ZfP in Emmendingen

Dieses Jahr sind schon über 100 Patienten aus der Psychiatrie geflohen – auch verurteilte Straftäter

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Fr, 07. September 2018 um 09:27 Uhr

Emmendingen

Etwa alle zweieinhalb Tage flieht ein Patient aus dem Emmendinger Zentrum für Psychiatrie, statistisch gesehen. Die meisten Entwichenen sind harmlos – doch auch Kriminelle sind auf freiem Fuß.

Das geht aus einer Antwort des Stuttgarter Sozialministeriums auf eine BZ-Anfrage hervor. Die meisten Entwichenen sind harmlos. Doch auch vier Straftäter sind nach wie vor auf freiem Fuß – laut ihren Ärzten sind sie nicht "akut gefährlich".

Er sägt keine Gitterstäbe durch, er klettert über keinen Zaun. Er sagt, dass er an die frische Luft will. Und kommt nicht mehr zurück: Im Februar macht die Flucht des Straftäters Petru Daniel B. Schlagzeilen. Das Landgericht hatte ihn verurteilt, weil er in Rheinfelden mit dem Auto den neuen Partner seiner Ex-Freundin schwer verletzt hatte. Nach Emmendingen kam er, weil ihm ein Gutachter eine Persönlichkeitsstörung attestiert hat. Zehn Monate nach der Verurteilung gewähren ihm seine Ärzte Ausgang auf dem Klinikgelände. "Irrer Raser flieht aus Psycho-Knast", schreibt die Bild.

Die Flucht ist kein Einzelfall, wie das Sozialministerium in Stuttgart bestätigt. Nicht alle entwichenen Patienten sind Straftäter: Stand Ende August hatte das ZfP in 106 Fällen Fahndungen ausgelöst. 86 Flüchtige waren im Krankenhausbereich untergebracht. In diesem werden aktuell rund 530 Patienten behandelt – wegen Depressionen, wegen bipolarer Störungen, wegen Suchtproblemen. 49 Entwichene waren freiwillig dort, 37 auf Anordnung. 66 Mal wurde die Fahndung wegen möglicher Selbstgefährdung eingeleitet, 20 Mal wegen möglicher Selbst- und Fremdgefährdung. Hochgerechnet aufs Jahr entsprechen diese Zahlen laut Ministerium denen des Vorjahres, im Vergleich zu 2016 seien sie deutlich niedriger. Angaben, wie viele Patienten zurückkehrten, liegen nicht vor.

20 Insassen flohen in diesem Jahr aus der Forensik. Im Maßregelvollzug sind derzeit 176 Menschen untergebracht, die Straftaten begangen haben, wegen Erkrankung oder Sucht aber nicht ins Gefängnis gesteckt wurden – auch Mörder. Die Fenster sind vergittert. Trotzdem weist das Ministerium darauf hin, dass Patienten keine Gefangenen sind. "Der Maßregelvollzug ist kein Strafvollzug, sondern hat rehabilitativen Charakter", schreibt Ministeriumssprecher Markus Jox. Zur Behandlung gehören auch Lockerungen. "Jeden Tag werden Patienten die Türen aufgeschlossen, um an ihre Therapiestätten zu gelangen, extern zu arbeiten, am Sport teilzunehmen oder einfach um sich zu bewegen oder einen Kaffee zu trinken", teilt ZfP-Sprecherin Meike Breithaupt mit. Bei fortgeschrittener Therapie könnten sogar Tages- oder Wochenendurlaube genehmigt werden.

Klinik: Lockerungen sind wichtig für Therapie

Insgesamt, teilt sie mit, werden pro Jahr mehrere zehntausend kleinere und größere Lockerungen gewährt. Entweichungen seien selten und nicht zu verhindern – "es sei denn um den Preis einer dauerhaften völligen Einschließung, die therapeutische Veränderungen unmöglich machen würde und deshalb, außer bei stark rückfallgefährdeten Patienten, ungesetzlich wäre". Laut Erklärung des Ministeriumssprechers sind Entweichungen "sozusagen systemimmanent".
Entflohene beunruhigten die Emmendinger schon vor Jahren – aber nicht jeder Polizeihubschrauber sucht einen ZfP-Insassen. Mehr dazu

19 der 20 in diesem Jahr geflohenen Forensik-Patienten nutzen eine solche Lockerung. Zwölf brachte die Polizei zurück, drei meldeten sich freiwillig wieder, in einem Fall kam der Entwichene ins Gefängnis. Der im Februar geflohene Petru Daniel B. wurde im April festgenommen.

Vier Entflohene sind nach wie vor auf freiem Fuß. Laut Ministerium sind zwei von ihnen suchtkrank. Einer wurde wegen Trunkenheit im Verkehr, der andere wegen schweren Raubes verurteilt. Einer der beiden anderen, psychisch kranken Patienten war wegen Bedrohung, Beleidigung und Nötigung untergebracht, der andere wegen "einer körperlichen Attacke in einer Beziehung", sagt Ministeriumssprecher Jox. "Es war weder Mord noch Totschlag." Insgesamt seien diese Flüchtigen zwischen fünf Monaten und vier Jahren in der Klinik untergebracht gewesen.

Laut Ministerium sind in den vergangenen fünf Jahren zwischen 12 und 25 Forensik-Patienten entwichen. Vergleichszahlen aus anderen Kliniken nennt das Ministerium nicht: Was eine Entweichung sei, heißt es, sei nicht exakt und einheitlich definiert.

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