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30. April 2010
Auf dem Weg zum Biobauer
Joel Siegel krempelt Norsinger Obstbaubetrieb um / Unterstützt wird er von der Regionalwert AG.
EHRENKIRCHEN-NORSINGEN. Joel Siegel ist Quereinsteiger. Seine Eltern hatten zwar ein paar Streuobstwiesen, aber einen ganzen Hof mit 20 Hektar Ackerfläche zu bewirtschaften, ist etwas anderes. Das ist auch finanziell eine Herausforderung. Unterstützt wird der 30-jährige Öko-Obstbauer, der seit einem guten Jahr in Norsingen ist, von Christin Hiß und der Regionalwert AG.
Siegel hat im März 2009 einen Hof am nördlichen Ortseingang von Norsingen gepachtet. Es sei ein Glücksfall gewesen, dass er just in dem Moment zur Stelle war, als der betagte Hofpächter einen Nachfolger suchte, weiß Siegel. Der junge Elsässer ist ausgebildeter Obstbautechniker und hat früher als Produktionsleiter gearbeitet. Den Schritt in die Selbstständigkeit wagte er mit 50 000 Euro Startkapital. Obwohl er noch im März mit der Produktion begann, wurde ihm im Sommer das Geld knapp. Siegel stellt den konventionellen Obstanbau auf ökologischen Standard um. Bis da die ersten Erträge fließen, dauert es zwei bis drei Jahre.Von den Banken habe er, so berichtet Siegel, keinen Kredit bekommen, weil er weder Sicherheiten anbieten noch einen Jahresabschluss vorweisen konnte. "Ohne die Regionalwert AG hätte ich mich nur über Privatkredite finanzieren können", sagt Siegel. Die Regionalwert AG ist im November bei Siegel als stille Teilhaberin eingestiegen. Diese in Eichstetten ansässige Bürgeraktiengesellschaft hat das Ziel, in der Region eine ganze Wertschöpfungskette der ökologischen Nahrungsmittelbeschaffung, vom Anbau bis zur Gastronomie, aufzubauen.
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Sie kauft mit dem von den Aktionären bereit gestellten Kapital landwirtschaftliche und landwirtschaftsnahe Betriebe im Großraum Freiburg und verpachtet sie. Die Pächter müssen ökologische und soziale Standards erfüllen. Dazu gehören beispielsweise ein geringer Ressourcenverbrauch, der Erhalt der Artenvielfalt und eine gerechte Entlohnung der Beschäftigten.
Das Netzwerk soll Landwirte, aber auch Winzer, Biohändler, Gastronomen und andere einbinden. Bislang gehören eine Gärtnerei und ein Milchviehstall mit Hofkäserei, beide in Eichstetten, zur AG. Sie hält außerdem stille Beteiligungen an einem Bio-Catering-Betrieb in Freiburg, am Marktladen im Rieselfeld und an einem Naturkostgroßhändler in Überlingen. Das Bio-Obst aus Norsingen ist "ein neuer Schritt" für Regionalwert-Vorstand Christian Hiß. Der Eichstetter hat die AG vor drei Jahren gegründet und wurde dafür 2009 vom Rat für Nachhaltige Entwicklung, ein Beratergremium der Bundesregierung, ausgezeichnet.
Auf seinen neuen Partner ist Hiß stolz: "Joel ist hoch qualifiziert und vor allem sehr motiviert. Solche Leute brauchen wir." Allerdings ist die Gewinnspanne in der Landwirtschaft laut Hiß kleiner als in anderen Wirtschaftsbereichen: Ein Hof mit 500 000 Euro Anfangsinvestition bringe im Schnitt einen jährlichen Ertrag von 100 000 bis 125 000 Euro. Wegen dieser Schieflage fördere die Regionalwert AG solche Projekte, erläutert Hiß. Bei klassischen Hofübergaben (ohne Umstellung auf Bio) bleibe der Umsatz stabil, sagt er. Anders bei Siegel: "Hier ist die ganze Vermarktung zusammengebrochen." Bis Juli darf Siegel seine Früchte noch nicht als Bio-Ware verkaufen. Danach muss er sie noch ein Jahr lang als Umstellungsware kennzeichnen. Erst dann sind seine Aprikosen, Äpfel, Birnen, Beeren und Spargel richtig bio.
Siegel baut viele verschiedene Sorten an, damit er das ganze Jahr über etwas zu ernten hat. Kürzlich hat die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae den Betrieb besucht. Sie wunderte sich, dass Siegel von den Banken auch kein Existenzgründerprogramm bewilligt bekommen hat. Sie will den Fall nun der staatlichen KfW-Bank vortragen. Andreae ist selbst eine von rund 360 Aktionären der Regionalwert AG, die zusammen fast 1,4 Millionen Euro Stammkapital halten. Gerade läuft eine Kapitalerhöhung; bis Ende Mai können 1396 neue Aktien gezeichnet werden. Gemeinden sind keine beteiligt. "Das wäre aber wichtig für die Infrastruktur und die Wertschöpfung", so Andreae: Betriebe wie der von Obstbauer Siegel seien ja auch Gewerbesteuerzahler.
Autor: Barbara Schmidt
