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02. Juli 2012 00:02 Uhr

Ausblick

Die Perspektiven der National-Elf sind gut

Die Enttäuschung über das deutsche Halbfinal-Aus bei der Fußball-Europameisterschaft wirkt nach. Doch es gibt keine Alternative: Der Blick muss nach vorne gerichtet werden.

  1. Löw muss einige Probleme lösen. Foto: dapd

Und das fällt leichter als in den Jahren zuvor. Deutschland hatte bei dieser EM den jüngsten Kader, viele Leistungsträger sind im besten Fußballer-Alter und im Hintergrund drängelt ungeduldig eine Vielzahl an Talenten. Die Perspektiven in nahezu allen Mannschaftsteilen sind gut.

TOR
Manuel Neuer ist ein Weltklasse-Torwart. Und er ist gerade einmal 26 Jahre alt. Bleibt er verletzungsfrei, wird der Bayern-Keeper auch bei den nächsten Turnieren eine Bank sein. Auch Alternativen hat Bundestrainer Joachim Löw in Hülle und Fülle. Ron-Robert Zieler, Marc-André ter Stegen, Bernd Leno und auch der Freiburger Oliver Baumann – die Auswahl an hochbegabten jungen Torhütern ist riesig. Die Nationalmannschaftskarriere des 30-jährigen Tim Wiese dürfte sich auch deshalb dem Ende entgegen neigen.

ABWEHR
Weil seine Karriere in der deutschen A-Auswahl früh begann, wirkt Per Mertesacker bisweilen wie ein Fußball-Rentner inmitten einer jungen Rasselbande. Dabei ist der Profi des FC Arsenal London gerade mal 27 Jahre alt. Ob er in Löws Team noch einmal zur Stammkraft werden kann, ist dennoch ungewiss. Zu groß ist die nachrückende Konkurrenz in der Innenverteidigung: Mats Hummels (23) und Holger Badstuber (23) standen im Ranking bei dieser EM bereits vor Mertesacker. Benedikt Höwedes (24) und Jerome Boateng (24) fühlen sich im Abwehrzentrum ebenfalls wohler als auf den Außenbahnen. Der zukünftige Leverkusener Philipp Wollscheid (23) lauert im Hintergrund. Links und rechts hinten fehlen allerdings ausreichend Optionen. Philipp Lahm war und ist der einzige deutsche Außenverteidiger von internationalem Format. Für die WM 2014 dürfte Löw auch noch mit seinem 28-jährigen Kapitän planen. Kandidaten wie Dennis Aogo und Marcel Schmelzer haben den von ihnen erhofften Durchbruch nicht geschafft, wobei man bei Schmelzer noch berechtigt hoffen darf. Aus der Bundesliga bietet sich ansonsten lediglich der Gladbacher Tony Jantschke (22) als Alternative an. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß, dass Löw auf zumindest einer Außenverteidiger-Position auch künftig mit Notlösungen arbeiten muss.

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MITTELFELD
Die Fülle an überdurchschnittlich guten deutschen Mittelfeldspielern ist ein reines Versprechen für die Zukunft. Sami Khedira ist der neue Chef im defensiven Mittelfeld (25). Er war bei der EM eindeutig der bessere Schweinsteiger (27). Die zahlreichen physischen Probleme des Bayern-Profis verhinderten zuletzt dauerhaft, dass dieser Bestleistungen zeigen konnte. Ein Bastian Schweinsteiger in Top-Form ist aber immer noch Weltspitze – und kann das auch bei der WM 2014 sein. Der technisch brillante Dortmunder Ilkay Gündogan (21) hat in der vergangenen Bundesliga-Rückrunde bewiesen, dass ihm die Zukunft im Mittelfeldzentrum gehören kann – egal ob defensive oder offensiv. Lars und Sven Bender (23) bleiben dank ihrer physischen Stärke ernst zu nehmende Optionen. Toni Kroos (22) kann als Vielseitigkeitsspezialist künftig eine tragende Rolle in der Nationalelf übernehmen, auch wenn er im EM-Halbfinale gegen Italien enttäuschte.

Noch überzeugender ist die Talent-Auswahl im offensiven Mittelfeld. Mesut Özil hat kein überragendes Turnier gespielt, zuvor aber bei Real Madrid bewiesen, dass er ein Weltklasse-Spieler sein kann. Marco Reus (23) und Mario Götze (20) zählen zu der Löw-Kategorie "Noch nicht ganz erwachsen, aber enorm attraktiv". Beide haben bereits nachgewiesen, dass sie auch in der A-Mannschaft Akzentsetzer sein können. Julian Draxler (18) und der Gladbacher Patrick Herrmann (21) sind auf dem Weg.

ANGRIFF
Egal, ob man Lukas Podolski dieser Kategorie zuordnet oder ihn als offensiven Mittelfeldspieler sieht: Ihm droht nach dieser EM endgültig der Verlust des Stammspieler-Status. André Schürrle (21) hat sich engagierter um einen Platz bemüht. Zudem hat der Leverkusener noch Entwicklungspotenzial, das man Podolski inzwischen nicht mehr zutraut. Thomas Müller (22) hat eine schwierige Saison samt EM hinter sich. Um den Münchner muss man sich dennoch keine Sorgen machen, weil er als umtriebiger Unruhestifter besonders ist unter den Stürmern. An Mario Gomez werden sich weiter die Geister scheiden (26). Es bleibt abzuwarten, ob Joachim Löw bereit ist, das deutsche Spiel mehr auf den Torjäger zuzuschneiden. Tut er das nicht, wird es Gomez weiterhin schwer haben, im deutschen Kombinationsgefüge seinen Platz zu finden. Andererseits herrscht in der Bundesliga ein Mangel an stürmischen Nachwuchskräften. Gomez ist allein, die anderen Top-Stürmer kommen aus dem Ausland. Bleibt Miroslav Klose. Der ist heute schon 34 Jahre alt und steht im Zweikampf mit dem eigenen Körper. Dass er diesen noch einmal dauerhaft für sich entscheiden kann, scheint ausgeschlossen. Dennoch sagt Klose: "Ich kann mir vorstellen, noch zwei Jahre zu spielen."

FAZIT
Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes hat vermutlich recht, wenn er sagt: "Der Weg dieser Mannschaft ist noch lange nicht zu Ende." Auch Löw liegt richtig, wenn er darauf hinweist: "Die Mannschaft ist jung und entwicklungsfähig." Gerade im Mittelfeld ist das Potenzial enorm. Um bei der WM 2014 reelle Chancen auf den Titel zu haben, wird Löw trotzdem einige Probleme lösen müssen. Er braucht zwingend einen zweiten Außenverteidiger von Top-Format. Die zweite Problemzone ist der Sturm. Entweder Löw findet ein System, in dem Gomez seine Qualität entfalten kann. Oder der Coach muss andere kreative Lösungen finden. Spanien spielt schließlich auch ohne echte Sturmspitze.

Autor: René Kübler