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14. August 2009

Mit dem Fahrrad in die ewige Stadt

Ritva Kundt aus Ehrenkirchen legte 1165 Kilometer nach Rom zurück / Die Nähe zu den Menschen hat sie sehr geschätzt.

EHRENKIRCHEN. In Donaueschingen ging sie los: die Radtour von Ritva Kundt aus Ehrenkirchen, welche die 65-Jährige über 1165 Kilometer nach Rom führte. Beladen mit 15 Kilogramm Gepäck trat die Rentnerin die Reise an. Über Gebirge und durch heiße Regionen radelte die gebürtige Finnin bis auf den Petersplatz.

Weniger Gepäck war nicht möglich. Denn obwohl an Kleidung zu dieser Jahreszeit gespart werden konnte, trugen unverzichtbare Werkzeuge und Medizin ihren Anteil zum Gewicht des Reisegepäcks bei. Bis nach Nufenden in der Schweiz hatte Ritva Kundt die Unterkünfte vorab reservieren können. Ab dann musste vor Ort gesucht werden. Um auch in Italien die Suche nach Nachtquartieren und Essensmöglichkeiten meistern zu können, hatte sie zu Hause mehrere Italienisch-Kurse belegt. Situationen, in denen sie ihre Sprachkenntnisse anwenden musste, gab es viele. Ihre Scheu legte Ritva Kundt bald ab: "Die Italiener haben mir die Angst wirklich schnell genommen. Egal wie lange es dauerte bis ich verstanden wurde, sie hatten viel Geduld und gaben sich große Mühe, mich zu verstehen."

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Die Romfahrt war nicht die erste große Radreise der Rentnerin. Bereits 2006 radelte sie in ihre Heimat Finnland. Nach weiteren Radtouren, die sie schon bis nach Parma geführt haben, wurde die Idee geboren nach Rom zu fahren. "In Freiburg gab es einen Radsportverein, der Touren bis nach Sizilien anbot. Dort habe ich angerufen und nach der Route gefragt. Doch die wollten sie mir nicht sagen. Da dachte ich mir: Das krieg’ ich auch selber hin", berichtet Ritva Kundt. Die zurückgelegte Strecke entsprach letztendlich auch der geplanten. "Nur die Bewältigung des Cisa-Passes hat alles übertroffen, was mir vorgeschwebt hat. Eine Alpentour ist weit weniger anstrengend dagegen", erzählt sie. Trotz intensivem Training – 2000 Kilometer auf dem Rad hatte die sportliche 65-Jährige vor der Reise zurückgelegt – barg die Reise auch Gefahren. Ein Unfall auf einer abschüssigen Straße verdeutlichte ihr, wie viel Glück sie gehabt hat, dass ihre Ankunft in Rom nicht verhindert wurde. "Da es bergab ging, warf ich immer wieder einen Blick auf mein Gepäck. Als sich etwas löste, griff ich mit einer Hand danach. Die andere Hand hatte ich aber auf der Vorderbremse, die ich durch das Wegfallen der Hinterbremse zu stark betätigte – und so bin ich gestürzt", schildert Ritva Kundt den Unfall. Einen Schutzengel muss sie gehabt haben, dass ihr Gepäck den Sturz abfederte und sie mit keinem Auto zusammengestoßen ist. Nur blaue Flecken erinnerten in den nächsten Tagen noch an den Unfall.

Ihre Kinder – die stolz auf ihre sportliche Mutter sind – halten sie nicht von ihren Abenteuern ab: "Sie haben bereits gesehen, dass ich das bewältigen kann." Obwohl sie in der Vergangenheit Herzrhythmusstörungen hatte, gab sie den Radsport nicht auf. "Mein Kardiologe sagte mir, dass ich trotzdem fahren kann", so Ritva Kundt.

In Rom angekommen blieben drei Tage, um die ewige Stadt zu erkunden. Besonders die sixtinische Kapelle im Vatikan wollte Ritva Kundt sich anschauen. Als sie den Petersdom besichtigte, hielt Papst Benedikt XVI. gerade seine Sonntagsansprache. Die Botschaft lautete: "Wer seine Schwächen zeigt, ist stark." Das waren beeindruckende Worte für sie – hatte Ritva Kundt doch in den elf Tagen zuvor täglich zwischen 90 und 130 Kilometer zurückgelegt und durchweg ausschließlich Stärke bewiesen.

Im Gegensatz zu einer üblichen Romfahrt mit dem Auto oder Zug schätzte die Rentnerin vor allem die Nähe zur Bevölkerung sowie täglich an ihre Grenzen zu stoßen. Nachdem sie sich den Weg nach Rom aus eigener Kraft gebahnt hat, ist sie stolz auf sich. "Vielleicht fühlt sich jemand durch meine Reise inspiriert und tritt die Route selber an. Ich möchte junge Leute und auch Senioren dazu animieren in ihrer Freizeit Radsport zu betreiben", sagt Ritva Kundt. Sie selbst ist aktives Mitglied des Rad- und Motorsportvereins "Edeltanne" in Ehrenstetten. Seit ihrer Rückkehr aus Rom trainiert sie wieder jeden Donnerstagabend mit ihren Vereinskollegen: "Dieses normale Training erscheint mir jetzt wie Fliegen."

Autor: Dorothee Biedermann