Indien

Die Tigerin, die Menschen frisst

Willi Germund

Von Willi Germund

Di, 11. September 2018 um 20:30 Uhr

Panorama

Die fünfjährige Tigermutter T 1 versetzt die Dorfbewohner von Borati im indischen Bundesstaat Maharashtra in Angst und Schrecken. In den vergangenen zwei Jahren tötete sie mindestens 13 Menschen.

Die Halskette aus verrosteten Schrottteilen zieren scharf gewetzte Metalldornen, die über den schmächtigen Schultern des 48-jährigen Kuhhirten Shankar Atram schweben. Um den schmalen Oberkörper hat der hagere Mann am Rande des Dorfes Borati im Yavatmal-Distrikt an der Südgrenze des indischen Bundesstaates Maharashtra eine Art Ritterrüstung aus Blech gelegt. Sie wird von Lederbändern und kleinen Ketten samt abgeschlossenem Vorhängeschloss zusammengehalten. Nach der Beschreibung mehrerer indischer Medien wirkt Atram wie die dürre Version von Sancho Panza, dem Knecht des Ritters der traurigen Gestalt Don Quijote. Der Kuhhirte riskiert Kopf und Kragen allerdings nicht beim Kampf gegen Windmühlenflügel – sein Feind ist die Menschenfresserin T 1 – eine fünfjährige Tigermutter von zwei Jungtieren.

Während der vergangenen zwei Jahre tötete sie mindestens 13 Menschen in der bettelarmen Region rund um das Tipeshwar-Wildreservat. Mal riss sie einer Frau zwei Beine ab, mal fanden Dorfbewohner den toten Kuhhirten Sonabai Bhosale mit zermalmten Rücken, hervorstehen Wirbelknochen und tiefen Krallenspuren. "Ich habe vor ein paar Wochen einen Tiger im Wald gesehen", sagt Kuhhirte Atram, "er war fast so groß wie eine Kuh. Es gibt nur einen Weg, einen Tiger zu überleben. Man muss hellwach sein." Deshalb, so Atram in indischen Medien, trage er diese seltsam anzusehende Blechrüstung.

150 Rupien verdient der Hirte pro Monat pro bewachter Kuh. Die umgerechnet zwei Euro pro Rindvieh machen den Mann nicht reich. Aber sie ernähren den Hirten und so zieht er Tag für Tag unter dem Geklapper seiner Tigerrüstung in die Wälder der Umgebung und trotzt der meist unsichtbaren Tigermutter T 1.

"In Yavatmal kommt die Nacht, bevor das Tageslicht verschwindet", beschrieb die Tageszeitung Hindustan Times den Lebensrhythmus der Dorfbewohner angesichts der Tigergefahr. Schon ein bis zwei Stunden vor Einbruch der Dunkelheit verlassen sie ihre Baumwollfelder und suchen Schutz in ihren Hütten. Nachts ziehen Männer und Jugendliche mit Speeren und Knüppel bewaffnet rund um die Dörfer und versuchen mit viel Lärm, T 1 zu vertreiben. Morgens werden rund im die Felder erst einmal Knallkörper gezündet. Schlafmangel, Furcht und Sorge um Leib und Leben führten gar dazu, dass zornige Dorfbewohner das Wildhüter-Büro des Distrikts stürmten. KM Abharna, die zuständige Beamtin der lokalen Waldbehörde, versteht die Dorfbewohner. Sie gibt auch sofort zu, dass T 1 bislang gerissener ist als Wildhüter und trainierte Wildkatzenjäger: "Jeder Tiger kehrt dorthin zurück, wo er Beute gemacht hat. Aber T 1 lässt sich nicht blicken, sobald etwas ihren Argwohn erregt. Sie ist sehr wild – und sie ist sehr schlau."

Vier Mal hätten die Jäger sie um ein Haar erwischt. Einmal entpuppte sich die gefangene Wildkatze als Vater der beiden Jungtiere. Er wurde wieder freigelassen. Ein eigens herbeigerufener, staatlich geprüfter Tigerjäger musste kapitulieren. Er gelangte nicht ein einziges Mal auf 15 bis 20 Meter an T 1 heran – der Schussweite für Narkosegewehre. Wildhüter hocken auf Forstsitzen und behalten die Umgebung im Auge – ohne Fernglas. Nun sollen vier speziell ausgebildete Elefanten eine Treibjagd gegen die Menschenfresserin starten.

An der Täterschaft von T 1 gibt es keinen Zweifel. Der Grund: Die Behörden konnten sie anhand von DNA-Proben, Fellhaaren und Aufnahmen von den 60 versteckten Kameras im Waldgebiet überführen. Das Tigerweibchen machte in ihrem fünfjährigen Leben nicht die besten Erfahrungen mit Menschen. Ihre Mutter starb den Stromtod, als sie sich in einem der kruden Elektrozäune verfing, mit denen Bauern ihre Felder vor Wildschweinen schützen. T 1 lebte außerdem nie in einem Tigerreservat Indiens. Wie 30 Prozent aller Tiger Indiens versteckte sie sich in einem der zunehmend kleiner werden Waldgebiete des Landes.

"Die Lage unserer Tiger ist kein Erfolg, sondern ein Desaster", sagt Valmik Thapar, eine von Indiens bekanntesten Tigerexpertinnen. In Indien leben heute rund 2500, mehr als die Hälfte der weltweit noch 4500 Tiger. Die Tigerreservate sind nur kleine Inseln ohne Verbindung. Indiens Bevölkerungsexplosion und wirtschaftliche Entwicklung schränkt den Lebensraum der Wildkatzen zunehmend ein. Auch Indiens hindunationalistische Regierungspartei Bharatiya Janata Party und ihre Anhänger verschlimmern das Problem. Ihre Kampagne gegen das Schlachten der Kühe, die als heilig verehrt werden, führten zu einer Explosion der Rindviehzahlen in Indien. "Rund um die Wälder gibt es deshalb heutzutage mehr Beute für Tiger als in ihrem normalen Lebensraum", sagt ein Experte, "die Tiger bleiben und schon gibt es Probleme." Denn auch für Indien gilt: Wo Rindviecher sind, sind Menschen nicht weit.