Ausstellung

Die Manns am Bodensee: Wenn schon Exil, dann hier

Martin Halter

Von Martin Halter

Do, 21. Juni 2018 um 19:31 Uhr

Literatur & Vorträge

Er war Urlaubs- und Schicksalsort und Exil für die Familie des Schriftstellers Thomas Mann: Das Hesse-Museum in Gaienhofen zeigt "Die Manns am Bodensee".

Hermann Hesse und Thomas Mann begegneten einander freundschaftlich respektvoll, aber außer dem Literaturnobelpreis und dem Exil (und einem distanzierten Verhältnis zu ihren Kindern) hatten der schwäbische Klein- und der hanseatisch steife Großbürger wenig gemein. Thomas Mann kam nie bis Gaienhofen, wo Hesse acht Jahre lang seinen Aussteigertraum lebte und das Hesse-Museum sich jetzt dem doch ein wenig weit hergeholten Thema "Die Manns am Bodensee" nähert. Die Beziehungen der Sippe zum See sind überschaubar. Aber weil das Große sich immer auch im Kleinen spiegelt, weil Thomas Mann und die Seinen nichts Erlebtes unbeschrieben ließen und die Nachwelt sich mittlerweile auch für entlegenere Kapitel ihrer Familiengeschichte interessiert, hat Manfred Bosch, der beste Kenner der Literatur des Bodenseeraums, jetzt in einer Ausstellung alles Wissenswerte zum Thema zusammengetragen.

Die "springenden Wellen" des "Schwäbischen Meeres"

Der Parcours beginnt mit Mutter Julia, die in ihren Erinnerungen von einer "sehr schönen" Dampferfahrt 1888 auf der "Kaiser Wilhelm" von Bregenz nach Konstanz schwärmt. Er endet mit Frido, dem Lieblingsenkel des Zauberers, der als Schirmherr und Mäzen des Weltklosters Radolfzell für spirituelle Selbstfindung und "dialogisch begründete Empathie" einsteht. Dazwischen liegen zahlreiche Briefe, Dokumente, Zeichnungen und Fotos, die auf die Bedeutung des Bodensees als Urlaubs- und Schicksalsort der Manns hinweisen. So besuchten etwa Erika und Gustaf Gründgens auf ihrer Hochzeitsreise 1926 das mondäne Kurgartenhotel in Friedrichshafen – und von dort, zusammen mit Klaus Mann und Pamela Wedekind, Carl und Thea Sternheim im nahen Uttwil. Ein paar Jahre zuvor wollte Katia Klaus, ihren "wundervollen, aber gefährdeten Knaben" noch im Landerziehungsheim Salem unterbringen, aber Internatsdirektor Kurt Hahn hielt das für keine gute Idee. Klaus ging dann in die Odenwaldschule; für ihre aus der Sicht der Eltern minderbegabten Kinder Golo und Monika hielt die Mutter Salem dank Koedukation, Kameradschaft und spartanischer Schlafsäle für angemessen "ethisch und unerotisch".

Man weiß heute (auch aus Klaus Manns Internatsdrama "Anja und Esther"), dass Knaben bei Kurt Hahn wie auch auf der Odenwaldschule nicht ungefährdet waren. Thomas Mann soll übrigens in Salem in einem schönen vierzehnjährigen Spanier sein Vorbild für den Joseph gefunden haben.

Für Golo und Monika aber war Salem eine Befreiung. "Hier war man nicht Kind oder Schülerin, sondern Mensch", jubelte Monika, die von ihren Eltern abwechselnd als "unerfreulich" und "uninteressant" gerügte Tochter. Golo zeichnete sich in Salem in Geschichte, Deutsch, Theaterspielen und Radfahren aus. Der Bodensee wurde für ihn Bühne und Wahlheimat: In Konstanz machte er 1928 sein Abitur, in den Fünfziger Jahren hatte er eine Wohnung in der "Krone" in Altnau. Der See war für ihn "mit der Landschaft vermählte Zivilisation, nordisches Italien": Wenn schon Exil, dann hier, schwor er sich auf der Terrasse von Schloss Arenenberg, wo Napoleon III. im Exil aufgewachsen war. 1987 erhielt Golo Mann den Bodensee-Literaturpreis.

Heinrich Mann erholte sich 1922 in Überlingen, Bruder Thomas besuchte ihn dort und war überhaupt öfters am See. Im "Zauberberg" ist gleich zu Beginn von den "springenden Wellen" des "Schwäbischen Meers" die Rede; der fromme Terrorist Naphta wird im Jesuitenkloster Feldkirch ausgebildet. Für "Doktor Faustus" hat Mann den Hemmenhofener Musikwissenschaftler Julius Bahle konsultiert und einen Meersburger Fall von Hexerei aus dem "Hexenhammer" verwendet. Nun ja, die Verbindungen zwischen Thomas Mann und dem Bodensee sind ungefähr so stark wie die zwischen Hesse und dem Kurischen Haff. Für den See als lebendiger Springquell literarischer Erinnerungen ist ohnehin Martin Walser zuständig.

Thomas Manns Begegnungen am und mit dem See verliefen nicht immer glücklich. Am traurigsten war wohl Katias – gescheiterter – Versuch, 1938 Abschied von ihren Eltern zu nehmen: Barsche Nazi-Zöllner verweigerten Alfred und Hedwig Pringsheim den Passierschein. Der völkerverbindende See war längst zur unüberwindbaren Grenze geworden. Während auf der deutschen Seite Brutalität, Lärm und Terror und bald nur noch Hunger und Elend herrschten, blühten auf der anderen Seite Frieden und ein behäbiger Wohlstand. Viktor Mann berichtet in seinen Memoiren voller Staunen von den "Esst-Käse"-Plakaten, die er beim ersten Wiedersehen mit Thomas 1947 in Schweizer Lokalen sah.

Thomas waren die Umarmungen des jüngeren Bruders, den er herablassend als "guten Burschen" und geistlosen Untertan beschrieb, so peinlich wie seine schriftstellerischen Ambitionen. Dabei hieß das im Konstanzer Südverlag erschienene Erinnerungsbuch "Wir waren fünf" (und nicht, wie von Viktor auch vorgeschlagen, "Mich gibt’s auch" oder "Noch einer"). Schwester Monika wollte ihr Buch sogar "Wir sind elf" betiteln.

Thomas Mann kam immer wieder zu Lesungen in die "pädagogische Provinz" am See. 1947 in Amriswil begnügte er sich, wie die Quittung in der Ausstellung belegt, für die "gebildet entgegenkommende Empfänglichkeit" des Schweizer Publikums mit dem huldvollen "Gutmütigkeitshonorar" von 300 Franken. Wenig für ihn, aber als Klaus davon hörte, bot er dem Veranstalter gleich eine Lesereise an. Der Bodensee, zumal seine Schweizer Seite, taugt nicht nur als Urlaubs-Idyll und Exil, sondern manchmal auch als Paradies für gebildet empfängliche Deutsche.

Die Ausstellung "Die Manns am Bodensee" läuft noch bis zum 16. September im Hesse-Museum in Gaienhofen.

Der Begleitband von Manfred Bosch: Die Manns am Bodensee. "Haben es ganz gut getroffen". Südverlag, Konstanz 2018, 144 Seiten. 24 Euro.