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15. Juni 2012

Die Wittenweierer waren die Ersten

40 JAHRE GEMEINDEREFORM: Der kleine Ort sah keine Chance, selbstständig zu bleiben – und hielt deshalb schon früh Ausschau.

  1. Wilhelm Schlager, letzter Bürgermeister und erster Ortsvorsteher von Wittenweier. Foto: U. Derndinger

  2. Der kleinste Ort von Schwanau, Wittenweier, betrieb die Gemeindereform recht aktiv. Auf dem Bild ist das Rathaus zu sehen. Foto: Chr. Breithaupt

SCHWANAU-WITTENWEIER. Aller Anfang war in Wittenweier. Wilhelm Schlager (70) schreibt seinem Heimatdorf diese Rolle bei der Gemeindereform zu. Für die Wittenweierer gab es die Reform gleich im Doppelpack. Im Juli 1971 wurde es von Ottenheim eingemeindet, ein Jahr später vereinte sich das Duo zur neuen Gemeinde Schwanau mit Allmannsweier und Nonnenweier.

Der kleinste Ort im heutigen Viererverbund mit damals rund 500 Einwohnern hatte tatsächlich den ersten Schritt gemacht. Früh trat Wittenweier in die Verhandlungen ein. Warum, dazu sagt Schlager, letzter Bürgermeister und jahrzehntelang Ortsvorsteher: "Wir haben alle gewusst, dass wir allein keine Chancen haben." Also packte man das Schicksal beim Schopf, als die Forderungen nach der Zusammenlegung der Dörfer seitens der Landesregierung lauter wurden.

Wittenweier schickte Sondierungsbriefe. In den Rathäusern von Ottenheim und Nonnenweier trudelte am 4. März 1971 ein Schreiben ein: "Die Gemeinde Wittenweier beabsichtigt, sich mit einer Riedgemeinde in anbetracht der Gemeindereform, freiwillig auf den 1.1.1972 zu einer Eingemeindung zusammenzuschließen....Wir sind zu Verhandlungen gerne bereit und erwarten bis zum 1.4.1971 eine Antwort." Als Köder warf Wittenweier eine Investitionsrate von jährlich rund 200 000 D-Mark aus, mit der auf neun Jahre hin große Projekte gestemmt werden sollten. Auf dem Investitionsplan der Wittenweierer standen eine Mehrzweckhalle, die Kanalisation, der Elzsteg, die Verbindungsstraße nach Kippenheimweiler und eine Leichenhalle. Im Volksmund und in der Presse wurden die aufgestockten Landeszuweisungen für die freiwilligen Fusionen als "Brautgeld", "goldener Zügel", teilweise auch als "Abschlachtungsprämie" bezeichnet.

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Die Landesregierung hatte im Ried zwei Verwaltungsräume vorgesehen. Der südliche Raum sollte Meißenheim/Kürzell, das heutige Schwanau und Schutterzell umfassen. Mögliches Zentrum: Ottenheim oder Meißenheim. Doch in diese erwünschte Großreform grätschten Wittenweier und Ottenheim mit ihrem schnellen Zusammenschluss. Die Reaktionen auf die Briefe waren aus seiner Sicht eindeutig: "Die Ottenheimer zeigten sich sofort verhandlungsbereit", erinnert sich Wilhelm Schlager. Sie luden zu sich ein, die Wittenweier fanden es attraktiv, dass Ottenheim eine zentrale Position zugesprochen wurde.

Dagegen: "Nonnenweier hat sich geziert", umschreibt Schlager die Haltung des direkten Nachbarn. Noch bevor eine Antwort aus Nonnenweier gekommen war, hatte Ottenheim die Wittenweierer flugs am 23. April 1971 zum zweiten Mal eingeladen, um die Eingliederung nach Ottenheim konkreter zu beraten. Indes lehnte Nonnenweier auf den letzten Drücker am 30. April die Fusion mit Wittenweier ab. Im Nonnenweierer Gemeinderatsprotokoll steht: "Einstimmig ist der Gemeinderat der Meinung, dass man diese so wichtige Sache nicht überstürzen darf und abwarten, wie sich diese Reform im Laufe der Zeit entwickelt, zumindest im Laufe des Jahres." Wilhelm Schlager hat dafür seine eigene Lesart: "Nonnenweier hat’s verschlafen. Die haben uns nicht wollen, weil wir Schulden gehabt haben." Es gibt noch heute nicht wenige Nonnenweierer, die der Meinung sind, dass das Diakonissendorf es zum Verwaltungssitz bringen hätte können – wenn es nur mit Wittenweier in die Offensive gegangen wäre.

Zurück zu Wittenweier. Die Bürgeranhörung am 18. Juli 1971 brachte ein klares Ergebnis. Die Wittenweierer gehen zu Ottenheim (siehe Info). Mit dem eindeutigen Votum im Rücken haben der Gemeinderat Wittenweier und der Gemeinderat Ottenheim der Fusion zugestimmt. Der Eingemeindungsvertrag zwischen den beiden wurde am 22. Juli 1971 unterzeichnet. Er trat zum 1. Dezember 1971 in Kraft. Die Gemeinde Ottenheim, mit dem Ortsteil Wittenweier war geboren.

Doch hier war nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Verhandlungen gingen munter weiter. Schon am 17. Januar 1972 kamen die Bürgermeister von Allmannsweier, Nonnenweier, Ottenheim und Meißenheim sowie der Ortsvorsteher von Wittenweier in Ottenheim zusammen. Auch der Lahrer Landrat Georg Wimmer war vor Ort. Es sollte vorangehen. In Richtung Südgemeinde. Der O-Ton der Sitzung: Man werde um eine Neubildung einer Gemeinde nicht herumkommen. Möglicher Name: Schwanau. Am 12. März 1972 wurden schließlich alle Bürger des südlichen Rieds befragt. Die heutigen vier Schwanauer Ortsteile sagten Ja, Meißenheim und Kürzell stiegen mit einem lauten Nein aus.

Am 28. März 1972 wurde schließlich feierlich die Vereinbarung zur Schaffung einer neuen Gemeinde namens Schwanau unterzeichnet. Wittenweier hatte tatsächlich den ersten Schritt im südlichen Ried getan. Sicher, er habe auch manchmal Bedenken gehabt, dass man als kleinster Ort als fünftes Rad am Wagen behandelt werde, sagt Wilhelm Schlager. Aber eines, das dürfe Wittenweier eben doch für sich verbuchen, sagt der Alt-Ortsvorsteher: "Wir sind die Triebfeder von Schwanau."

WITTENWEIER: SO WÄHLTE WITTENWEIER

Fusion mit Ottenheim: Von 270 abgegebenen Stimmen waren 246 Personen für den Zusammenschluss. Die Wahlbeteiligung lag bei 77 Prozent. Fusion zur Gemeinde Schwanau: 69 Prozent der Bevölkerung stimmte für die Fusion, bei einer Wahlbeteiligung von 22 Prozent.

Der Gemeinderat war einstimmig für die Fusion zu einer südlichen Großgemeinde.  

Autor: ude

Autor: Ulrike Derndinger