhörer erträgliche Spannung, wenngleich sie bei einigen Passagen etwas zu lang geraten.

Von der Musik möchte man dagegen gar nicht genug bekommen. Reiner Möhringer spielt die Klarinette so klar, dass der einzelne Ton zur Lust wird. Der Musiker hat Klarinette, Gesang und Dirigieren an der Musikhochschule Karlsruhe studiert und spielt außerdem Saxophon, Gitarre und Geige. Sein Kollege Uli Kofler war sein Kommilitone, ebenfalls ein ausgezeichneter Musiker, virtuos an Klavier und Akkordeon, der sowohl musikalisch als auch komisch mit seinem Partner harmoniert. Zudem ergänzen sich der Badener und der Schwabe auch sprachlich, was ihren Auftritten im Ländle sicherlich zuträglich ist. Beide beweisen mit der dargebotenen musikalischen Spannbreite von Jazz bis Volksmusik, dass sie es drauf haben. Die Lust, von einer Kante zur anderen zu pendeln, schwappt auf das Publikum über, das sowohl innig die leisen Töne der Klarinette verfolgt, wenn Möhringer "Those were the days" intoniert, und dann aufspringen will, um den Kasatschok zu tanzen, wenn der stimmgewaltige Sänger mit breiten Lippen russische Lieder dröhnt, während der filigranere Pianist und Akkordeonist über die Tasten fliegt. Es liegt viel Dynamik in der Luft, die Szenen fliegen nur so über die Bühne.

Reiner Möhringer glänzt in seiner Rolle als russischer Sänger, der mit Fleisch und Seele die blutige Entstehung des Steaks Stroganoff besingt, und er ist ganz romantischer Schlagerheld, der aus 55 Titeln eine absurde Geschichte konstruiert, bei der er "über sieben Brücken" den Weg nach Capri geht, "wo die rote Sonne" in einem "knallroten Gummiboot" versinkt.

Das neue Programm macht Lust und Laune, es bedient platte Klischees ebenso wie die anspruchsvollen Aspekte des menschlichen Daseins. Ein Spagat, der niveauvoll bleibt.

Autor: Eri Sieberts


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