Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. Juli 2012

Angela Merkel

Die sachkundige Kanzlerin

Gaucks Kritik an Merkel ist nur zum Teil berechtigt / Dass sie viele Details kennt, ist ein Verdienst.

Angela Merkel liebt das Detail – und zwar so sehr, dass sie es manchmal nicht versteht, den Zusammenhang, die Richtung und das Ziel ihrer Politik zu beschreiben. Dieses Versäumnis hat Joachim Gauck gemeint, als er die Kanzlerin mahnte, ihre Europa-Politik besser zu erklären und "sehr detailliert zu beschreiben". Gleichwohl ist die Kritik des Bundespräsidenten wohlfeil.

Es ist im Grunde von enormem Wert, dass Merkel in unzähligen Fragen der Politik bis in die kleinsten Verästelungen hinein mit der Sachlage vertraut ist. Gerade beim Euro ist das kein geringes Verdienst. Nie zuvor hatten es Politik und Bürger mit einer Krise zu tun, die sachlich so kompliziert war und bei der politisch, wie wirtschaftlich so viel auf dem Spiel stand wie bei der Frage, wie die gemeinsame Währung erhalten werden kann. Man stelle sich für einen Moment vor, Merkels Vorgänger seien in dieser schwierigen Lage. Helmut Kohl war in seinen späten Amtsjahren damit beschäftigt, sich reichlich selbstgefällig im Glanz seines Einheitskanzler-Nimbus zu sonnen, während Gerhard Schröder gerne sein berühmtes "Frank, mach mal" sagte – also gerne Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier den Auftrag gab, sich mit den Details zu befassen.

Werbung


Dass Merkel vor lauter Details zuweilen die Deutung versäumt, ist, wie gesagt richtig. Gerade ihre Regierungserklärung nach dem jüngsten EU-Gipfel ist dafür ein Paradebeispiel. Allerdings stimmt auch, dass die Kanzlerin immer wieder fünf Worte wählt, um zu erklären, worum es ihr hinter den unzähligen Brüsseler Krisengipfeln, Kürzelfluten wie EFSF, ESM, IFW, EZB, Rettungsschirmen, Hellas-Schuldenschnitten, Ratingagenturen, Bankenstützungen, Fiskal- und Wachstumspakten geht: "Scheitert der Euro, scheitert Europa."

An diesen fünf Worten kann eigentlich auch Gauck nichts entdecken, was "sehr detailliert" erklärt werden müsste. Sie sprechen für sich: Entweder schaffen es die Euroländer, die Mängel der Währungsunion zu überwinden, oder das aus Krieg und Leid geborene Einigungswerk europäischer Nationalstaaten fällt auseinander. Diese Alternative ist keineswegs eine übertriebene Dramatisierung – dazu neigt die Kanzlerin genauso wenig wie zu Pathos.

Ob Merkel angesichts dieser Alternative richtig handelt, ist auch unter Ökonomen höchst umstritten. Sie selbst betont laufend, dass es die alles entscheidende Lösung, den einen klärenden Schnitt nicht gebe, der den Gordischen Knoten auf einen Schlag löse. Sondern nur den mühseligen Pfad mit Fortschritten und Rückschlägen. Auch wenn Merkel diesen Ansatz oft hinter unverständlich detailliertem Aufzählen von Spiegelstrichen unkenntlich macht, leuchtet er offenbar den meisten Bürgern ein. Sonst würden nicht zwei Drittel von ihnen betonen, dass sie dem Krisenmanagement der Kanzlerin vertrauen.

Autor: Bernhard Walker