Die sexuellen Fantasien kleiner Würstchen

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Do, 16. November 2017

Kino

SATIRE: "Fikkefuchs" von und mit Jan Henrik Stahlberg.

Der übliche Weg der Förderanträge wurde wohlweislich erst gar nicht beschritten: Öffentliche Subventionen und Fernsehverwertung wären auch schwer vorstellbar für "Fikkefuchs", nicht bloß des Titels wegen – der ist ja vergleichsweise harmlos. Mit dem Mikrobudget, das übers Crowdfunding zusammenkam, konnten der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Jan Henrik Stahlberg ("Muxmäuschenstill", "Bye Bye Berlusconi", "Short Cut To Hollywood") und sein Co-Autor Wolfram Fleischhauer nun umso genüsslicher die Sau rauslassen. Beziehungsweise den Penis aus der Hose.

Denn darum geht es in dieser derben, klugen Geschlechtersatire: um die Karikatur des Mannes als schwanzgesteuertes Wesen. Das ist manchmal zum Schreien komisch, oft zum Fremdschämen peinlich – und fast immer diskussionswürdig. Was wir für ein spätsteinzeitliches Männlichkeitsideal hielten – die Herren der Schöpfung als Begatter willenloser Weibchen –, hat sich ja offenbar bis in die Gegenwart gehalten, wie die Enthüllungen um die Weinstein-Affäre gezeigt haben.

Wobei Robert Ockers, genannt Rocky (überzeugend gespielt von Stahlberg selbst), keiner ist, der eine Machtposition einsetzen könnte, um die Frauen zu kriegen. Er kriegt ja auch keine mehr. Einst war er ein legendärer Womanizer, jetzt ist er 49, trägt Bäuchlein und eine geradezu mönchische Tonsur im schütteren Haupthaar, macht sich erst beim Squash zum Affen und dann bei der Anmache (viel zu) junger Frauen. Nein, er ist kein Midlifecrisler, sondern einer, der sich noch für so unwiderstehlich hält wie damals, als er mit 17 in Griechenland beherzt Wellen und Weiber durchpflügte.

Eines Tages klingelt Thorben (stark: der gebürtige Freiburger Franz Rogowski, derzeit auch in Michael Hanekes "Happy End" im Kino) an seiner Tür: Dass er tatsächlich Rockys Sohn ist, zeigt seine Sexbesessenheit, nur sind Thorbens erotische Fantasien ungleich aggressiver, pornographischer, pathologischer. Nach einem Vergewaltigungsversuch landete er in der Psychiatrie – und floh von Wuppertal nach Berlin, um bei Rocky die Kunst des erfolgreichen Flachlegens zu lernen. Nach der großtönenden Theorie scheitern die Feldversuche der beiden Flachwichser allerdings kläglich. Doch dann gehen Vater und Sohn zu einem Aufreißseminar, wo verunsicherte Machos als das stärkere, schönere, bessere Geschlecht gebauchpinselt werden.

Wie die vertrockneten kleinen Würstchen unter den frauenfeindlichen Sprüchen der Sextrainerin aufpoppen, ist eine so hinreißende wie hemmungslose Überzeichnung aller Genderdebatten. Am Ende ist es dann ausgerechnet Rocky, der bei einer jungen Blondine – pardon! – zum Stich kommt. Aber auch nur, weil der ganze Kurs ein abgekartetes Spiel war, was der Möchtegern-Don Juan in seiner narzisstischen Verblendung nicht erkennt.

Der Sohn sucht daraufhin die eigene Triebabfuhr mit einer Prostituierten, freilich ohne finale Erfüllung, trotz aller nur denkbarer Turnübungen mit der übergewichtigen Dame zwischen den Autositzen: Die nicht endenwollende groteske Fleischorgie ist für den Zuschauer kaum weniger anstrengend als für die beiden, die sich da verzweifelt abstrampeln. Dem Vater aber ermöglicht Thorben, vielleicht seine männlichste Tat überhaupt, noch einmal ein paar glückliche Tage mit der Blondine in Griechenland, es werden seine letzten sein. Denn Rocky ist todkrank, was für ein paar dunkle, ernste Töne in der grellen Satire sorgt.

Aber natürlich versandet "Fikkefuchs" nicht im Sentiment. Dazu ist es Stahlberg viel zu wichtig, die tumbe und notgeile Männlichkeit einer durchsexualisierten Gesellschaft so tabulos und inkorrekt wie möglich ins Bild zu setzen. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht tumben Frauenhassern zu Augen kommt.

"Fikkefuchs" läuft im Friedrichsbau Freiburg, am Samstag um 21.15 Uhr ist Regisseur Jan Henrik Stahlberg zu Gast. (Ab 16)