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18. August 2012 00:02 Uhr

Südafrika

Die Wut der Kumpel von Marikana

Der erbitterte Streik in einer Platinmine westlich von Pretoria hat sich zu den blutigsten Unruhen seit dem Ende der Apartheid entwickelt. Der Streit um mehr Lohn eskalierte, 35 Menschen starben.

  1. Auch die Bergarbeiter sind bewaffnet. Das Foto stammt vom Mittwoch, einen Tag vor der Eskalation. Foto: dapd

Solche Bilder schienen in Südafrika längst der Vergangenheit anzugehören. Behelmte Polizisten, manche mit weißen Gesichtern, stehen mit automatischen Gewehren im Anschlag einer Macheten und Speere schwingenden Menschenmenge gegenüber. Die dunkelhäutigen Minenarbeiter singen Lieder, tanzen Kriegstänze, schlagen in monotonem Rhythmus ihre traditionellen Waffen gegeneinander. Plötzlich fällt ein Schuss – ob aus den Reihen der Polizisten oder der Kumpel, wird sich wohl niemals sagen lassen. Es folgt ein Trommelfeuer aus Polizeigewehren, das fast eine Minute anhält. Als sich der von fliehenden Demonstranten aufgewirbelte Staub verzogen hat, sind auf dem trockenen Boden Dutzende von leblosen Körpern auszumachen: Mindestens 34 Personen, wird die Polizei später mitteilen, seien an Ort und Stelle gestorben, 78 Menschen wurden teils schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert.

"So etwas haben wir seit den Massakern der Apartheidspolizei 1960 in Sharpeville und dem Schüleraufstand in Soweto 1976 nicht mehr gesehen", tobt ein Politiker der oppositionellen Splitterpartei Azapo. Was sich am Donnerstagnachmittag auf einem Hügel nahe der Platinmine Marikana, rund hundert Kilometer nordwestlich von Johannesburg, abspielte, löst in Südafrika ungläubiges Entsetzen aus. Keiner der Proteste, von denen das Kap der Guten Hoffnung auch seit dem politischen Umbruch im Jahr 1994 immer wieder erschüttert wird, endete in einem Blutbad solchen Ausmaßes.

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Gewerkschaft nimmt Polizei in Schutz

Die Eskalation kam nicht ohne Warnung. Schon seit einer Woche stehen sich in der Umgebung der Platinmine des britischen "Lonmin"-Konzerns Polizei und streikende Kumpel gegenüber. Die Grubenarbeiter fordern eine Erhöhung ihres Gehalts von monatlich rund 400 Euro auf mindestens 1200 Euro. Eine Forderung, der sich nicht einmal die Minengewerkschaft NUM anschloss. Dort spricht man von einem wilden Streik.

Schon Ende voriger Woche kam es in Marikana zum ersten blutigen Zusammenstoß, als die Streikenden zwei Sicherheitsleute der Platinmine töteten. Grubenarbeiter, die sich dem Ausstand nicht anschließen wollten, wurden zur Zielscheibe von Repressalien. Schließlich geriet die zu Hilfe gerufene Polizei mit den wütenden Kumpel aneinander; sechs Bergleute, zwei Wachmänner und zwei Polizisten starben am Montag. "Was hätten wir denn anderes tun sollen?", rechtfertigte sich Polizeiminister Nathi Mthetwa nach dem Blutbad vom Donnerstag. Seine Truppen hätten die Kumpel zur Abgabe ihrer Waffen aufgefordert, seien dann aber selbst unter Beschuss geraten.

Die Sicherheitskräfte werden sogar vom Chef der Minengewerkschaft NUM in Schutz genommen. "Die Polizei tat alles, was sie konnte", sagt Generalsekretär Frans Baleni. "Doch diese Leute waren mit gefährlichsten Waffen bewaffnet." Die Grubenarbeiter ihrerseits fühlen sich von der traditionsreichen Minengewerkschaft immer schlechter vertreten. "Die Gewerkschaften haben den Draht zu ihren einfachen Genossen verloren", weiß der Johannesburger Politologe Steven Friedman. Auch ein ehemaliges NUM-Mitglied, das sich der neugegründeten Vereinigung von Minenarbeitern und Baugewerkschaft (AMCU) angeschlossen hat, ist desillusioniert: "Für uns hat sich nichts geändert, nur die Leute über uns. Und die kriegen nur immer mehr Geld."

Tatsächlich vergrößert sich die Kluft zwischen der – nur um etliche schwarze Gesichter bereicherten – Elite des Landes und den arbeitslosen oder schlecht bezahlten Massen täglich. Auch wird den Minengesellschaften vorgeworfen, ihre Versprechen zur Verbesserung des Lebensstandards ihrer Angestellten partout nicht einzuhalten. "Wir stellen zunehmend Wut und Verzweiflung gegenüber den Minengesellschaften und der Regierung fest", sagt John Capel von der Bench-Mark-Stiftung, die ihr Augenmerk auf die Bevölkerung in den Minengebieten gerichtet hat: "Wir warnen schon seit Jahren vor derartigen Revolten." Die Minenbetreiber selbst verweisen unterdessen auf steigende Produktionskosten und fallende Preise. Die Bergwerke müssen immer tiefer gehen, der Strom wird teurer und die Lohnforderungen werden höher.
Platin

Südafrika ist der weltgrößte Lieferant von Platin, einem Edelmetall, das etwa in der Herstellung von Schmuck, Zahnimplantaten, aber auch von Katalysatoren für Autos verwendet wird. 95 Prozent der Weltreserven an Platin-Metallen werden in Südafrika vermutet. Laut den Daten des geologischen Dienstes der USA (USGS) wurden 2010 in Südafrika rund 148 000 Kilogramm Platin gefördert. Weit dahinter lagen Russland mit 25 000 Kilogramm und Simbabwe mit 8 500 Kilogramm.

(dapd)

Autor: Johannes Dieterich