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04. August 2012

"Diese kindischen und barbarischen Wettkämpfe"

Die Dichter der deutschen Klassik waren gegen Olympia und die griechische Körperkultur – weil sie selbst den ganzheitlichen Menschen erfinden wollten.

  1. Actress Ino Menegaki, in the role of the High Priestess, lights the torch of the Olympic Flame during the Lighting Ceremony of the Olympic Flame for London Summer Olympics 2012, in front of Hera Temple in Ancient Olympia, Greece, 10 May 2012. The flame will be handed over to the first torchbearer, Greek world champion swimmer Spyros Gianniotis before making a 1,800-mile journey through the country using 490 torchbearers. It will then be handed to London organizers on May 17 in Athens' Panathiaic Stadium, where the first modern games were held in 1896. The London Games will be held from July 27 until August Foto: dpa

  2. Olympiagegner Schiller: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Foto: dpa

  3. - Foto: -

An sich hätte der olympische Gedanke den Dichtern der deutschen Klassik gefallen müssen. Doch sie polemisierten gegen den Körperkult der Griechen – weil sie ihre eigenen Vorstellungen vom ganzheitlichen Menschen hatten. Eine philologische Betrachtung.

Der Schuster Hans Sachs glaubte 1545 noch, die Olympischen Spiele hätten "bey Olimpo, dem hohen berck" stattgefunden. Mit einer Spruchdichtung über das Fechten wollte der Meistersinger dieser Kampfform eine überzeugende nichtmilitärische Geschichte verschaffen. Dass er dafür "iren ersten ursprung" in den "olimpischen kampff" verlegte, zeigt zum einen: Es hat in der Frühen Neuzeit ein Wissen über die Spiele der Alten gegeben. Es zeigt zum anderen aber auch, wie löchrig dieses Wissen war. Denn nicht nur der Ort wurde um 300 Kilometer verfehlt. In Olympia wurde auch nicht gefochten. Aber immerhin rückte Olympia zu Sachs’ Zeiten zaghaft wieder ins Blickfeld. Die Bruchstücke, die im europäischen Gedächtnis erhalten geblieben sind, wurden mit der Relektüre der antiken Überlieferung ergänzt – ohne dass jedoch ein überzeugendes Gesamtbild entstand. Wenig später gab es Wiederbelebungsversuche wie die Cotswold Olimpick Games, die Sackhüpfen, Stockfechten und Windhundrennen vereinten. Shakespeare soll diese Spiele besucht haben; jedenfalls werden sie in den "Lustigen Weibern von Windsor" erwähnt.

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Auf die Entstehung der modernen Olympiabewegung hatte das wenig Einfluss. Erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts überstürzten sich die Ereignisse, nachdem der Ort der Spiele 1766 wiederentdeckt und 1814 vermessen wurde. Der Reiseschriftsteller und Gartenarchitekt Fürst Pückler-Muskau trug sich mit dem Gedanken, aus Olympia einen Archäologie-Park zu machen. Aber erst 1875 wurde damit begonnen, die alte Kult- und Wettkampfstätte auf dem Peloponnes systematisch auszugraben. Dass diese Initiative vom soeben gegründeten Deutschen Kaiserreich ausging, veranlasste Pierre de Coubertin, der dadurch zum Gründungsvater der neuen Spiele wurde, seine Idee aus der Konkurrenz der verfeindeten Staaten zu begründen: Deutschland habe das alte Olympia ausgegraben, Frankreich solle nun die "alte Herrlichkeit" wiederherstellen.

In der entscheidenden Phase hat die schöne Literatur diese Wiederbelebung Olympias auf bizarre Weise unterstützt. Die längste Einlassung stammt von Christoph Martin Wieland, dem besten Kenner der Griechen unter den Autoren seiner Zeit. In seinem Roman "Aristipp" , der die Gegenwart kritisch in der Antike spiegelt, verwendet er ein ganzes Kapitel darauf, das körperliche Griechenland zu degradieren. Man könne nicht aus der Welt gehen, ohne die Spiele in Olympia gesehen zu haben, erklärt der Held, notiert dann aber voller Befremden, diese "kindischen und barbarischen Wettkämpfe" seien ein "widersinnisches Schauspiel". Die Griechen führten sich alle vier Jahre auf wie eine "Horde roher Wilder, von einem allgemeinen Wahnsinn befallen".

Ein anderer Weimarer Wahlbürger, Johann Gottfried Herder, investierte ebenfalls literarisches Kapital in die Abwehr der olympischen Leibeskultur, schlug dabei aber eine feinere Klinge: Im Gedicht "Das innere Olympia" verlegte er den Wettkampf auf den Schauplatz der Seele. Herder schien dem antiolympischen Bollwerk misstraut zu haben, das er selbst in den "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" errichtet hatte. Dort zählte er die Spiele zwar unter die Hauptstücke der Alten, tat sie aber als unwiederholbar ab.

Dass mit Friedrich Schiller auch ein dritter Weimarer Klassiker der Olympia-Idee nicht freundlich gesonnen sein konnte, wird klar, wenn man sich das antisportive Programm seines Wallenstein vor Augen führt: Es sei "der Geist, der sich den Körper baut". Schiller forderte gar, "unsern physischen Zustand (...) als etwas auswärtiges und fremdes" zu sehen und den Körper als "furchtbaren Feind" niederzuhalten. Sein Gegenprogramm zu Olympia lautete: Der Mensch zeigt sich nur in der "anmutigen Bewegung" als Mensch. Die aber ist "schöner Ausdruck der Seele", der allein durch die Kunst zu beeinflussen ist.

Es verwundert allerdings, dass Schiller die Olympischen Spiele mit ihren "unblutigen Wettkämpfen der Kraft, der Schnelligkeit, der Gelenkigkeit" in seiner theoretischen Hauptschrift "Über die ästhetische Erziehung" lobt und gar der Schönheit nahe rückt, die damals im Mittelpunkt der Debatten um Moral und Humanität stand. Die Einschränkung folgt allerdings auf dem Fuß: Körperliche Übungen führten zwar zu "athletischen Körpern", doch allein "das freye und gleichförmige Spiel der Glieder" zeige die Schönheit.

Warum stellte Schiller Olympia in die Nähe von Schönheit und Freiheit, nur um es daraus wieder zu entfernen? Warum entwickelten Wieland und Herder verzwickte Abwehrstrategien gegen das körperliche Griechenland? Weil einer der wirkungsmächtigsten Texte der Zeit, der die Antikerezeption in neue Bahnen lenkte, sie dazu zwang: Winckelmanns Gedanken über die "Nachahmung der griechischen Werke in Malerei und Bildhauerkunst". Der Autodidakt aus Stendal, der selbst kräftig für die Ausgrabung Olympias geworben hatte, gab als Parole aus, unnachahmlich werde man nur durch "die Nachahmung der Alten", besonders ihrer Plastiken, die das Schöne in Idealform zeigten. Maßgeblich seien die "frühzeitigen Leibesübungen" gewesen. Diese hätten den Körpern ihre "edle Form" gegeben, die von den Künstlern in den Gymnasien und bei Olympia unmittelbar studiert werden konnte. Wielands "Aristipp" sah in Olympia allein zu "unförmlichen Klumpen zusammengeschlagene" Leiber.

Auch wenn Winckelmanns Nachahmungsappell nicht auf die Olympischen Spiele zielte, platzierte er diese doch unter den Ermöglichungsbedingungen des Idealschönen, dass jeder, der eine Plastik mit seinen Augen ansah, unweigerlich an die bewegten Körper in Olympia erinnert werden musste – und an deren Fehlen in der Gegenwart. Dadurch aktivierte Winckelmann das antike Bildungsideal der Kalokagathie, das Leib und Seele verband. Dass sich damit die Leibesübungen als Mittel zur Heilung jenes Risses anboten, der spätestens seit Descartes’ radikaler Trennung von Geist und Körper durch das Selbstbild des Menschen ging, war ganz und gar gegen die Interessen der schönen Literatur. Denn sie war um 1800 dabei, sich als autonomes System neu zu erfinden und erhob selbst einen Anspruch auf die Wiederherstellung des ganzen Menschen.

Zu dieser Erneuerung geriet das Griechenland, das Winckelmann in die Debatten über Menschenbildung und Humanität gehoben hatte, in Konkurrenz und musste abgewertet, abgedunkelt und umdefiniert werden; oder gleich gelöscht wie von Hölderlin, der in seiner "Geschichte der schönen Künste unter den Griechen" noch ein treuer Schüler Winckelmanns gewesen war: "Die Olympischen Spiele hatten großen Einfluss auf die Kunst." Im Roman "Hyperion" wird das körperliche Griechenland dann einfach verschwiegen, selbst dort, wo der Held Olympia besucht.

Und Hölderlins Übersetzung von Pindars 10. Olympischer Ode bricht just dort ab, wo Geschichte und Praxis der Spiele hätten übertragen werden müssen. So steht die "harte Fügung" in Hölderlins Versen, die als Resultat seiner Pindar-Rezeption ausgemacht wurde, zugleich für jene "harte Fügung", mit der die Kulturen des Geistes und des Körpers um 1800 aufeinanderprallten. Und Goethe? Der hat sich in die antiolympische Fronde nicht eingereiht und statt dessen einer ebenso intensiven wie unüblichen Leibespraxis mit Winterwandern, Eislaufen und Schwimmen gefrönt.

Der von der Antikerezeption geförderte Bewegungsdrang, der sich auch bei etlichen anderen Autoren findet, führte eher als ins Leben in die Texte. So begründete Klopstock seine völlig neuen Versmaße aus seiner Eislauferfahrung und revolutionierte damit die deutsche Lyrik. Die Dichtung wurde im Ganzen beweglicher; viele der alten starren Normen wurden aufgebrochen, und die "geistige Gymnastik" (Jean Paul) war – anders als die bornierte "geistige Turnübung" später – eine positive Metapher.

Trotz dieser Anverwandlung ins Eigene hat die Weimarer Klassik der Erfolgsgeschichte Olympias aber andererseits auch auf die Sprünge geholfen. Das hohe Prestige, das die Hellenen als "höhere, reinere Menschheit" (Friedrich Schlegel) mit Hilfe der Literatur erlangten, konnte die zeitgleich erwachende Leibespädagogik, die ebenfalls den ganzen Menschen ins Auge fasste, voraussetzen. So interpretierte Johann Christoph Friedrich GutsMuths, der wichtigste Bewegungslehrer der Zeit, bei dem sich der spätere Turnvater Jahn seine Grundausbildung holte, Winckelmann mühelos um: Es sei "endlich einmal Zeit, die Griechen im Nachahmungswürdigsten nachzuahmen": Und das sei Olympia und die Bewegungskultur.

Wieland indes blieb bei seiner Abneigung: "Die Griechen", schrieb er, während er am "Aristipp" arbeitete, "sind am Ende doch ein wahres luftiges Lumpengesindel gewesen und können die Hochachtung nicht verdienen, die man ihnen gerade jetzt zollt."

Autor: Thomas Schmidt


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