Oper

Die Männer und die Venusfalle: Giovanni Legrenzis Oper "La divisione del mondo" an der Elsässischen Rheinoper

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 11. Februar 2019 um 19:56 Uhr

Theater

Giovanni Legrenzis Oper "La divisione del mondo" hatte 1675 Uraufführung. Jetzt ist sie an der elsässischen Opéra national du Rhin in französischer Erstaufführung zu erleben.

Das Opernpublikum in Venedig soll besonders grob und unanständig gewesen sein. Damals in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. In den Logen hatte man sogar Jalousien, um sich diskret zurückzuziehen – auszuklinken aus dem Geschehen. Um vielleicht das zu machen, was auf der Bühne vorexerziert wurde? Wie in Giovanni Legrenzis "La divisione del mondo" (Die Teilung der Welt), uraufgeführt 1675 im Teatro San Salvador in der Serenissima; zur Karnevalszeit, als man in die Oper statt in die Prunksitzung ging.



Der Zuschauer anno 2019 wohnt dieser Antikenparodie nach den spätestens seit der Romantik eingeführten Regeln, eingepfercht in Parkett oder Loge, in der Straßburger Oper bei, gegeben in französischer Erstaufführung (in Koproduktion mit der Opéra national de Lorraine Nancy). Thomas Hengelbrock hatte eine Abschrift des verschollen geglaubten Werks 1996 in der Pariser Bibliothèque Nationale gefunden und das Stück ediert – 2000 folgte die Aufführung bei den Schwetzinger Festspielen. Die Kritik feixte: eine herrliche Parodie sei es gewesen, ganz im Stile von Jacques Offenbachs satirischen Operetten in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Götter, so menschlich...

Das sind sie auch in Jetske Mijnssens Lesart. Die niederländische Regisseurin zeigt Jupiter, Juno & Co als moderne Familie, die in einem feudalen Palais mit ausladender Rundtreppe (Bühne: Herbert Murauer) wohnt und sich kleidet nach Art des Denver-Clans (Kostüme: Julia Katharina Berndt). The Upper Class eben, wie sie sich auch Lieschen Müller vorstellt, und dabei ist es dann wohl eher Zufall, dass ausgerechnet Papa Jupiter (mit dunklem Tenor: Carlo Alemanno) aussieht wie weiland Papa Willy Millowitsch, der Prinzipal eines berühmten kölnischen Boulevardtheaters. Oder nicht? Ist es Boulevard oder Frauenselbstbestimmung, wenn Venus versucht, Apoll zu verführen und Neptun erklärt, dass sie mehr als einen Mann braucht, obwohl sie eigentlich Mars begehrt. Und natürlich will Jupiter Venus. Aber ist das wirklich ein Lehrstück über die Selbstbestimmung der Frau und den Machtmissbrauch des Mannes? Die (Halb-)Götter heutzutage, von Silvio Berlusconi bis Donald Trump, toppen eine antike Knallcharge wie Jupiter leicht.

Der Göttin Venus gehört die Sympathie des Komponisten

Vielleicht sucht Jetske Mijnssen deshalb nach einer lyrisch-melancholischen Metaebene in dem Ganzen – indem sie versucht, aus den Typen Charaktere zu machen. Vielleicht sind Venus und Mars, die von Juno und Jupiter Geächteten, am Schluss indes wieder in den Clan Aufgenommenen – Pack schlägt sich, Pack verträgt sich –, deshalb so ein bisschen ein tragisches Paar. So wie alles in dieser, auf rund zweidreiviertel Stunden eingekürzten Barockoper ein bisschen ist.

Giovanni Legrenzi war um klangliche Charakterisierung bemüht, man spürt, dass seine Sympathien Venus gehören, der er die schönsten Arien widmet, mit schlichten, absteigenden Chromatiken und Seufzern. Schade, dass Sophie Junker, bei aller Zartheit und Wohlgeformtheit ihres Soprans, zuweilen mit winzigen Intonationsproblemen zu kämpfen hat – sonst wäre der Premierenabend eindeutig der ihre gewesen. In Legrenzis Musik, die weitgehend frei ist von barocker Koloraturenkünstlichkeit, zählen die kurzen Arien – Thomas Hengelbrock hatte dies einst als "Short Cuts" bezeichnet. Es fehlen aber auch etwas die Kontraste.

Zumindest in Christophe Roussets Lesart. Der französische Cembalist und Dirigent verleiht ihr mit seinem Orchester Les Talens Lyriques eine geschmeidige, lyrisch-elegante Form. Doch trotz imposanten Bassapparats mit Theorben, Gitarren, Cembali, Gambe, Cello und Kontrabass hat diese Interpretation wenig Plastizität, klingt in der trockenen Akustik der Straßburger Oper im hochgefahrenen Orchestergraben dafür nachhallend, fast wie in einer Kirche.

Damit kann man leben – wenn man feurige Italianità nicht unbedingt einfordert. Sängerfreundlich ist die dynamisch differenzierte Orchesterbegleitung allemal.

Aus einem homogen besetzten Ensemble hervorzuheben sind Julie Bouliannes Juno, Rupert Enticknaps Mercure, Jake Ardittis Apollon und, trotz intonatorischer Schwächen, Soraya Mafis Diane. Der Beifall am Premierenabend ist herzlich für eine Inszenierung, die sich nur einmal traut, richtig frech zu sein – beim Zwischenvorhang. Man erkennt, im Stile des galanten Rokokomalers François Boucher, eine überdimensional große nackte Leda mit dem Schwan. Der penetriert sie mit dem Schnabel in den Mund, pfui. In Venedig anno 1675 wären da die Jalousien oben geblieben

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Weitere Aufführungen: 12., 14., 16.2. (Straßburg); 1., 3.3. (Mulhouse); 9.3. (Colmar). http://www.operanationaldurhin@eu