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04. August 2011

Finanzmärkte

Die Nerven der Anleger flattern

Europas Schuldenkrise flammt wieder auf / Politiker um Ruhe bemüht / Schweizer Notenbank will den Franken schwächen.

ROM/BERLIN (dpa/BZ). An den Finanzmärkten geht noch immer die Angst um – auch vor einem Wiederaufflammen der europäischen Schuldenkrise. Die Börsen setzen ihre Talfahrt fort. Die EU versucht, Entschlossenheit zu demonstrieren. Die Schweizer Notenbank greift massiv in den Markt ein, um den Franken zu schwächen.

Aktien runter, Gold und Franken rauf: Aus Furcht vor einer neuen Wirtschaftskrise bleiben die Anleger an den Finanzmärkten verunsichert. Die Euro-Sorgenkinder Spanien und vor allem Italien rückten am Mittwoch erneut in den Fokus. Die Drähte zwischen Brüssel, Rom und Madrid liefen heiß.

Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi verteidigte das Sparpaket und die Krisenmaßnahmen seiner Regierung gegen den Druck der Finanzmärkte. Die Banken des Landes seien solide, die Wirtschaft vital, sagte er vor dem Parlament. "Politische Stabilität ist dabei die Waffe gegen die Spekulation", erklärte der Mitte-Rechts-Regierungschef zu den negativen Reaktionen der Finanzmärkte auf Italiens Schuldenkrise. Obwohl Rom Mitte Juli in Rekordzeit ein Sparpaket von 48 Milliarden Euro verabschiedet hatte, trat keine Beruhigung an den Finanzmärkten ein. Vorsichtshalber hatte Berlusconi seine Rede auf den späten Nachmittag verschoben – nach Börsenschluss.

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Immer mehr Anleger verkaufen Staatsanleihen Italiens und Spaniens, was deren Renditen auf Rekordhöhen trieb. Dies erschwert die künftige Kreditaufnahme dieser Staaten. Die Renditen der italienischen Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit liegen ebenso wie die Spaniens inzwischen bei mehr als sechs Prozent – fast vier Prozentpunkte über dem Satz für deutsche Papiere. Bei einem Zinssatz von gut sieben Prozent erhielt Griechenland im Jahr 2010 erstmals Finanzhilfen zur Abwendung einer Staatspleite.

Über die Lage Italiens und die des Euroraums berieten am Mittwoch auch der Vorsitzende der Eurogruppe, Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker, und Italiens Finanzminister Giulio Tremonti in Luxemburg. Wie eine Sprecherin der EU-Kommission bestätigte, hatte EU-Währungskommissar Olli Rehn am Morgen mit Tremonti telefoniert.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso versprach, die vor wenigen Wochen auf einem Gipfel beschlossenen Maßnahmen gegen die Schuldenkrise rasch umzusetzen. Er zeigte sich in "tiefer Sorge" über die Entwicklung an den Anleihemärkten. Barroso appellierte an die Regierungschefs der 17 Eurostaaten, bei der Umsetzung der Gegenmaßnahmen "sicherzustellen, dass ohne Verzögerung gehandelt wird".

Der deutsche Aktienindex Dax sackte den sechsten Tag in Folge deutlich ab. Vor einer Woche stand er bei 7300 Punkten, gestern bei 6638. Dagegen legte die vermeintliche Krisenwährung Gold erneut auf ein Rekordhoch zu. Zudem findet auch der Schweizer Franken als vermeintlich sicherer Hafen immer mehr Zulauf. Darunter leidet die Schweizer Exportwirtschaft. Nach langem Abwarten kündigte die Schweizerische Nationalbank Aktionen gegen den starken Franken (derzeit 0,92 Euro) an, die einer Zinssenkung auf ein Niveau nahe null gleichkommen. Die Schweizer Währung sei derzeit massiv überbewertet. Nun versucht die Nationalbank so viele Franken auf den Markt zu werfen, dass er billiger werden kann. Eine ähnliche Aktion war in jüngster Vergangenheit erfolglos geblieben. Kritiker bezweifelten, dass bei anhaltender Schuldenkrise im Euroraum und in den USA der Franken nun als Fluchtwährung weniger attraktiv wird.

Sorgen um das Wachstum in den USA

Einer der Hauptgründe für die Unsicherheit ist Volkswirten zufolge die Sorge über die Entwicklung der US-Wirtschaft. Der amerikanische Kongress hatte nach langem Ringen drastische Ausgabenkürzungen beschlossen, um den hohen Schuldenberg abzubauen. Dies könnte das ohnehin schon schwächelnde Wirtschaftswachstum in vielen Staaten zum Stillstand bringen.

Der Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pimco, Mohamed El-Erian, hält die bisherigen Euro-Rettungsbemühungen für unzureichend. "Sehr wahrscheinlich werden die Steuerzahler erneut gebeten werden zu helfen", sagte er dem Magazin Stern. Außer Griechenland würden womöglich auch Portugal und Irland zusätzliches Geld benötigen. Die Europäer müssten sich entscheiden, ob sie die angeschlagenen Euroländer so "wie Ostdeutschland" unterstützen wollten, sagte El-Erian. Bisher hätten sie sich vor der Entscheidung gedrückt, ob in der Eurozone jeder für jeden haften müsse.

Autor: dpa