Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. Oktober 2017

Die Ordensschwestern abgelöst

Vor 40 Jahren wurde die Sozialstation Mittlerer Breisgau gegründet – Geschäftsführerin Ulrike Meister blickt zurück.

  1. Die Autos der Sozialstation sind vielen in der Region bekannt. Rund 300 Patienten betreut die Einrichtung, deren Leitung Ulrike Meister seit 2012 inne hat. Foto: Nikola Vogt

EHRENKIRCHEN. Die Pflege von Familienangehörigen gehört für viele Menschen zum Alltag. Fachmännische Unterstützung erhalten sie dabei von Einrichtungen wie der Sozialstation Mittlerer Breisgau. Sie besteht mittlerweile seit 40 Jahren und hat damals die Pflegearbeit der Ordensschwestern übernommen. Von 1977 bis heute hat sich viel getan. Zum Jubiläum der Sozialstation Mittlerer Breisgau blickt Geschäftsführerin Ulrike Meister zurück.

Die Sozialstation empfängt ihre Besucher im Prälat-Stiefvater-Weg in Ehrenkirchen in hellen und freundlichen Räumen. Vor zwei Jahren zog die Einrichtung in die neuen vier Wände um. Zuvor war sie in der Raiffeisenstraße untergebracht, davor – auch zu Gründungszeiten – hatte die Sozialstation ihren Sitz in Bollschweil. Zu ihren Kernaufgaben zählen die häusliche Pflege und Behandlungspflege, die hauswirtschaftliche Unterstützung und Betreuung, die Entlastung pflegender Angehöriger, die Hilfe für Menschen mit Demenz sowie die Palliativpflege. "Unser Ziel hat sich von damals bis heute eigentlich nicht verändert: Wir wollen Menschen würdevoll pflegen und begleiten", sagt Ulrike Meister. Was sich jedoch geändert hat, sind die Rahmenbedingungen.

Werbung


Um das zu erklären, blickt die Geschäftsführerin auf die Anfänge der Sozialstationen zurück. Sie gehen mit dem Rückgang der Ordensschwestern Ende der 1960er Jahre einher. Diese hatten sich damals um die Nöte und Anliegen der Bevölkerung gekümmert. "Man kennt noch dieses Bild, wie die Ordensschwestern früher auf dem Fahrrad zu ihren Patienten fuhren", sagt Meister. Für ihren Einsatz seien sie da auch mal mit einem Sack Kartoffeln bezahlt worden. Doch als die Zahl der Schwestern sank, wurde den Verantwortlichen der Kirchengemeinden und politischen Gemeinden klar, dass sie die häusliche Pflege und Versorgung alter und kranker Menschen auf eine neue Grundlage stellen müssen. Die örtlichen Krankenpflegestationen in den einzelnen Gemeinden wurden zu einer christlich geprägten Sozialstation zusammengeführt. Das bedeutete am 1. Oktober 1977 auch die Geburtsstunde der Sozialstation Mittlerer Breisgau.

Vor 40 Jahren betrug der Umsatz der Einrichtung 300 000 D-Mark. Heute sind es 1,5 Millionen Euro. "Wir haben uns zu einem Dienstleistungsunternehmen entwickelt", sagt Meister. Die Sozialstation beschäftigt 40 festangestellte und 30 ehrenamtliche Mitarbeiter, die sich um rund 300 Patienten kümmern, hat Ausgaben für ihre Räumlichkeiten und den Fuhrpark zu zahlen. "Der Kostendruck wird immer größer", sagt Meister mit Blick auf die Refinanzierung der Leistungen durch die Krankenkassen. Sie spricht von einem "Spagat" zwischen der menschenwürdigen Pflege auf der einen und dem Kostendruck auf der anderen Seite.

"Wir sind immer auf der Suche nach Pflegekräften."

Geschäftsführerin Ulrike Meister
Auch der Fachkräftemangel ist ein Punkt, der der Sozialstation zu schaffen macht. Sie kümmert sich um Menschen in den Gemeinden Au, Bollschweil, Ebringen, Ehrenkirchen, Horben, Merzhausen, Pfaffenweiler, Schallstadt, Sölden und Wittnau. "Wir würden gerne mehr Pflegekräfte einstellen und sind immer auf der Suche", sagt Meister. Der Bedarf sei gegeben. Doch Pflegekräfte sind, gerade durch die Nähe zur Schweiz, nicht einfach zu finden. Im November will die Einrichtung durch eine Anzeige gezielt auch Arbeitnehmer aus dem Elsass auf sich aufmerksam machen. Dort sei die Chance gegeben, dass die Menschen Deutsch sprächen. Das sei in der ambulanten Pflege besonders wichtig. Schließlich muss viel dokumentiert werden. Zudem arbeite man, anders als bei der stationären Pflege, nicht im Team, in dem schlechte Sprachkenntnisse eventuell ausgeglichen werden könnten.

Die Sozialstation tue viel, um als attraktiver Arbeitgeber für sich zu werben. Familienfreundliche Arbeitszeiten, ein Lebensarbeitszeitkonto und Gesundheitsprogramme seien da nur einige Beispiele. Seit 2014 bildet die Einrichtung selbst aus und unterstützt Azubis beispielsweise bei der Finanzierung ihres Führerscheines. Auch Ehrenamtliche würden immer gebraucht. Viele von ihnen sind bei der Sozialstation beispielsweise in der Betreuung von Demenzkranken tätig.

Die Zahl der Patienten der Sozialstation hat in den vergangenen 40 Jahren zugenommen. Sind es heute rund 300, so seien es vor zehn Jahren noch etwa 200 gewesen, zuvor noch weniger. Dadurch sei die Einrichtung heute auch verwaltungstechnisch ganz anders aufgestellt als früher. Seit zwei Jahren ist die Sozialstation zudem kein Verein mehr, sondern eine gemeinnützige Gesellschaft (gGmbH). Die Änderung kam durch die Reform der Seelsorgeeinheiten zustande. Auch sei sie dem Umsatzvolumen geschuldet gewesen, wie Meister sagt. Sie kann in diesem Jahr übrigens auch ein kleines Jubiläum feiern: Im Dezember arbeitet sie zehn Jahre lang bei der Sozialstation – erst als stellvertretende Pflegedienstleitung, dann als Pflegedienstleitung und seit 2012 als Geschäftsführerin.

Ulrike Meister denkt, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, was es bedeute, wenn die Sozialstation einknicken würde. "Überlebenswichtig" seien da auch die Zuschüsse der politischen und kirchlichen Gemeinden. So könnten Leistungen erbracht werden, die kein Kostenträger übernehme. Dazu zähle beispielsweise die Sterbebegleitung. "Ich bin stolz auf 40 Jahre Sozialstation", sagt die Geschäftsführerin. "Trotz Kostendrucks und Fachkräftemangels bleiben wir am Leben."

Das 40-jährige Bestehen wird am Samstag, 14. Oktober, 16 Uhr, mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Wallfahrtskirche Kirchhofen gefeiert. Statt eines anschließenden Empfangs soll das Geld hierfür gespendet werden: 500 Euro gehen an die Flüchtlingshilfe Ehrenkirchen.

Autor: Nikola Vogt