Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
07. Januar 2010 00:06 Uhr
Medien
Doku-Soaps: Big Brother’s missratene Familie
Frauentausch, Bauerntricks und jede Menge Exhibitionisten und Voyeure: TV-Doku-Soaps und die "mediale Klassengesellschaft" – eine kritische Betrachtung von Alexander Dick.
Kann schon sein, dass sich das deutsche Familienleben in etwa so abspielt: Sie schrubbt die verdreckte Toilette. Er sitzt mit der jüngsten Tochter im Kleinkind-Alter auf der rosabonbonfarbenen Möbeldiscounter-Couch. Sie sagt, sie hat die Nase voll und stellt sich vor ihn. Er: Sag mal, war Dein Vater ein Glaser? Sie: Wieso? Er: Weil Du vor dem Bildschirm stehst. Sie: Das ist mir jetzt egal. Er: Die Kleine will aber "Pippi" sehen. Sie: Die Kleine soll nicht so viel fernsehen. Du liegst nur auf der Couch, ich brauch’ mal ein bisschen Hilfe hier. Er: Ja, dann such’ dir doch mal jemand.
Wenn Sie nach diesen Zeilen am liebsten gleich aussteigen würden, können wir es Ihnen nicht verdenken, raten Ihnen aber trotzdem: Bleiben Sie dran. Im übrigen zitieren wir nur aus einer Folge der RTL-2-Doku-Soap "Frauentausch" von dieser Woche, in der Mia – "eine sehr attraktive allein erziehende Mutter von drei Töchern" (RTL 2) aus der Nähe von Augsburg ihren Platz für eine Woche mit Alexandra aus Cuxhaven tauscht. Diese wiederum steht kurz vor der Trennung von Jörg, einem "echten Machopapa" (RTL 2), welchem wir gerade im Dialog mit Mia begegnen durften.
Werbung
Leider müssen wir an dieser Stelle ausblenden, wollen aber nicht verschweigen dass Mia, die von den RTL-2-Zuschauern übrigens zur attraktivsten Tauschmutter (aller Zeiten? aller Privatsender?) gewählt wurde, nicht so schnell klein beigeben wird. Sie zieht sich mit Jörgs ältester Stieftochter zurück. "Ein Vier-Augen-Gespräch soll die Wahrheit an den Tag bringen", sagt die Stimme aus dem Off im Tonfall einer Supernanny verschwörerisch...
Was freilich ist Wahrheit bei den so genannten Doku-Soaps, zu deren Familie die "Frauentausch"-Episode 93 – eine Wiederholung aus dem Jahr 2006 – gezählt werden darf? Was ist Doku – und wo werden Zuschauer und Mitwirkende eingeseift? Eine pauschale Antwort gibt der München-Grünwalder Sender, der auf seiner Homepage 16 solcher Formate – von "Ärger im Revier" bis zu "Zuhause im Glück" – ausweist, mit seinem Sendemotto selbst: "It’s fun". Über Spaß wiederum lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Und auch darüber, mit welchen Mitteln er generiert wird und auf wessen Kosten.
ZUSCHAUER WOLLEN BETROGEN WERDEN
Schon seit langem machen selbst die Sender keinen Hehl mehr daraus, dass die Personen und ihre Konflikte in so mancher Doku-Soap frei erfunden sind. "Scripted Reality" nennt sich ein solches Format, das eine Scheinrealität suggeriert. Im Nachspann mancher Doku-Soap wird dies sogar angezeigt. Doch wer dahinter Zuschauerbetrug vermutet, wird nicht zuletzt durch die Einschaltquoten mit einer anderen Wahrheit konfrontiert. Die Zuseherwelt in den einschlägigen Milieus will offenbar betrogen werden, und sei es mit einer erfundenen Realität, die der ihren fast aufs Haar gleicht, nur dass sie vielleicht noch ein bisschen überspitzter funktioniert.
Verständlich. Denn letzten Endes ist gar nicht entscheidend, ob die Familien von Mia und Andrea für die Teilnahme eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 1500 Euro erhalten oder ob der Sender noch ein bisschen was drauf legt, wenn die Akteure einer Art Drehbuch folgen. Gut ist, was eingeschaltet wird. "Frauentausch" dümpelt da im Moment mit alten Folgen noch etwas im Keller, auch wenn der Sender die durchschnittliche Sehbeteiligung im Moment mit 7,9 Prozent recht euphemistisch beziffert. Eine neue Staffel mit ein paar Änderungen könnte schnell neue Akzeptanz bescheren.
Die Welt der Doku-Soaps ist ebenso bunt wie kurzlebig. Kurz vor Weihnachten noch wurde heftig über "Bauer sucht Frau" diskutiert. In kaum zu überbietender Scheinheiligkeit enthüllte Bild am Ende der Staffel "die Bauerntricks von RTL". Das Blatt, das wochenlang mit "allen Infos zur Serie" aufwartete, offenbarte seinen Lesern "die ganze Wahrheit über die liebeshungrigen Landwirte" und ihre Bräute: Der eine war gar kein Single, der andere hatte keinen Hof mehr, und eine Kandidatin arbeitet im richtigen Leben als Prostituierte. Da konnte sogar Bild nur noch ein dickes Ausrufezeichen setzen – pfui!
WER LEGT DIE MEISTEN FRAUEN FLACH?
Dabei ist gerade das Prinzip der Skandalberichterstattung und anschließend geheuchelter öffentlicher Empörung ein Garant für Quote. Ende vergangenen Jahres wirbelte die Ankündigung von Pro Sieben, am 18. Januar mit der Sex-Doku-Soap "50 pro Semester" ins Programm zu gehen, so viel Staub auf, dass der Sender erst einmal den Start verschob. Verschob – nicht annullierte. Dafür verspricht ein "Scripted Reality"-Format, bei dem fünf Studierende gegeneinander antreten mit dem Ziel, schnellstmöglich 50 Frauen oder Männer ins Bett zu bekommen, einfach zu viel Quote bringenden Voyeurismus. Da können Kirche und Politik noch so sehr protestieren – Pro Sieben wird mit seiner Studienreform wie und wann auch immer noch bei den entsprechenden Interessengruppen ankommen.
Wer aber sind diese? Und was treibt sie an? Stimmt die von Harald Schmidt nicht erfundene aber medienwirksam publizierte These vom "Unterschichtenfernsehen"? Aufschlussreicher und weniger polemisch ist es wohl, von einer "medialen Klassengesellschaft" zu sprechen, wie der Saarbrücker Psychologe und Medienwissenschaftler Peter Winterhoff-Spurk, auch wenn dieser hierbei einen "Begriffsfetisch" nicht in Abrede stellt. Doch Winterhoff-Spurks Argumentation zur Mutation des Hörfunks zwischen 1923 und der Gegenwart – "vom "Kultur- und Bildungsradio zum Dudelfunk unserer Tage" – zeigt deutlich, dass sich ein "medienpolitischer Urknall zugunsten der Unterhaltung" erst mit dem Start der Kabelpilotprojekte in den 1980ern vollzog. Winterhoff-Spurk: "Die Zulassung privater, marktorientierter Medienorganisationen führte zu einer explosionsartigen Zunahme des Unterhaltungsprogramms."
DAS PROGRAMM VERFLACHT
Der Autor des Buches "Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt" argumentiert im Grunde auch nur mit hinlänglich bekannten Fakten, die gleichwohl sehr häufig für Vereinfachung, Reduktion und neue Mythen herhalten müssen. Vor allem publizistische. An der von ihm konstatierten "emotionalen und kognitiven Verflachung" der Programme – auch im Fernsehen – ist indes nicht zu zweifeln, ganz gleich wie objektiv oder subjektiv man diese wahrnimmt.
Der Autor dieser Zeilen muss sich hier zum Beispiel eine Niederlage eingestehen. Er hat gerade versucht, der RTL-2-Dokumentation "Deutschland, Dein Big Brother! – 10 Jahre Fernsehgeschichte" über zwei Stunden hinweg möglichst objektiv beizuwohnen. Nach einer Stunde zwanzig war sein Widerstand gebrochen und er schaltete ab. Ganz subjektiv. Dabei waren da erst sechs von neun Staffeln merkwürdigster "Fernsehgeschichte" aufgearbeitet.
Das wird den Sender im Hinblick auf den Start der zehnten "Big Brother"-Staffel am 11. Januar freuen. Denn auch wenn Tabubruch-Steigerungen in der Exhibitionisten-Soap kaum noch denkbar sind, allein die Vorstellung, solchen doch beizuwohnen, wird etliche vor den Bildschirm locken. Schon allein der coolen, geilen und, pardon, abgefuckten Typen wegen. Zitat "Big Brother", Staffel 3: "Mit so ner Kacke machste dich selber Scheiße." Zumindest so lange das Geruchsfernsehen noch nicht erfunden ist, wird eben diese weiter die Befindlichkeiten eines nicht geringen Teils der Fernsehnation widerspiegeln.
Autor: Alexander Dick


