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24. Mai 2011
Die pure Verkörperung von Rhythmus
Ein Musiker, der das Zeug zur Legende hat: Tino Gonzales, Lieblingsgitarrist von Carlos Santana, begeistert samt Band im Lahrer "Blue Notes".
LAHR. Ohne Ton und aus der Vogelperspektive betrachtet hätte der Blick aufs Lahrer Szene-Lokal Blue Notes am Freitag in etwa so ausgesehen: sämtliche Plätze auf Stühlen und Sofas besetzt, auf den runden Bistro- und eckigen Beistelltischen eine reiche Auswahl an Flaschen und Gläsern. Ein Stück nähergezoomt, und man hätte leicht zu lustigen Trugschlüssen kommen können: allseits gedankenverlorenes Kopfwackeln, schwungvolle Bewegungen von Oberkörpern und fortwährendes rhythmisches Zucken von Beinen und vorne auf der Bühne einer, zu dem alle wie gebannt hingucken – muss wohl eine Gymnastikstunde in einer Residenz für Best-Ager sein, oder? Perspektivenwechsel. Von draußen vor der Tür, ohne das zugehörige Bild, hätte man seinen Ohren nicht getraut. Madre mia – diese schluchzende Gitarre, dieses typische Aufheulen, verzerrte Lamentieren, diese rasenden Läufe. Das kann nur einer sein. Carlos Santana? Hier in Lahr? Dann aber nix wie rein! Bild und Ton zusammen ergaben, dass der lateinamerikanische Gitarrengott der Einfachheit halber wohl seinen Stellvertreter geschickt hatte: Tino Gonzales, Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, geboren in der Südstadt von Chicago, wo er den Blues schon mit der Muttermilch aufgesogen hat. Dass Santana nicht persönlich angetreten war, sondern der Mann, den er mal als seinen "Lieblingsgitarristen" bezeichnet hat, darüber brauchte absolut keiner traurig zu sein, denn Tino Gonzales hat selbst das Zeug zur Legende. Sitzt er vor dem Konzert oder in der Pause am Tresen, dann wirkt er wie der gute Kumpel von nebenan. Sobald er aber im Rampenlicht steht, dann schließt er die Augen, taucht ab in andere Sphären und ist vor allem eines: die pure Verkörperung von Rhythmus. Egal ob er sich schwebend-leicht einswingt, kratzig-treibenden Funk serviert, schrägen Jazz oder erdigen Blues. Egal ob er seine Stimmbänder oder die Saiten seiner Gitarre singen lässt, immer geht er zu hundert Prozent in dem auf, was er tut. In diese absolute Harmonie fügt sich auch seine Begleitband nahtlos ein. An diesem Abend sind es Chris Kloeber (Keyboard/Piano), Sebastian Lorenz (Bass) und Arno Schorrer-Maier(Drums), die jede seiner Stimmungen mitgehen und auch den fliegenden Wechsel vom geprobten Stück zur lustvoll weitergejammten Improvisation hinkriegen, dass es eine Wonne ist. Das schafft Atmosphäre, nimmt das Publikum mit in den Rhythmus, bringt es wie auch immer in Bewegung und hält es bei Laune bis dann weit nach zwölf die Lichter auf der Bühne ausgehen.
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Autor: Ulrike LeBras
