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30. Juli 2010
Betreuung wird für die Kleinen teurer
Umstellung der Kindergartengebühren auf Württemberger Modell entlastet große Familien, aber Kleinkindbetreuung wird teurer.
BREISGAU. Im Windschatten der bundesweiten Debatte um die Ausweitung der Betreuungsangebote für Vorschul- und Kleinkinder vollziehen viele Gemeinden derzeit eine Änderung bei den Betreuungsgebühren. Sie schwenken um auf ein vom Städte- und Gemeindetag empfohlenes System, das so genannte Württemberger Modell. Es soll vor allem Familien mit mehreren Kindern finanziell entlasten. Doch die Realität sieht nicht selten anders aus: Die empfohlenen Sätze liegen oft deutlich über dem bisher in den Breisgaugemeinden verlangten Gebühren.
Nach dem Württemberger Modell zählt künftig die Gesamtzahl aller Kinder unter 18 Jahren in einem Haushalt. Wer zwei Kinder hat, zahlt pro Kind eine geringere Gebühr als für ein Kind aus einer Einkindfamilie. Noch niedriger wird der Satz bei Dreikindfamilien und am geringsten ist er, wenn eine Familie vier oder mehr Kinder zählt. Bisher haben viele Kommunen das badische Modell: eine ermäßigte Gebühr gibt es nur für das zweite Kind, das gleichzeitig mit dem ersten Kind den Kindergarten besucht. Diese Ermäßigung griff also meist nur kurze Zeit, das Württemberger Modell dagegen entlastet Mehrkindfamilien durchgehend. Doch in der Praxis fährt die von den Gemeinden mit neuen Baugebieten und sonstigen Vorhaben so heftig umworbene Zielgruppe der "jungen Familien" kaum besser – im Gegenteil.Werbung
Das jüngste Beispiel liefert Eichstetten, wo man sich viel vom Baugebiet Nohl verspricht und auch schon länger, als es andernorts erst diskutiert wurde, Kleinkindbetreuung anbietet. Jetzt will man sich für das im September beginnende Kindergartenjahr an die neuen Gebührensätze halten, konsequenter als die meisten anderen Gemeinden: 87 Euro für ein Kind, 66 Euro bei Zweikindfamilien, 44 Euro bei drei Kindern und 15 Euro Gebühr für Kinder aus Haushalten mit mindestens vier Kindern. Bisher galten 70 Euro für das erste Kind und 40 Euro für ein gleichzeitig den Kindergarten besuchendes Geschwisterchen. In der Summe wird das Gebührenaufkommen wegen der deutlichen Entlastung der Mehrkindfamilien sinken und damit das Defizit der Kommune steigen. Merdingen stellt auch auf dieses System um, Gottenheim hat es schon, Bötzingen ebenfalls, dort nur mit einer Umrechnung der Gebührensätze von zwölf auf elf Beitragsmonate. Die neuen Gebührensätze liegen übrigens knapp drei Prozent über denen des jetzt zu Ende gehenden Kindergartenjahres.
Umkirch hält dagegen noch an seinem, dem badischen Modell folgenden Gebühren fest. Mit 61 Euro Gebühr sowie 35 Euro für ein gleichzeitiges Geschwisterkind (ein drittes kostet gar nur 2,50 Euro) ist man hier sehr günstig, unterboten nur von der March. Dort hat man vor einem Jahr als familienpolitisches Signal die Kindergartengebühr radikal auf 47 Euro abgesenkt und gleichzeitige Geschwisterkinder im Kindergarten ganz beitragsfrei gestellt. Beide Gemeinden bieten auch durchgehende Tagesbetreuung an, mit niedrigen Gebührensätzen.
Während bei Kindergartenkindern nur Ein- und Zweikindfamilien in den Gemeinden, die auf das Württemberger Modell umstellen, keine finanzielle Entlastung bekommen oder mehr zahlen müssen, so greift das Modell bei der Kleinkindbetreuung allen Familien weit tiefer in die Tasche. 258 Euro bei Einkindfamilien, 191 Euro bei Zweikindfamilien und 129 Euro bei Dreikindfamilien – das sind Sätze für ein in der Regel 30-stündiges (im Schnitt von 7.30 bis 13.30 Uhr) Betreuungsangebot, die deutlich über den bisher in der Kleinkindbetreuung üblichen Tarifen liegen. Darum halten Bötzingen und Gottenheim – die schon nach dem Württemberger Modell alle Kinder einer Familie zur Gebührenstaffelung berücksichtigen – ihre Sätze unter diesen Empfehlungen. Bötzingen nimmt ab September für die Einkindfamilie 180 Euro, Gottenheim 205, für die Zweikindfamlie sind es 134 beziehungsweise 140 Euro, für Dreikindfamilien 90 in Bötzingen, 80 Euro in Gottenheim. Für Vier- und Mehrkindfamilien – hier empfiehlt das Landesmodell 52 Euro – verlangt Bötzingen 54, Gottenheim nur 30 Euro. Eichstetten will sich hingegen den Landessätzen anpassen, nur bei Einkindfamilien mit 231 Euro leicht darunter bleiben, was immer noch ein drastischer Anstieg gegenüber bisher 150 Euro ist. Umkirch nimmt nach dem badischen Modell für ein Kleinkind 190 Euro, für ein gleichzeitig betreutes Geschwisterchen 130 Euro, in March sind es sogar nur 155 beziehungsweise 107 Euro. In Eichstetten waren bisher für ein gleichzeitig betreutes Geschwisterchen in der Kleinkindbetreuung sogar nur 74 Euro fällig.
Die Kleinkindbetreuung, deren Bedarf fast allerorten sprunghaft steigt, wird für die meisten Eltern überall dort, wo das Württemberger Modell angewandt wird, deutlich teurer werden. Dennoch werden auch die Kosten für die Gemeinden steigen: Die Ausweisung zusätzlicher Plätze erfordert zusätzliches Personal, so geschieht es im September unter anderem in Bötzingen, Eichstetten und Merdingen. Und diese Mehrkosten übersteigen den Anstieg der Gebühreneinnahmen. Solange Land und Bund hier nicht eingreifen, zahlen also Gemeinden und Eltern die Zeche alleine.
Autor: Manfred Frietsch
