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14. Juli 2012

Leitartikel

Die Südwest-CDU in der Krise: Distanzieren geht nicht

Was wäre, wenn? Wenn der CDU bei der letzten Landtagswahl nicht die FDP kläglich abhandengekommen wäre oder die Partei des Stefan Mappus selbst ein paar Prozente mehr bekommen hätte?

Was wäre, wenn? Wenn der CDU bei der letzten Landtagswahl nicht die FDP kläglich abhandengekommen wäre oder die Partei des Stefan Mappus selbst ein paar Prozente mehr bekommen hätte – denn so klar "abgewählt", wie man immer liest, wurde sie mit ihren 39 Prozent ja gar nicht – was wäre dann heute? Hätten staatliche Rechnungsprüfer ähnlich schonungslose Kritik an der Regierung gewagt? Hätten Staatsanwälte sich getraut, Amts- und Wohnsitz eines Ministerpräsidenten zu filzen, hätte dieser Machtmittel gehabt und genutzt, das zu verhindern, wäre er zurückgetreten?

Da kann das Gemeinwesen Baden-Württemberg fast froh sein, es jetzt nicht mit dem Albtraum einer Regierungs- und Verfassungskrise zu tun zu haben, sondern bloß mit dem Debakel einer Oppositionspartei. Wenn auch einem fürchterlichen Debakel. Einer bedeutenden Oppositionspartei. Giftige Interviewkriege der Vorleute von früher und heute mit bundesweiter Verbreitung, ein zutiefst verunsichertes Parteivolk, fast jeden Tag Neues von der Staatsanwaltschaft: Der EnBW-Coup des Strategen Mappus und seine Spätfolgen haben den selbst- und machtbewusstesten Landesverband der CDU Deutschlands binnen Monaten in einen orientierungslosen Hühnerhaufen verwandelt.

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Denn das war ja, wie man heute weiß, kein Betriebsunfall, kein einmaliger und als solcher verzeihlicher Ausrutscher eines überengagierten Wahlkämpfers. Verhängnisvoll an dem EnBW-Geschäft – neben den Folgen für den Haushalt – ist das, was jetzt zugleich über die Art publik geworden ist, mit der dieses Land zuletzt regiert wurde, die Sprache und "Denke" der Akteure, ihre Hemdsärmligkeit und Amtsanmaßung, der Eindruck, hier würden sauer verdiente Steuermilliarden der Bürger zum Dispokredit für Politkarrieristen und befreundete Banker.

Das Erschrecken auch in der CDU über die Enthüllungen ist glaubhaft. Und man kann verstehen, dass seine Nachfolger in Vorstand und Fraktion sich rasch vom System Mappus verabschieden möchten, Motto: Nicht der EnBW-Deal war der Betriebsunfall, die ganze 15-Monats-Ära Mappus war es und davon möge, fleht der Fraktionschef, "kein Geschmäckle" an der CDU hängen bleiben.

Aber so einfach ist das nicht und wird es auf lange Sicht nicht sein. Denn unvermeidlich werden immer wieder die alten Fragen gestellt werden: Wer hat diesen Mann denn empfohlen, wer hat ihn gewählt, ihn machtschwindlig geredet, ihn gewähren lassen, ihm nicht widersprochen? Die Antwort wird immer die gleiche sein müssen: Dass – und in welch kurzer Zeit – Mappus in der Landes-CDU diese Karriere machen konnte, hat eng mit Charaktereigenschaften dieser Landes-CDU zu tun: Debattenunlust, Autoritätsgläubigkeit, Wagenburgmentalität. Davon kann man sich gar nicht distanzieren als neue Führung, man kann nur versuchen, es anders zu machen.

Aber auch das ist riskant. Eine CDU, die diskutiert, die ihren Vorleuten misstraut und der Basis eine "Politik des Gehörtwerdens" erlaubt – ist die dann noch wiedererkennbar? Und wo sind Respektspersonen, an denen sich das Parteivolk orientieren könnte? Die gegenwärtigen Chefs wirken eher wie Konkursverwalter. Auch lässt das Wundenlecken der Union der Konkurrenz viel Zeit zu beweisen, dass sie das Land auch nicht schlecht regiert. Den Vergleich mit Rheinland-Pfalz, den man jetzt öfter hört, haben sich nicht übelwollende Journalisten ausgedacht, er kam aus der CDU selbst – als Menetekel dafür, wie man einen CDU-Erbhof auf Jahrzehnte an die Konkurrenz verspielt.

Apropos: In Berlin denkt jemand bei Baden-Württemberg nicht nur an einen wichtigen CDU-Landesverband, auch an eine nahe Bundestagswahl. Fukushima, sagte Mappus, habe ihn die verdiente Wiederwahl gekostet. Es könnte sein, dass Angela Merkel in 14 Monaten ergänzt: Bei mir war es Mappus.



Autor: Stefan Hupka


5 Kommentare

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Heinrich Georg Hefter

Registriert seit: 25.02.2010

Kommentare: 160

14. Juli 2012 - 11:42 Uhr

Aha! Man denkt bei diesem Thema also an die nächste Bundestagswahl.
Das erklärt den beispiellosen parteipolitischen und medialen Jagdeifer.

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Gregor Bähr

Registriert seit: 19.08.2011

Kommentare: 397

14. Juli 2012 - 13:53 Uhr

Eigentlich wollte ich ja was zu dem Artikel und Mappus schreiben, aber während dem Lesen des Artikels hat mich penetrant die Werbung "Palmöl-Investment 9 Prozent" angeblinkt und abgelenkt.

Ich hab das noch nie gemacht, aber jetzt will ich ein paar Worte zu dieser Werbung loswerden:

Die Investition in sogenanntes "nachhaltiges" Palmöl wird in dieser Werbeanzeige als "ökologisch sinnvoll" beworben.
Ein "gemeinnütziger" "Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl" wird angeführt, und daß kein Regenwald gefällt würde.

Die Investition in Palmöl ist das genaue Gegenteil von ökologisch, es macht Primär- und Sekundärwälder nahe dem Äquator kaputt, tötet Tiere und Arten, vertreibt Ureinwohner und schädigt das Weltklima.
Dazu ist Palmöl ein minderwertiges Öl, wenn man es verspeist. Es wird oft verwendet in Margarine, Eiscreme und hunderten anderen Lebensmitteln, oft verschleiert als "pflanzliches Fett/Öl".

Ich rate jedem mit einem Funken Verantwortungsgefühl von so einem Investment ab.

Der "runde Tisch für nachhaltiges Palmöl" (RSPO) mag formal gemeinnützig sein, in Wirklichkeit leistet er massive untersützung zur Erzeugung der Illusion, es könnte eine nachhaltige Herstellung von Palmöl auf riesigen Plantagen geben, wo vor sehr kurzem oder etwas längerem noch Primär- oder Sekundärregenwald stand.

Und der in der Werbung angeführte WWF spielt eine ganz besonders dubiose Rolle bei der explosionsartigen Steigerung der (angeblich nachhaltigen) Palmölproduktion. Er leistet mit seinem bisher relativ glaubwürdigen Image Beihilfe zu den üblen Geschäften der von nicht wenigen so genannten "Palmölmafia".

Wer sich genauer über Palmöl informieren will:
Bei wikipedia.
http://www.regenwald.org von "Rettet den Regenwald e.V."
Bei Greenpeace.
Im "Schwarzbuch WWF" von Wilfried Huismann, ganz aktuell, vom WWF juristisch bekämpft.

Die Werbung scheint in einem gewissen Zeittakt zu wechseln, zur Zeit ist gerade wieder ein anderes Inserat an der Stelle zu sehen, wo vorher das Palmölinvestment beworben wurde.
Aber ich fürchte, die Werbung wird wiederkehren.

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Herbert Pommerenke  

Herbert Pommerenke

Registriert seit: 29.11.2010

Kommentare: 994

14. Juli 2012 - 15:19 Uhr

Herr Hupka, wie mutig doch ihr Bericht ist! Besonders der kurze Satz
im Artikel: Wer hat diesen Mann empfohlen, wer hat ihn gewählt, ihn
machtschwindlig geredet, ihn gewähren lassen, ihm nicht widersprochen?

Erinnern Sie sich noch? Es waren SIE d.h. die ganze Medienllandschaft!!

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Karl Alfred Wolpert  

Karl Alfred Wolpert

Registriert seit: 02.03.2010

Kommentare: 1147

14. Juli 2012 - 15:55 Uhr

@H Bähr:

seit ich "Ad Block plus" Plugin am Firefox aktiviert habe, belästigt mich die sehr penetrante BZ-Werbung, die bei fast jedem läppischen Mausklick aufpoppt, nicht mehr.

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Robin Bühler

Registriert seit: 29.09.2009

Kommentare: 68

15. Juli 2012 - 11:37 Uhr

Hervorragender Kommentar Herr Hupka, Sie haben es auf den Punkt getroffen! Wunderbar auch der Begriff 'Konkursverwalter' für die Parteiführung, trefflicher kann man die Situation kaum beschreiben.

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