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27. Juni 2012
Der andere Pionier
Christof Stoll baute den Familienbetrieb zum international agierenden Konzern auf / Am Donnerstag wäre er 100 Jahre alt geworden.
WALDSHUT-TIENGEN (pk). Er war ein erfolgreicher Unternehmer, ein grüner Vordenker und eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten: Am Donnerstag jährt sich der Geburtstag von Christof Stoll zum 100. Mal.
Der aus Hamburg angereiste Journalist wunderte sich. Die Werksbesichtigung begann im Stall, statt bequem gepolsterten Bürostühlen wurden ihm Schweine, Hühner, Wallach Max und ein Mohrrübenfeld vorgeführt. "Bei Stoll in Waldshut, an der Grenze zur Schweiz, geht’s anders zu als anderswo. Gesundheit zählt mehr als Geld", war 1988 in der Zeit zu lesen.200 Hühner und einige Schweine gibt es bei Sedus Stoll immer noch. Die Eier und das Gemüse aus dem sechs Hektar großen Betriebsgarten landen in der Kantine, die Schweine fressen die Gemüseabfälle. Seit den 40er Jahren werden Mitarbeiter und Besucher mit Vollwertkost aus dem eigenen ökologischen Anbau versorgt. Wer sich richtig ernährt, lebt zufriedener und gesünder. Das nützt ihm selbst – und dem Unternehmen. Nur der Flachshof, das ökologische Versuchsgut bei Jestetten, wurde 2005 verkauft. Er war nicht rentabel.
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Der Mann, der dem 1872 gegründeten Familienbetrieb dieses ungewöhnliche Denken verordnete, war Christof Stoll. Als Unternehmer schuf Stoll die Grundlagen für den strategischen Ausbau und die internationale Ausrichtung des Büromöbelherstellers, der heute in Deutschland einer der größten der Branche ist und weltweite Bedeutung hat. Mit dem Hauptsitz in Waldshut/Dogern zählt die Sedus Stoll AG zu den wichtigsten Arbeitgebern in Region.
Als Mensch verband Stoll die Denkschule der Kybernetik, die nach dem Zusammenspiel der Kräfte sucht, mit dem Humanismus und der anthroposophischen Lehre von Rudolf Steiner.
Ökonomie und Ökologie schließen einander nicht aus, sondern sind unverzichtbare Teile eines Ganzen, davon war der Fabrikant schon sehr früh überzeugt. Ein Industriebetrieb ist keine Wohltat für die Natur, das wusste er. Doch Wasser und Luft sollten nicht mehr geschädigt werden als unbedingt notwendig. "Umweltverschmutzung entsteht aus Egoismus. Man ist darauf bedacht, seinen Dreck loszuwerden, ohne zu bedenken, wie er anderen, der Gesamtheit also, schadet", erklärte Stoll in der Zeit. Für diese Einsicht – und die daraus folgenden Taten – wurde er 1993 vom Wirtschaftsmagazin Capital und vom World Wide Fund for Nature als Ökomanager des Jahres ausgezeichnet.
Christof Stoll war 25 Jahre alt und hatte gerade sein Betriebswirtschaftsstudium an der Universität Heidelberg abgeschlossen, als er nach dem Tod seines Vaters Albert 1937 die Geschäftsführung übernahm. 1956 schied der Bruder Albert als Gesellschafter aus dem Unternehmen aus. Er hatte bereits vor dem 2. Weltkrieg im Schweizer Koblenz eine eigene Firma mit der Marke Giroflex gegründet. Das Erbe wurde erst 1958 zwischen den Söhnen aufgeteilt: Christof Stoll führte das Werk in Waldshut, Martin Stoll das Werk in Tiengen, das 2006 den Betrieb einstellt. Gleichzeitig wurde in der Firma Christof Stoll die Marke "Sedus" geschaffen. Für das Unternehmen prägte der Querdenker das Prinzip des "dynamischen Sitzens", für das sein Vater Albert nach einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten mit der Entwicklung des neigbaren Holzdrehstuhls "Federdreh" die Grundlage geschaffen hatte. Es war der erste gefederte Drehstuhl weltweit.
Von Christof Stoll kamen immer neue Impulse, die physiologischen Bewegungsabläufe so gut wie möglich durch eine ergonomisch optimierte Sitzmöglichkeit zu unterstützen. Wirbelsäule und Bandscheiben sollte es angenehm wie möglich haben.
Da Christof und Emma Stoll, die seine Ideen teilte, keine Kinder hatten, gründeten sie 1985 die Stoll Vita Stiftung, die 50 Prozent der Firmenanteile hält. Mit der Stiftung wollte sie dafür sorgen, dass ihre Ideale im Unternehmen verankert bleiben. Sie waren zudem eine der Ersten, die in der deutschen Wirtschaft die Mitarbeiterbeteiligung am Unternehmenserfolg einführte. Am 7.Mai 2003 starb Christof Stoll im Alter von 90 Jahren, seine Frau Emma wurde ebenfalls 90 Jahre alt. Sie starb im März 2010.
Die Stiftung hat die Aufgabe, ihr Lebenswerk fortzuführen und für die Verwirklichung ihrer Gedanken "zum richtigen Leben" zu werben durch Förderung der Wissenschaft, der Gesundheitspflege, der Bildung, der Tier- und Pflanzenzucht, des Umwelt- und Naturschutzes und der Landschaftspflege.
Die Ideen von Christof Stoll sind populär geworden. Ihn würde das freuen. Am morgigen Donnerstag wäre der Unternehmer mit den innovativen Ideen 100 Jahre alt geworden.
SEDUS STOLL
Die Sedus Stoll AG erzielte 2011 einen Umsatz von 159,2 Millionen Euro. Das entspricht einem Zuwachs von 4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Jahresüberschuss (nach Steuern) konnte von 2,2 Millionen auf 2,5 Millionen Euro gesteigert werden. Der Cashflow blieb stabil bei neun Prozent, die Eigenkapitalquote stieg von 47,5 Prozent auf 49,5 Prozent der Bilanzsumme. Sedus Stoll will sein Exportgeschäft jenseits von Europa in der nächsten Zeit deutlich erhöhen, im Visier sind vor allem die Märkte in Asien und Australien. Derzeit beträgt der Exportanteil beträgt 39,2 Prozent. 876 Mitarbeiter (ohne Auszubildende) werden im Konzern beschäftigt.
Autor: BZ
Autor: bz





