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10. Januar 2009

Die Sicht der Zuwanderer

Nadine Bartels hat die Integration der Russlanddeutschen in Lahr wissenschaftlich untersucht.

  1. Der Kanadaring als das Basislager: Von hier aus soll der schwere Einstieg in die fremde Gesellschaft gemeistert werden. Foto: Christoph Breithaupt

LAHR. Ist Lahr ein Symbol misslungener Integration?  Was heißt überhaupt Integration? Von welchen Vorstellungen gehen Politik und Gesellschaft aus? Und was bedeutet Integration für die Russlanddeutschen? Alles Fragen, denen Nadine Bartels in ihrer wissenschaftlichen Untersuchung über die russlanddeutschen Migranten in Lahr nachgeht.

Und um es gleich vorweg zu nehmen: "Nein, absolut nicht", heißt ihre Antwort auf die Frage, die sie für den Titel ihrer Arbeit gewählt hat. Lahr ist kein Symbol misslungener Integration. Im Gegenteil. In Lahr wurde und wird einiges richtig gemacht, das "Lahrer Modell" wurde unter diesem Titel in ganz Deutschland bekannt (siehe auch das nebenstehende Interview). Man muss allerdings lange lesen, um zu dieser Antwort zu kommen. Und die Lektüre ist nicht einfach.

Das Buch stellt die überarbeitete und erweitere Magisterarbeit von Nadine Bartels dar und ist deshalb über weite Strecken in wissenschaftlicher Sprache verfasst. Wie es sich für eine solche Arbeit gehört, müssen Begriffe definiert und abgegrenzt (Parallelgesellschaft, ethnische Kolonie, intraethnische Vergesellschaftung), müssen Konzepte erläutert und muss der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Diskussion referiert werden.

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Abseits davon ist das Buch immer dann besonders lesenswert, wenn die Autorin die Russlanddeutschen selbst zitiert und ihre Schlüsse aus den Gesprächen zieht. Das war eines ihrer erklärten Ziele. "Mir ging es um die Sichtweisen der Spätaussiedler", schreibt sie. Die Unkenntnis darüber, wie die Russlanddeutschen leben, woher sie kommen und was sie denken ist ja oft genug der Treibstoff für Vorurteile. Deshalb auch ihr Anliegen, "einen Einblick in die Lebenssituation einer Zuwanderergruppe zu geben, über die man viel spricht, aber letztlich wenig Verlässliches weiß."

Die Autorin hat auch gründlich in den Archiven recherchiert

Der Kanadaring oder die Schorn-Siedlung werden von den Bewohnern nicht gesehen als Klein-Kasachstan oder Russen-Ghetto, sondern als Basislager, um den schweren Einstieg in die fremde Gesellschaft zu schaffen. Unter ihresgleichen finden die Russlanddeutschen "Verständnis, Akzeptanz und Geborgenheit". Von hier aus kann dann die Aufgabe Integration in Angriff genommen werden. Die Autorin hat nicht nur viele Gespräche geführt, sondern auch gründlich im Archiv recherchiert und sich die Örtlichkeiten vom Kindergarten bis zum Supermarkt angesehen. Sie hat sich über die Geschichte der Spätaussiedler in Russland informiert und diese Geschichte in einem knappen Kapitel gut zusammen gefasst. Und sie hat erkannt, welch schweren Stand die Spätaussiedler alleine schon deshalb hatten, weil sie direkt nach den Kanadiern gekommen waren. Ebenso zahlreich, aber längst nicht so zahlungskräftig.

Das wichtigste Verdienst der Autorin ist aber vielleicht, dass sie die Demütigungen und Abwertungen, die viele Russlanddeutsche in ihrer zweiten Heimat erfahren mussten, deutlich heraus gearbeitet hat. In Russland als Faschist beschimpft, hier als Russe, das ist ein Teil dieser großen Enttäuschung. Ein anderer Teil ist die Nicht-Anerkennung der beruflichen Qualifikationen. Aber gerade in Sachen Anerkennung der Fähigkeiten und Kenntnissen ist Bewegung gekommen. Die Firmen mehren sich, die die Zuverlässigkeit und Sprachkenntnisse der russlanddeutschen Mitarbeiter schätzen gelernt haben. Auch darauf weist Bartels in ihrem Fazit hin. 

Info: Nadine Bartels: Symbol misslungener Integration? Zur ethnischen Kolonie russlanddeutscher Migrantinnen und Migranten in Lahr. Marburg 2007. ISBN 978-3-7708-1316-2

 

Autor: Hagen Späth