Südbadischer Großhändler

Ecomal aus Kirchzarten versorgt die Welt mit Elektronikbauteilen

Bernd Kramer

Von Bernd Kramer

Di, 11. Dezember 2018 um 19:57 Uhr

Wirtschaft

Der tarifgebundene Großhändler versendet 12 500 Lieferungen täglich und baut die südbadische Zentrale kontinuierlich aus.

Peter Kraus ist schnellen Schrittes. Wer ihm folgen will, darf nicht bummeln. Das hohe Tempo ist der Beschäftigung des 55-Jährigen geschuldet: Wer als Logistik-Manager und Personalverantwortlicher dafür zuständig ist, dass 12 500 Verpackungseinheiten täglich das Lager verlassen, um 8000 Kunden in 60 Ländern mit Elektronikbauteilen zu versorgen, hat keine Zeit zu verschwenden.

Nein, Peter Kraus arbeitet nicht an einem der Standorte des US-Versandhändlers Amazon, der wie kein anderes Unternehmen für den Siegeszug des Onlinehandels steht. Der Arbeitsplatz des gelernten Speditionskaufmanns ist vielmehr in einem Industriegebiet im südbadischen Kirchzarten – bei Ecomal. Die Buchstaben stehen für Electronic Components and Logistics – auf Deutsch, elektronische Bauteile und Logistik. Ecomal ist ein Großhändler, der Unternehmen unter anderem mit passive Bauelementen, Halbleitern, Transistoren, Opto- und Infrarot-Bauelementen versorgt.

Die Kirchzartener gehörten zu den Großen auf ihrem Feld. "Der Umsatz pro Jahr beläuft sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag", sagt der 62-jährige Geschäftsführer Martin Behlke, der Ecomal seit 2003 leitet. "Es gibt Tage, da verlässt Ware im Wert von mehr als einer Million Euro unseren südbadischen Standort." Der Wert einer einzelnen Bestellung schwankt zwischen fünf Euro und sechsstelligen Summen.

Kirchzarten ist das Herz von Ecomal

Kirchzarten ist das Herz von Ecomal, hier befindet sich das Logistikzentrum, wo die eingekauften Komponenten eintreffen, gelagert und zu den Kunden weiterverschickt werden. Im Rest der Republik ist der Großhändler mit Niederlassungen vertreten. Außerdem gehören mehrere Ländergesellschaften in europäischen Staaten zu dem Unternehmen. In Kirchzarten arbeiten 150 Menschen für Ecomal – davon rund 30 im Lager. Damit zählt der Großhändler zu den größten Arbeitgebern in der Schwarzwaldgemeinde mit ihren rund 10 000 Einwohnern.

An eine Verlagerung in ein europäisches Billiglohnland denkt Martin Behlke nicht: "Hier in Kirchzarten haben wir alles nah beieinander – Informationstechnik, Verwaltung und das Lager. Die kurzen Wege sind die Voraussetzung dafür, dass wir sehr schnell auf Kundenwünsche reagieren können. Die Kommunikation ist einfach und kostet kaum Zeit."

Das Vertrauen in den südbadischen Standort zeigt die Baustelle auf dem Firmengelände. Ecomal will die Zahl der Palettenstellplätze von 800 auf 3500 erhöhen. Im März kommenden Jahres sollen die Bauarbeiten für die neuen Lagerflächen abgeschlossen sein. Das Unternehmen, das zum US-Konzern Vishay gehört, hat in der Vergangenheit seine Präsenz in Kirchzarten stetig ausgebaut. Zuletzt wurde 2012 im großen Stil erweitert. Hervorgegangen ist Ecomal aus der 1972 gegründeten Roederstein Bauelemente-Vertrieb. "Der Gründer hat die Schwarzwald-Gemeinde ganz einfach schön gefunden", sagt Martin Behlke lächelnd.

Die Datenbrille steigert die Produktivität

Ecomal liefert nicht nur Hightech-Bauteile, sondern nutzt auch sehr fortschrittliche Technik für das eigene Geschäft. Ein zentraler Bestandteil des Unternehmens ist mittlerweile die Datenbrille, die den Mitarbeitern auf einfache Weise hilft, Ware an den gewünschten Platz im Lager zu bringen und sie dort auch wieder zu finden. Mit dem elektronischen Werkzeug, das wie eine normale Brille getragen wird, lassen sich per Knopfdruck Barcodes lesen. Die schwarz-weißen Balken sind so etwas wie der Ausweis eines Produkts oder eines Stellplatzes. Werden nun der Barcode des Produkts und des Stellplatzes gescannt, weiß das angeschlossene Datenverarbeitungssystem, wo die Halbleiter oder Dioden im Lager liegen. Kommt eine Bestellung, zeigt das in der Brille integrierte Display an, wo der Mitarbeiter die gewünschte Ware ablegen oder holen muss. Die Picklisten erscheinen auf dem Display. Sie geben dem Beschäftigten Auskunft darüber, welche Teile für die Bestellung zusammengeführt werden müssen. Die Technik nutzt Ecomal seit zwei Jahren. Entwickelt wurde sie von der Firma Picavi.

Mit dem neuen System behalten Peter Kraus und sein Team stets den Überblick – was bei rund 90000 Lagerorten nicht gerade einfach ist: "Es geht so gut wie nichts mehr verloren." Zudem wird "chaotisch" einsortiert – also nicht nach einer bestimmten Ordnung, sondern dort wo gerade Platz ist. Als weitere Prämisse gilt: Was zuerst angeliefert wurde, muss auch bei Bestellung zuerst wieder raus: "First in – First out", sagt Peter Kraus. Die Software, mit deren Hilfe der Versand- und Verteilprozess gesteuert wird, haben die Informationstechnik-Spezialisten von Ecomal selbst geschrieben.

Die Zukunft sieht der Ecomal-Chef gelassen

Die Zukunft sieht Martin Behlke gelassen. Er geht nicht davon aus, dass alle Kunden in den kommenden Jahren direkt per Internet bei den Produzenten einkaufen und so den Großhandel überflüssig machen. "Den Großhandel wird es weiter geben", ist er überzeugt. "Großhändler haben den Vorteil, dass sie auch kleine Bestellungen rentabel abwickeln können", sagt der gelernte Fernseh-, Medizin- und Flugzeugfunktechniker. "Wenn ein einzelner Kunde nur wenige Bauteile bei einem großen Elektronikproduzenten ordert, rechnet sich das für den Hersteller kaum oder gar nicht. Der Großhändler fasst solche Bestellungen zusammen und wird damit zum attraktiven Großkunden für den Produzenten."

Um über qualifizierten Nachwuchs zu verfügen, legt Ecomal Wert auf die betriebsinterne Ausbildung. "Wir haben in der Regel zwischen acht und zehn Azubis", sagt Peter Kraus. Wer möchte, kann bei dem Unternehmen eine Lehre zum Lagerspezialisten, Bürokaufmann oder Informationstechniker absolvieren. Ecomal gibt auch Jugendlichen, die bei ihrem Start ins Berufsleben Schwierigkeiten haben, eine Chance: "Bei uns gibt es das Einstiegsqualifizierungsjahr. Es ist ein betriebliches Langzeitpraktikum, das auf einen anerkannten Ausbildungsberuf vorbereitet", erklärt Ausbilder Kraus.

Das Unternehmen zahlt nach Chemie-Tarif

Betriebsratschef Jörg Chrapkowski spricht von einem partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Belegschaft und Unternehmensleitung. "Beide Seiten arbeiten vertrauensvoll zusammen und die Geschäftsführung ist offen für Anregungen der Mitarbeiter. In den vergangenen fünf Jahren gab es keine betriebsbedingte Kündigung." Bezahlt wird bei Ecomal nach dem Chemietarif – das Unternehmen ist tarifgebunden.