Die USA im literarischen Spiegel

Michael Baas

Von Michael Baas

Do, 04. Januar 2018

Kultur

Literaturreihe "Wintergäste reloaded" startet in die dritte Saison.

Dieser Tage bestimmt vor allem einer das Bild der USA: Präsident Donald Trump mit seiner America-first-Politik, kryptischen Tweets und der Diffamierung von Kritik als Fake News. Aber es gibt auch ein anderes, reflektiertes, selbstkritischeres Amerika, eines das weit entfernt ist von Trumps eindimensionaler, unterkomplexer und auf kaufmännische Deals reduzierter Weltsicht. Hier knüpft die neue Spielzeit der Wintergäste reloaded an. In Bearbeitungen von Marion Schmidt-Kumke und Birgit Degenhardt, der Leiterin des Werkraums Schöpflin in Lörrach-Brombach, stellt diese dort, in der Druckereihalle im Ackermannshof in Basel und in der Reithalle im Riehener Wenkenpark und in Anlehnung an das Leitthema des Stimmenfestivals 2007, das sich damals musikalischen Facetten des anderen Amerikas widmete, in sechs Produktionen Texte US-amerikanischer Literaten vor, die differenziertere, andere Sichtweisen auf die Welt pflegen.

Amerika hat viele Gesichter, Trump ist nur eines davon

Die USA haben viele Gesichter. Da ist auf der eine Seite das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das bis heute Einwanderer, aber auch Forscher und Wissenschaftler aus aller Welt anzieht. Eine Nation, die für technologischen Fortschritt und Zukunftsoptimismus steht wie keine andere. Die USA sind aber auch ein Land mit unbearbeiteten historischen Bürden – von den Massakern an den indianischen Ureinwohnern über die Sklaverei und den bis heute virulenten Rassismus bis zur Unterstützung früher islamistischer Gruppen in Zeiten des Kalten Krieges. Gleichzeitig sind sie die Führungsmacht des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, der Befreier Europas von Diktatoren vom Schlage Hitlers oder Mussolinis, aber auch eine Gesellschaft, die im Namen von Freiheit und Demokratie fragwürdige Kriege geführt hat und führt, die den Besitz von Schusswaffen romantisch verklärt, die die Todesstrafe und den Rachegedanken pflegt und in der evangelikale Fundamentalisten mehr politischen Einfluss haben als sonst in säkularen Staaten.

Philip Roth (Jahrgang 1933), mit dessen Text "Die Demütigung" die Reihe beginnt, thematisiert das Scheitern des Individuums in diesem zwischen Freiheit und moralischem Rigorismus oszillierenden Kosmos. Für die Wochenzeitung "Zeit" ist der jüdische Schriftseller, der sich 2012 mit den Worten "I am done" vom Literaturbetrieb verabschiedete, angesichts seiner lakonischen Beschreibungen individueller Ohnmacht bis heute "der Größte". Das Scheitern einer Gesellschaftsordnung, die Orientierungslosigkeit einer Zivilisation und Schattenseiten des "American Way of Life" beschreibt auch Arthur Miller (1915 bis 2005) in seinem "Tod eines Handlungsreisenden" Im Zentrum des von Doris Wolters, Urs Bihler und Vincent Glander vorgetragenen Klassikers der Moderne steht der Vertreter Willy Loman, der an dem System und seinen eigenen Lebenslügen zerbricht.

Ein weiteres Beispiel des anderen Amerikas stammt von dem 1958 geborenen Georg Saunders, der als Türsteher, Dachdecker und Schlachthaushelfer anfing und inzwischen als einer der besten Satiriker der USA gilt. In dem von Christian Heller und Marie Jung vorgetragenen Text "Zehnter Dezember" beschreibt er Menschen, die der Alltag im Amerika des 21. Jahrhunderts überfordert. Die vierte Produktion basiert auf einem Text von Don DeLillo, der seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird. Der inzwischen 81-Jährige beleuchtet in seinen Texten Schattenseiten westlicher Zivilisationen – von Terror und Paranoia bis zur Opferung humaner Werte auf dem Altar des Profits. Die von Vincent Leitersdorf vorgetragene Erzählung "Der Engel Esmeralda" spielt im New Yorker Brennpunkt South Bronx und schildert die Szenerie aus dem Blick zweier Nonnen, die als Streetworkerinnen arbeiten.

Eine weitere Produktion basiert auf "The Girls", einem Coming-of-Age-Roman der 1989 geborenen Autorin Emma Cline, der im sommerlichen Kalifornien 1969 spielt und von einem Mädchen erzählt, das in Hippiekreise gerät und das Emilia Haag und Sibylle Mumenthaler in Szene setzen. Die abschließende Produktion basiert auf Toni Morrisons "Gott, hilf den Kind". Die farbige Autorin und Literaturprofessorin arbeitet seit Jahrzehnten die Rassenkonflikte in den USA auf und zeigt die tiefen Spuren, die diese bis heute in der amerikanischen Gesellschaft und ihren Protagonisten hinterlassen hat.

Wintergäste reloaded: 7. Januar bis 4. Februar, diverse Schauplätze in Lörrach und Basel. Infos: www. wintergaeste.com